
Travis Barker hatte fünfundvierzig Minuten Zeit, ein komplettes zwanzig Songs langes Live-Set zu lernen, und verbrachte einen Teil davon auf der Toilette, Kassettenrekorder in der Hand, Kopfhörer auf. Am selben Abend spielte er die Show fehlerfrei durch. Der Grund für die Eile, Originalschlagzeuger Scott Raynor kämpfte mitten auf Tour mit Alkoholproblemen, ihm fielen bei einem einzigen Auftritt zehnmal die Sticks aus der Hand, bis Mark Hoppus und Tom DeLonge im Sommer 1998 die Reißleine zogen. Travis Barker, bis dahin bei der Vorband AQUABATS, sprang ein und blieb gleich ganz. Wenn das nicht die perfekte Origin-Story für ein Album ist, das Jahre später Millionen Teenager zum Na-Na-Na-Mitgrölen bringen sollte, dann weiß ich es auch nicht.
BLINK-182 waren zu diesem Zeitpunkt schon lange keine reine Nischenband mehr, ´Dammit´ vom Vorgänger ´Dude Ranch´ lief im Radio, aber der eigentliche Umbruch kam erst mit Travis Barker am Schlagzeug und Produzent Jerry Finn hinter dem Mischpult. Jerry Finn hatte vorher schon ´Dookie´ von GREEN DAY gemixt, das Trio hielt ihn für viel zu groß für sie und war selbst überrascht, dass er überhaupt Interesse zeigte. Im Studio ging es zu wie auf einem Kindergeburtstag mit Alkoholausschank, Mark Hoppus erinnerte sich später daran, dass ein typischer Arbeitstag aus mehreren Takes für einen einzigen Songteil bestand, gefolgt davon, dass sich alle auszogen und sich auf Jerry Finn stürzten. Ganz am Ende der Aufnahmen brachte Jerry Finn dann noch Keyboarder Roger Joseph Manning Jr. ins Spiel, bekannt durch seine Arbeit mit Beck. Mark Hoppus zögerte zunächst, seine Fanbase bestand schließlich aus Hardcore-Punks, die auf Keyboardparts eher allergisch reagieren könnten, ließ sich aber überzeugen.
Der Albumtitel selbst ist im Grunde ein einziger, monatelang wiederholter Insider-Witz. Tom DeLonge hatte während der Aufnahmen eine Ernährungsphase, in der er sich ununterbrochen über Einläufe ausließ, bis daraus das Wortspiel mit „Enemy Of The State“ wurde. Vorher hatte die Band ernsthaft Titel wie „Turn Your Head And Cough“, „Does That Look Infected?“ oder das herrlich anzügliche „Vasecto Me Vasecto You“ im Rennen, gegen die „Enema Of The State“ fast schon dezent wirkt. Auf dem Cover streift sich dann passenderweise das Erotikmodel Janine Lindemulder im Krankenschwester-Outfit einen OP-Handschuh über, ursprünglich mit einem kleinen roten Kreuz drauf, das aus rechtlichen Gründen schnell wieder verschwinden musste. Erstpressungen mit dem Kreuz sind heute gesuchte Sammlerstücke. In Malaysia ging man noch weiter und verpasste Janine Lindemulder digital ein braves T-Shirt statt des Krankenschwester-Outfits, eine Zensur-Variante, die heute selbst unter Sammlern als Kuriosität gilt.

Musikalisch ballert das Album von der ersten Sekunde an los. ´Dumpweed´ eröffnet mit einem Riff, das technisch anspruchsvoller ist, als es klingt, dabei geht es um einen Typen, der sich buchstäblich eine trainierbare Freundin wünscht, herrlich dämlich, herrlich ehrlich. ´Don’t Leave Me´ macht den liebenswerten Loser zum Popmusik-Standard, während ´Aliens Exist´ 1999 noch als lustiger Ufo-Verschwörungssong durchging. Heute wissen wir, Tom DeLonge fuhr damals tatsächlich nachts mit dem Tourbus in die Wüste, um den Himmel zu beobachten, und verließ die Band Jahre später unter anderem, um mit seiner eigenen Organisation offiziell mit der US-Regierung an Ufo-Forschung zu arbeiten. Der Song war also keine Comedy-Nummer, sondern eine Prophezeiung mit Gitarrenriff.
´Going Away To College´ schrieb Mark Hoppus krank im Bett an einem einzigen Valentinstag in zehn Minuten, und ausgerechnet dieser schnell hingeworfene Song wurde zu einem der ehrlichsten und verletzlichsten der ganzen Platte. Dann ´What’s My Age Again?´, ursprünglich als ´Peter Pan Complex´ geplant, bis das Label Angst bekam, niemand würde den Titel verstehen. Das dazugehörige Musikvideo, in dem die Band scheinbar nackt durch Los Angeles rennt, tatsächlich aber nur hautfarbene Unterwäsche trägt, brachte ihnen fast eine Festnahme wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses ein, die Polizei am Sunset Boulevard fand das jedenfalls gar nicht so lustig wie die Band selbst. Jahrelang verstanden Fans außerdem die Zeile „I wore cologne“ hartnäckig als „I holding a phone“ oder „I walk alone“ komplett falsch, bis Mark Hoppus den Text schließlich persönlich auf Twitter klarstellen musste. ´Dysentery Gary´ rundet die erste Hälfte ab, mit einem Bossa-Nova-Einschub, den Travis Barker ursprünglich nur aus Langeweile im Proberaum als Witz gespielt hatte, bis alle fanden, das müsse jetzt für immer so bleiben.
Auf der zweiten Seite trifft dann die pure Sehnsucht auf pure Verweigerung. ´Adam’s Song´ bricht komplett mit dem Klamauk des restlichen Albums, eine düstere, schleppende Auseinandersetzung mit Depression und Suizidgedanken, die laut zahlreichen Fan-Briefen echte Leben rettete. 2000 sorgte der Song zudem für Kontroversen, als er im Kontext des Amoklaufs an der Columbine-Highschool im CD-Spieler eines beteiligten Schülers gefunden wurde. ´All The Small Things´ dagegen ist eine reine, unverschämt eingängige Zuneigungserklärung, Tom DeLonge schrieb den Text für seine damalige Freundin, die Zeile über die Rosen an der Treppe passierte tatsächlich exakt so, wie er sie beschreibt, während das dazugehörige Musikvideo gnadenlos jede Boygroup und jeden Pop-Act der damaligen MTV-Ära durch den Kakao zieht.
´Mutt´ verdankt seine Bekanntheit größtenteils einer berühmt-berüchtigten Webcam-Szene im Film „American Pie“, während ´The Party Song´ mit erstaunlich schlechter Laune gegen ausgerechnet die Partys anschreibt, die das Album eigentlich zu feiern scheint. ´Wendy Clear´ verpackt die Angst vor der Zurückweisung durch den Schwarm in einen der strahlendsten Refrains der Platte, bevor ´Anthem´ als explosives Finale noch einmal alle Frustration über Hausarrest und Vorstadtlangeweile rauslässt und gleich eine ganze Songreihe begründet, die sich bis 2023 fortsetzen sollte.

Was diese Platte im Sommer 1999 losgetreten hat, war der Urknall des Mainstream-Pop-Punk. Punk im Radio klang bis dahin meist rauer und schlechter gelaunt. BLINK-182 kamen mit glatt gebügelten Gitarrenwänden und Refrains, die man nach einmaligem Hören nicht mehr loswurde. Die Puristen schimpften auf „Mall-Punk“ und schrien Ausverkauf, zu poppig, zu albern – doch es war so ziemlich allen anderen egal. Über fünfzehn Millionen verkaufte Exemplare weltweit, in den USA fünffach Platin. In den Charts und auf MTV gaben die BACKSTREET BOYS, Britney Spears und Christina Aguilera den Ton an, bis drei Jungs aus Südkalifornien das nötige Chaos mitbrachten. Weite Shorts und verkehrt herum getragene Basecaps wurden zur Schuluniform einer ganzen Generation, und die Welle, die danach hereinbrach, surfte auf einer Formel, die hier ihre endgültige Form bekam.
Heute ist ´Enema Of The State´ ein Klassiker, an dem kaum noch jemand herummäkelt. Der Vorwurf, alles klinge zu sauber, ist verflogen, stattdessen wird Jerry Finns Produktion gefeiert, und Travis Barkers Schlagzeugspiel inspiriert weiterhin Drummer auf der ganzen Welt. Erklingen irgendwo die ersten Akkorde von ´All The Small Things´, singen drei Generationen mit, von den Ersthörern um die vierzig bis zu Teenagern, die den Sound gerade auf TikTok entdecken. Kaum eine Platte dieser Zeit ist so gut gealtert, und das ausgerechnet bei einem Album mit Klo-Humor im Titel.
2026 bekommt dieses Album ausgerechnet die audiophile Behandlung, die man einem Skate-Punk-Trio vor zwanzig Jahren wohl kaum zugetraut hätte. Über die „Definitive Sound Series“ erscheint ´Enema Of The State´ als One-Step-Pressung, gemastert von Chris Bellman bei Bernie Grundman Mastering, komplett analog, kein digitaler Zwischenschritt, nichts, reines AAA direkt von den originalen Bändern.
Dahinter steckt eine kleine Sensation für Nerds, das Album erschien 1999 überhaupt nicht auf Vinyl, die fertig zusammengestellten analogen Schnittbänder von damals wurden erst jetzt, über zwanzig Jahre später, zum allerersten Mal für einen Plattenschnitt verwendet. Gepresst auf schwerem Neotech-VR900-D2-Vinyl bei RTI, verpackt in einem edlen Tip-On-Gatefold samt Schuber, weltweit limitiert auf 3.000 nummerierte Exemplare. Ein unglaublicher Sound mit Details, die auf jeder CD einfach untergingen. Ganz von der eigenen, cleanen Studio-DNA kommt die Platte allerdings nie los, das war schließlich auch schon 1999 der Punkt.
Zwei ziemlich unreife Kalifornier, ein frisch verpflichteter Trommel-Freak und ein Produzent mit gutem Gehör haben hier ein Stück Musikgeschichte geschrieben, das bis heute nicht fragt, wie alt es eigentlich ist. 2026, glasklar gepresst und zum ersten Mal von den eigenen Bändern geschnitten, klingt der Klo-Humor immer noch herrlich albern und die Sehnsucht immer noch so echt wie am ersten Tag.



