PlattenkritikenPressfrisch

ASH OF ASHES – All Must Wither

2026 (metalloscope-music) - Stil: Epic Storyteller Metal

In der nordischen Mythologie beginnt der Weltuntergang mit einem Schiff: Naglfar, gezimmert aus den Fingernägeln der Toten, sticht in See und bringt die Streitmacht der Riesen zur letzten Schlacht auf die Ebene Wigrid. Dieses Bild holen sich ASH OF ASHES für den Song ´Ash Of Ashes´ auf ihrem dritten Album ´All Must Wither´, und es steht stellvertretend für das ganze Werk: episch, sagenumwoben, mythologisch aufgeladen und mit einer Wucht, die man der Band nach den Jahren der Pause kaum noch zugetraut hätte.

Vier Jahre. So lange haben sich Skaldir und Morten Basse zwischen ´Traces´ und ´All Must Wither´ Zeit gelassen, und man hört jede einzelne Minute dieser Geduld heraus. Das Duo aus dem Sauerland nennt sein Ding selbst Epic Storyteller Metal, und nach dem 2018er Debüt ´Down The White Waters´ und dem gefeierten zweiten Album ist man längst über die reinen Pagan Metal-Wurzeln hinausgewachsen, die noch an Skaldirs frühere Band HEL erinnerten. Mittlerweile ein eigener Sound, erkennbar nach wenigen Takten. Zum ersten Mal bei drei Alben trägt jetzt sogar ein Song den eigenen Bandnamen, ´Ash Of Ashes´, ein kleiner, aber bezeichnender Meilenstein.

Am Mischpult sitzt wieder nur einer: Skaldir, bürgerlich Markus Skroch, nimmt in seinen eigenen „Kalthallen Studios“ auf, mischt und mastert selbst, ein Kontrollfreak im besten Sinne, wie man es von ihm schon durch ELANE und HEL kennt. Verstärkung gibt es trotzdem, von altbekannten Gesichtern: Schlagzeuger Dennis Strillinger treibt die Songs mit unauffälliger Präzision an, Gitarrist Simon Bihlmayer von RUNNING DEATH liefert auf drei Stücken seine Soli, dieselbe Chemie wie schon auf ´Traces´.

´The Great Deceiver´ eröffnet das Werk heroisch bis in die Fingerspitzen, oft im Galopp, und wenn Skaldir stimmlich nach oben schwenkt, ist da sofort dieser leicht klagende, erhabene Ton, den man u.a. von ATLANTEAN KODEX kennt. Diese marschierende, unbarmherzige Präzision im Rhythmus verrät zudem die deutschen Wurzeln der Band, eine Brücke zwischen der teutonischen Zuverlässigkeit von BLIND GUARDIAN und nordischer Mythologie. Und Simon Bihlmayers Gitarre lässt die Melodie dabei wirklich singen.

´My Old Friend´ dreht die Dynamik um. Erst eine dichte, fast düstere Wand aus sinfonischer Wucht, dann brechen darunter raue, schroffe Riffs mit räudiger Pagan Metal-Härte durch, und darüber legt Skaldir einen Gesang, der lieblich und voller heroischer Melancholie bleibt. Dabei geht es um einen Abschied zwischen zwei Weggefährten, die sich nichts vormachen und trotzdem gehen müssen.

Bei ´King Of The Fallen´ setzt fast schwarzmetallisches Schlagzeug ein, tänzelt aber schon wie eine Polka, ehe der Refrain in Höhen schießt, die sofort an die besten Zeiten des italienischen Power Metal erinnern, an LABYRINTH oder VISION DIVINE, als alle irgendwie klingen wollten wie Michael Kiske zu seinen HELLOWEEN-Zeiten. Inhaltlich handelt der Song von einer finsteren Herrschergestalt, der sich alles unterwirft, und von Menschen, die sich lieber lenken lassen, als sich der eigenen Angst zu stellen.

´The River´ atmet Fernweh. Der Erzähler bricht auf, lässt alles Vertraute hinter sich und vertraut darauf, dass ihn der Fluss irgendwann an einen Ort trägt, an dem sich erfüllt, wonach er sucht. Skaldirs Gesang bekommt hier diese getragene, feierliche Note, die stark an FALCONER erinnert, dieses stolze, typisch schwedische Pathos im Folk-Power Metal.

Der Titeltrack ´All Must Wither´ eröffnet mit einem zerbrechlichen Klavier, dazu Streicher mit diesem erdigen, leicht unpolierten Charme, den man sonst nur von alten SKYLARK-Platten kennt. Eddy Antonini hätte an diesem Aufbau seine Freude gehabt. Textlich geht es um Vergänglichkeit, das Verblühen der Jugend, das Bild der Jahreszeiten für ein Leben, das unaufhaltsam seinem Ende entgegengeht.

´Ash Of Ashes´ hat ein schmutziges, ratterndes Riff wie eine gut geölte Maschine, ehe der Song in einen stolzen, skandinavischen Hymnus umschlägt. Gesangliche Höhen treffen auf Dennis Strillingers treibendes Euro-Power-Schlagzeug, dazu ein Gitarrensolo von Simon Bihlmayer, das komplett ins italienische Rondo kippt. Hier holt die Band das Bild vom Anfang wieder zurück: Der Krieg reißt Familien auseinander, ganze Landstriche versinken im Feuer. Doch danach kehrt das Leben zurück, aus dem Meer wächst wieder grünes Land, Adler ziehen darüber ihre Bahnen. Denn nach der Asche kommt wieder Leben, ganz wie der Titel es verspricht.

Und letztlich ´The Chronicler´, siebzehn Minuten. Der Song beginnt tatsächlich mit einer Mitsing-Melodie, bevor die eigentliche Reise überhaupt losgeht. Dann verschmilzt bombastische, italienisch gefärbte Sinfonik mit frostiger Black Metal-Raserei. Mitten drin bricht tatsächlich mehrmals echter Black Metal-Gesang durch, die Ausnahme auf dem ganzen Album, bevor im Hintergrund Hörner aufziehen, der Klargesang zurückkehrt und ein weiteres Mal die singende Gitarre von Simon Bihlmayer übernimmt. Erzählt wird von einem Chronisten, der die Taten Tapferer vor dem Vergessen bewahren will, von einem Leben, dessen Verlauf man sich nicht aussuchen kann, und von einer Zeit, die unerbittlich verrinnt. Selbst wenn die letzte Zeile geschrieben ist, warten noch mehr Geschichten auf jemanden, der sie erzählt. Im letzten Drittel wird es still, Klavier und sanfte Gitarre holen Luft, ehe das Black Metal-Finale noch einmal zuschlägt und die Mitsing-Melodie vom Anfang zurückkehrt. Ein Kreis, der sich schließt, erschöpft und triumphierend zugleich.

Was ASH OF ASHES hier abliefern, ist tatsächlich eine Brücke, und zwar eine ziemlich unerwartete: von BATHORY über HELLOWEEN und SKYLARK bis zu echtem sinfonischem Black Metal, alles zusammengehalten von zwei Musikern, die sich vier Jahre Zeit genommen haben, um diese Brücke tragfähig zu bauen. Vom rauen Viking-Pagan-Metal ihrer Anfänge ist man beim heroischen Geist des Power Metal der Jahrtausendwende angekommen, ohne dabei den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ein mächtiges Werk, keine Frage, und der bislang größte Wurf einer Band, die endgültig bei sich selbst angekommen ist.

(8,5 Punkte)

https://www.facebook.com/ashofashes

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"