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REINHARD MEY – Schatzhauser

2026 (Odeon) - Stil: Liedermacher

Was ist eigentlich ein Schatzhauser? Wilhelm Hauff hat ihn in seinem Märchen „Das kalte Herz“ in die Tannenwälder des Schwarzwalds gesetzt, einen uralten, gütigen Waldgeist, der nur Sonntagskindern einen Wunsch erfüllt. Reinhard Mey kam an einem Montag zur Welt, Viertel nach Mitternacht, und hofft schmunzelnd, dass der Schatzhauser das noch als Sonntag durchgehen lässt. Man gönnt es ihm. Sein Wunsch ist ja nicht klein, er möchte noch einmal von vorn anfangen.

Also hat sich Reinhard Mey mit dreiundachtzig Jahren und seiner Gitarre in die ihm seit früheren Aufnahmen vertrauten Berliner „Teldex Studios“ gesetzt, begleitet nur von seiner Frau und seinem langjährigen Tonmeister Jörg Surrey. Neunundzwanzig Alben lang trugen ihn Orchester, Arrangeure und Freunde, für jedes ist Reinhard Mey dankbar, doch beim dreißigsten wollte er zurück zum Handwerkszeug seiner Jugend. Eine Stimme, eine Gitarre, dazu an zwei Stellen ein flüchtiger Gast aus der eigenen Familie, Jurij Mey in ´Tristan´ und Sasha Mey in ´Kinderlied´. Seit Ende September liegt das Studioalbum vor, zum ersten Mal seit vier Jahrzehnten nicht im Mai, dem Monat, der klingt wie sein Name. Dreizehn Lieder sind es, zwölf neue und die Neuaufnahme eines Klassikers von 1970, augenzwinkernd „Treize à la douzaine“ genannt, nach einer französischen Geste, dem Dreizehnten zum Dutzend.

´Wunderarzenei´ holt einen ab wie ein warmer, einladender Chanson. Ein altes Radio, dessen grünes Auge in Kinderfieberträumen blinkt, ein Spielmannszug vor dem Haus, ein Straßenmusikant, ein Orgelschüler, das Schlaflied einer Mutter, all das hält für Reinhard Mey die Welt im Innersten zusammen. Dann bittet er Orpheus um die Lyra, eine Verbeugung vor seinem eigenen Debütalbum ´Ich wollte wie Orpheus singen´ von 1967, fast sechzig Jahre später bittet er die Musik, ihn noch einmal zu retten.

Danach wird es stiller. ´’s isch guet gsi´ ist so minimalistisch gezupft, dass die fast geflüsterte Stimme allen Raum bekommt. Ein Wirtshaus hinter dem Deich, draußen Sturm, drinnen Wärme, am achteckigen Tisch ein Seemann aus Emmen bei Luzern und ein Streuner aus Berlin, dazwischen Pius, der als rettender Bernhardiner jeden Streit an der Theke glättet. Am Ende tritt einer hinaus in die teerschwarze Nacht, eine ferne Galaxie ruft, und man weiß nicht, ob Reinhard Mey dem Freund nachwinkt oder sich selbst. Auf Schweizerdeutsch heißt der Titel, es ist gut gewesen.

Dann hebt es ab. ´D-ELVJ´, das Funkkennzeichen der Maschine, klingt beschwingter, die Gitarre brummt wie ein Propeller im Steigflug, und schon die erste Zeile holt die Luftaufsichtsbaracke aus ´Über den Wolken´ zurück. Von Mariensiel nach Maidenhead, über Holland lausige Sicht, mit dem französischen Lotsen ein Funkverkehr im gegenseitig für Englisch gehaltenen Kauderwelsch, über dem Kanal die Sorge um die Kurbelwelle, im Sinkflug über England Spritwarnleuchte und Nebel, gelandet wird schließlich in Biggin Hill, nicht ganz dort, wo erwartet. Charles Lindbergh fühlt sich Reinhard Mey da verwandt, der Weg ist das Ziel.

In ´Tristan´ plätschert die Gitarre heiter, während der Text ernster wird. Ein Großvater steht mit seinem Enkel vor dem Saurierskelett, dem ein Meteorit den Garaus machte, nebenan die Tiere, die der Mensch selbst ausgerottet hat. Eines Tages, prophezeit er, betrachtet ein klügeres, CO2-berauschtes Wesen unsere Vitrine und erklärt Homo sapiens zum missglückten Evolutionsexperiment, die Pointe spricht am Ende Reinhard Meys Enkel Jurij Mey selbst.

´Mimi la moustache´ ist perkussiv, fast kabarettistisch. Von zwölf Hochzeitsschälchen bleibt eines, und Reinhard Mey denkt an Tante Mimi in Paris, die dem jungen Deutschen an der Seite ihrer Nichte ein Leben lang grollte, offiziell wegen der Ratten, die ihre Landsleute 1870/71 im belagerten Paris essen mussten. Erst ein Schuhkarton aus ihrem Nachlass verrät die eigentliche Wahrheit, ein Foto zeigt die junge Mimi an der Hand eines lachenden deutschen Soldaten, sie hatte selbst einmal einen Deutschen geliebt, und ihr Groll war zeitlebens nur ein Deckmantel für diesen alten Kummer.

´Mit dir an meiner Seite´ ist ein getragener Chanson, weich und fließend gezupft, die Stimme nah am Mikrofon. Ritter, Weiser, Seiltänzer mit der Balancierstange, die ihn hält, Reinhard Mey zählt auf, was ein Mensch an seiner Seite möglich macht, ein Gruß an seine Frau Hella, mit der er seit bald fünfzig Jahren verheiratet ist.

Mitten im Album hängt ein Foto. ´Zwei Köfferchen´ ist eine Träne in Moll, jede Note behutsam gezupft, die Stimme bebt. Ein Junge steht in der Haustür, Fernweh im Blick, ein Blick, den Reinhard Mey an manchen Tagen kaum erträgt. Der Junge hat das Loslassen längst gelernt, der Vater übt es noch und möchte trotz aller Zweifel glauben, dass keiner aus Gottes Hand fällt. Die Trauer um den Sohn, den Reinhard Mey 2014 verlor, zieht sich, wie es heißt, durch dieses Album, hier mag man sie am deutlichsten hören.

´Mein Wald´ ist sinnierendes Brummen zu meditativem Fingerpicking, gleichmäßig wie das Rauschen der Baumkronen. Schneeglöckchen im Schnee, eine Höhle unter Buchen, der erste Kuss unter der Trauerweide, der Wald tröstete nach jedem Verlust, jetzt lehrt er die Vergänglichkeit, und tief unter seinem Boden will Reinhard Mey einmal ruhen, beim Schatzhauser. Wer mit dem Harvester kommt und die Blutbuche fällt, dem reißt der Holländer-Michel, Hauffs Gegenspieler aus demselben Märchen, das Herz aus der Brust.

Dann kehrt ein Klassiker aus dem Jahr 1970 zurück. Im Herbst 2025 sang der Rapper Haftbefehl in einer Netflix-Dokumentation weinend zu Reinhard Meys ´In meinem Garten´ mit, das über fünfzig Jahre alte Lied stieg daraufhin bis auf Platz 15 der deutschen Charts. Die Neuaufnahme ist hingegen radikal nackt, wo 1970 Streicher und Pop-Arrangement waren, trägt jetzt allein das Picking die Melodie, gewidmet ist sie „Aykut“, wohl kein Zufall, so heißt der Rapper Haftbefehl bürgerlich. Ein blauer Rittersporn, ein Rabe im brüchigen Dach, eine Frau, der Reinhard Mey Vernunft, Verstand und Seele gab, und die Bitte, dass sie nicht auch geht.

´Abendlied´ ist extrem reduziert, die Gitarre schlägt nur noch spärlich an, der Gesang gleitet stellenweise ins Flüstern. Eine Novembernacht, das Tagwerk getan, die Waagschalen im Gleichgewicht, und eine einzige Bitte, nicht zu gehen, ehe der Tag anbricht.

Nach so viel Dunkel darf gelacht werden. ´Alter Ego´ schlägt die Brücke zur französischen Chanson-Schule, die Gitarre stolziert fast marschierend. Ein altes Paar, Reinhard und Frédéric, leiht sich Harmonien und Worte, wer einen Texthänger hat, wird vom anderen mit ein paar zusätzlichen Takten gerettet, am Ende der Wunsch, noch einmal gemeinsam auf die Bühne zu gehen, in den Stiefeln des anderen.

´Wo sind all meine Freunde hin´ trägt schwermütige, nicht bittere Melancholie in Moll, mit Pausen, in denen nur die Gitarre nachhallt. Der Tod kommt als stiller Gast, der weder Tag noch Stunde verrät, die Freunde sind gegangen, aus dem Sinn nie, und was bleibt, ist das Versprechen, sich wiederzusehen.

Zuletzt die Heimkehr. ´Kinderlied´ kehrt in das alte Zimmer mit dem Blümchenvorhang zurück, in das Bett, unter dem sich nachts ein Höllentor auftat, zu den Kopfsteinpflasterstraßen und den nie abgeschickten Ansichtskarten, und plötzlich ist Reinhard Mey wieder ein Junge, nur mit grauem Haar. Vor dem Haus wartet ein schneeweißer 51er Kapitän. Das Zupfmuster wird fast hypnotisch, in den letzten Sekunden legt sich ein Fragment des alten Kinderreims von der Mauer und der Lauer darüber, gesungen von Sasha Mey, und das Album schleicht sich ohne Crescendo aus.

Vieles auf ´Schatzhauser´ klingt nach Abschied. Zu seinem achtzigsten Geburtstag sang ihm jemand ein Lied, das ihn bat, nicht aufzuhören, Reinhard Mey war überrascht, er hatte nie daran gedacht. Aufhören will er auch jetzt nicht, das Schreiben mache ihm zu viel Freude, und ob dies sein letztes großes Album ist, weiß nur der Schatzhauser. Für alle, die nachspielen wollen, liegt ein Notenheft zum kostenlosen Download bereit, zusammengestellt von Jens Kommnick. Das Album gibt es auf Silberling mit Fotobuch, auf transparentem Vinyl und als grüne Gatefold-LP, dem Schatzhausergrün, limitiert auf tausend Stück. Glück auf, Schatzhauser, ruft Reinhard Mey dem Waldgeist zu, und lässt seine Lieder los wie einen Luftballon, den man aus der geöffneten Hand steigen lässt. Wir dürfen ihnen nachschauen, solange sie zu sehen sind.

(9 Punkte)

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