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OBITUARY – Slowly We Rot

1989/2026 (Real Gone Music/Roadrunner Records) - Stil: Death Metal

Manche Alben altern. Andere werden zu Denkmälern. Und dann gibt es Werke wie ´Slowly We Rot´. Platten, die selbst nach Jahrzehnten noch den Modergeruch feuchter Kellerwände, verlassener Friedhöfe und der stickigen Luft des legendären “Morrisound Studios” in sich tragen. Als OBITUARY im Mai 1989 ihr Debüt über “Roadrunner Records” veröffentlichten, war Death Metal bereits auf dem Vormarsch. Doch während viele Zeitgenossen Geschwindigkeit zur obersten Religion erhoben, öffnete dieses Album ein neues Kapitel. Es kroch. Es schleppte sich wie ein verwesender Koloss durch die Boxen – und bewies damit seine ungeheure Brutalität.

Produzent Scott Burns verlieh den Aufnahmen im “Morrisound Recording Studio” in Tampa eine bis dahin kaum gekannte Wucht. Die tief auf B gestimmten Gitarren von Trevor Peres und Allen West mahlten wie tonnenschwere Ketten über Asphalt. Der rohe Klang wirkte schmutzig, trocken und dennoch erstaunlich transparent. Es war die Entstehung genau jenes Florida-Sounds, der wenige Jahre später von zahllosen Bands rund um den Globus zum Maßstab erhoben wurde.

´Internal Bleeding´ zieht den Hörer zu Beginn in einen morastigen Sog. Ein monumentales Doom-Riff erhebt sich aus dem Nichts, bevor Donald Tardy das Tempo explosionsartig nach oben treibt. Dieser permanente Wechsel zwischen lähmender Schwere und entfesselter Raserei wird zum Markenzeichen des gesamten Albums. In diesem Moment entsteht jener Death Metal-Groove, der später Generationen von Musikern inspiriert und den Weg für Death ’n’ Roll, Groove Death Metal oder sogar modernen Deathcore ebnet.

´Godly Beings´ schlägt anschließend wie ein rostiger Vorschlaghammer ein. Keine Verschnaufpause, keine Gnade, kaum zwei Minuten kompromisslose Gewalt, irgendwo zwischen Grindcore-Attitüde und den Thrash-Wurzeln der Band. Danach übernimmt ´’Til Death´ mit seinem unverwechselbaren Midtempo-Riff die Kontrolle und beweist eindrucksvoll, dass ein einziger schleppender Groove oft vernichtender wirken kann als tausend Blastbeats.

Der Titelsong ´Slowly We Rot´ gehört bis heute zu den größten Hymnen des gesamten Genres. Das unheilvolle Intro entfaltet eine Atmosphäre, als würde sich Nebel über einen verfallenen Südfriedhof legen. Wenn John Tardy den Titel herauswürgt, scheint seine Stimme eher aus einer Gruft als aus menschlichen Lungen zu stammen. Seine Growls transportieren keine klassischen Gesangslinien, sie sind selbst ein Instrument. Rhythmus. Geräusch. Verwesung. Genau dieser revolutionäre Ansatz machte ihn zu einer der prägendsten Stimmen des Death Metal. Dass während der Aufnahmen große Teile der Vocals improvisiert wurden und vollständige Texte erst nachträglich entstanden, gehört bis heute zu den faszinierendsten Geschichten der extremen Metal-Szene.

Mit ´Immortal Visions´ tauchen die Thrash-Wurzeln der Band deutlicher auf. Chaotische Soli von Allen West peitschen durch den Song, während ´Gates To Hell´ Hardcore-Energie mit kompromissloser Death Metal-Wucht verbindet. ´Words Of Evil´ erinnert stellenweise an frühe SLAYER oder POSSESSED, besitzt jedoch durch das ultratiefe Tuning und John Tardys unverwechselbare Stimme eine vollkommen eigene Identität.

Zu den großen Momenten des Albums zählt ohne Zweifel auch ´Suffocation´. Das zermalmende Hauptriff erzeugt beinahe körperliche Beklemmung. Trevor Peres erschafft hier jene hypnotische Riffwand, die später unzählige Bands beeinflussen sollte. Direkt danach walzt ´Intoxicated´ mit fast schon sludgehafter Gewalt durch die Lautsprecher. Donald Tardys Schlagzeug setzt jeden Akzent wie einen Hammerschlag und macht den Groove greifbar.

Im letzten Viertel sorgen ´Deadly Intentions´ mit seinen überraschenden Rhythmuswechseln und ´Bloodsoaked´ mit seiner düsteren Atmosphäre für zusätzliche Dynamik. Den Schlusspunkt setzt ´Stinkupuss´ – roh, dreckig und schwer wie nasser Beton. Kein pompöses Finale, sondern ein letzter Blick in einen modrigen Abgrund.

Dass dieses Album überhaupt entstehen konnte, grenzt beinahe an ein Wunder. Die Aufnahmen sollen lediglich rund 500 US-Dollar verschlungen haben. Scott Burns befand sich noch am Anfang seiner legendären Karriere, die Band war jung, nahezu mittellos und arbeitete unter enormem Zeitdruck. Kurz vor Veröffentlichung musste sogar der ursprüngliche Bandname XECUTIONER aufgegeben werden, da bereits eine andere Formation unter diesem Namen existierte. Aus der Not entstand OBITUARY, ein Name, der heute untrennbar mit der Geschichte des Death Metal verbunden ist. Kurios bleibt ebenso, dass Bassist Daniel Tucker nach Veröffentlichung des Albums spurlos aus dem Bandgefüge verschwand und nie wieder zu den Proben erschien.

Der Einfluss von ´Slowly We Rot´ reicht weit über Florida hinaus. Musiker von CANNIBAL CORPSE übernahmen John Tardys kompromisslosen Umgang mit extremen Vocals. SEPULTURA ließen sich von der monumentalen Schwere inspirieren, die später auf ´Chaos A.D.´ und ´Roots´ deutlich hörbar wurde. Parallel entstand im “Morrisound Studio” ein kreativer Wettstreit mit DEATH und MORBID ANGEL, der den Florida Death Metal endgültig zur Speerspitze des extremen Metals machte. Selbst die schwedische Szene um ENTOMBED, DISMEMBER und GRAVE griff die Idee ultratief gestimmter Gitarren auf und entwickelte daraus ihren berühmten HM-2-Buzzsaw-Sound.

Musikalisch steht ´Slowly We Rot´ irgendwo zwischen der Raserei von DEATHs ´Leprosy´, der okkulten Wildheit von MORBID ANGELs ´Altars Of Madness´ und den Thrash-Wurzeln von POSSESSED. Gleichzeitig besitzen OBITUARY bereits auf ihrem Debüt eine Eigenständigkeit, die bis heute unerreicht geblieben ist. Kaum erklingt das erste Gitarrenriff oder John Tardys unverwechselbarer Schrei, gibt es keinen Zweifel mehr, welche Band hier spielt.

Dieses Album definierte vier Grundpfeiler des modernen Death Metal neu: den schleppenden Groove als Gegenpol zur reinen Geschwindigkeit, den gutturalen Gesang als eigenständiges Instrument, das radikale B-Standard-Tuning als Fundament maximaler Schwere und den legendären “Morrisound”-Sound als Produktionsmaßstab einer ganzen Generation.

Passend zum ungebrochenen Kultstatus des Albums erhielt ´Slowly We Rot´ 2026 eine aufwendig remasterte Neuauflage über „Real Gone Music“ und „Roadrunner Records“. Die “Corpse Blue mit Blood Splatter”-Design-Edition verbindet den rohen Geist des Originals mit einem druckvoll für Vinyl optimierten Remaster und erweitert den Klassiker um die beiden Demo-Raritäten ´Find The Arise´ und ´Like The Dead´ – eine Pflichtanschaffung für Sammler und eine würdige Hommage an eines der bedeutendsten Death Metal-Alben aller Zeiten.

Mehr als drei Jahrzehnte später hat ´Slowly We Rot´ nichts von seiner zerstörerischen Kraft eingebüßt. Es klingt immer noch roh, kompromisslos und gefährlich. Während zahllose Alben der späten Achtziger heute wie Momentaufnahmen wirken, besitzt dieses Debüt eine fast unheimliche Beständigkeit. Es bleibt einer jener seltenen Meilensteine, die den Verlauf einer gesamten Stilrichtung verändert haben. Wer den Ursprung des klassischen Florida Death Metal verstehen möchte, findet hier keinen besseren Ausgangspunkt. ´Slowly We Rot´ ist kein gewöhnliches Debüt, es ist der Moment, in dem Death Metal endgültig seine eigene Sprache fand.

10 Punkte.

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