
FONTAINES D.C. – Romance
2024/2025 (XL Recordings) - Stil: Alternative Rock
Es gibt diese seltenen Momente, in denen sich eine Band nicht einfach nur weiterentwickelt, sondern ihre eigene Haut abstreift wie eine Schlange im Neonlicht einer durchfeierten Großstadt um vier Uhr morgens. Genau so fühlen sich FONTAINES D.C. auf ´Romance´ an. Dieses Album klingt nicht nach einem gewöhnlichen vierten Werk. Es klingt wie der fiebrige Soundtrack einer Generation, die zwischen Doomscrolling, Panikattacken, Y2K-Nostalgie und der Sehnsucht nach echter Emotionalität langsam den Verstand verliert.
Während draußen die Gitarrenmusik seit Jahren totgesagt wird, marschieren FONTAINES D.C. durch die Ruinen des alten Indie Rock wie eine Bande junger Romantiker mit verschmiertem Kajal, zerfetzten Erinnerungen und einem Koffer voller zerbrochener 90er-Jahre-Träume.
Der Opener ´Romance´ reißt die Tür zu dieser verkehrten Welt von FONTAINES D.C. auf. Keine klassische Rock-Explosion. Stattdessen wabert ein unheimlicher Synthesizer-Bass durch den Raum wie Nebel über verlassenen Straßenzügen. Darüber schwebt Grian Chatten mit einer Stimme, die klingt, als würde Ian Curtis durch ein kaputtes Radio in einer dystopischen Zukunft senden. Diese verstimmte Jahrmarkt-Orgel im Hintergrund wirkt wie ein verlorenes Relikt aus einem David Lynch-Film. Die Dubliner sprengen somit endgültig das enge Korsett ihres frühen Post Punk.
Denn während zahllose Indie-Bands der 2020er ihre alten THE STROKES- oder ARCTIC MONKEYS-Platten wie heilige Reliquien behandeln, benutzen FONTAINES D.C. ihre Einflüsse wie Farbeimer. Sie schleudern alles an die Wand: Shoegaze, Grunge, Trip-Hop, Dream-Pop, Britpop, Nu Metal, Madchester-Rhythmen und cineastische Streicherflächen. Eigentlich müsste dieses Album komplett auseinanderfallen. Doch Produzent James Ford, derselbe Architekt hinter den großen Klanglandschaften der ARCTIC MONKEYS, hält diese riesige emotionale Collage zusammen.
Die eigentliche Detonation erfolgt mit ´Starburster´. Dieser Song ist kein gewöhnlicher Indie-Hit. Er ist eine Panikattacke auf Vinyl gepresst. Der hektische Beat stolpert wie ein nervöser Herzschlag durch den Song, während Grian Chatten hyperventilierend zwischen Rap, Sprechgesang und Wahnsinn taumelt. Die Einflüsse von DEFTONES, BLUR und RADIOHEAD liegen offen auf dem Tisch, aber FONTAINES D.C. machen daraus keinen billigen Retro-Klau. Sie verwandeln diese Referenzen in eine moderne Großstadt-Paranoia. Und dann dieser Text: „I wanna bite the phone, I wanna bleed the tone“. Das ist keine klassische Indie-Lyrik mehr. Das ist digitale Selbstzerstörung. Der Sound einer Generation, die permanent online ist und sich trotzdem isolierter fühlt als jemals zuvor.
Überhaupt liegt die wahre Größe von ´Romance´ in seiner emotionalen Widersprüchlichkeit. Die Platte klingt riesig und verletzlich zugleich. Kühl und zutiefst menschlich. Wie ein greller Neonregen auf einer einsamen Heimfahrt nach einem verlorenen Sommer.
´Here’s The Thing´ trägt noch den schmutzigen Geist der frühen FONTAINES D.C.-Jahre in sich. Diese nervösen Tremolo-Gitarren schneiden wie Rasierklingen durch den Mix, während Grian Chatten mit der gleichen abgeklärten Müdigkeit singt, mit der Brian Molko Ende der 90er ganze Jugendzimmer zerstörte. Der Song pulsiert vor Unruhe.
Doch der wahre emotionale Kern des Albums versteckt sich in ´In The Modern World´. Hier erreichen FONTAINES D.C. endgültig Stadiongröße, ohne ihre Seele zu verlieren. Die Streicher schweben wie graue Wolken über einem warmen Bassfundament, während Grian Chatten eine der schönsten und traurigsten Melodien seiner Karriere singt. Irgendwo zwischen LANA DEL REY, SMASHING PUMPKINS und den melancholischen Höhenflügen von RADIOHEAD entsteht hier eine moderne Hymne über Entfremdung, Sehnsucht und die völlige emotionale Überforderung des digitalen Zeitalters. Das ist keine Musik mehr für verschwitzte Kellerclubs. Das ist Musik für riesige Festivalnächte, in denen 50.000 Menschen gleichzeitig versuchen, ihre Einsamkeit wegzusingen.
Und doch besitzt ´Romance´ immer wieder diese kleinen intimen Momente, die das Album vor völliger Größenwahnsinnigkeit retten. ´Bug´ klingt wie THE CURE auf einer durchzechten Britpop-Nacht mit OASIS. Die gläsernen Gitarren perlen durch den Mix, während Grian Chatten plötzlich fast schon ungewohnt melodisch singt. Denn hinter all den stilistischen Experimenten stecken schlicht fantastische Melodien.
Das vielleicht mutigste Stück der Platte bleibt jedoch ´Sundowner´. Gitarrist Conor Curley übernimmt hier erstmals den Leadgesang und verwandelt den Song in eine pure Shoegaze-Ekstase. Die Gitarren verschwimmen zu einer riesigen „Wall Of Sound“, irgendwo zwischen MY BLOODY VALENTINE und SLOWDIVE. Conor Curleys Stimme liegt tief im Mix vergraben, fast als würde sie sich schämen, überhaupt gehört zu werden. Dadurch erhält der Song seine hypnotische Schönheit.
Dann kommt ´Death Kink´ und reißt alles wieder ein. Ein dreckiger, übersteuerter Grunge-Brocken voller kaputter Verstärker, scheppernder Becken und verzerrter Bassläufe. Hier hört man plötzlich NIRVANA, als hätten sie sich in einer verlassenen Londoner Lagerhalle mit Post Punk und Industrial vermischt. Das Stück klingt absichtlich roh, beinahe live eingespielt, als hätte die Band für vier Minuten sämtliche Kontrolle verloren.
Und schließlich dieses Finale. ´Favourite´. Vielleicht der schönste Song, den FONTAINES D.C. bisher geschrieben haben. Diese kreisenden Jangle-Gitarren erinnern gleichzeitig an Johnny Marr, THE STONE ROSES und verschwommene Erinnerungen an durchfeierte Sommernächte. Der Song besitzt diese bittersüße Indie-Magie, die man früher nur auf alten Mixtapes fand. Er klingt wie Abschied und Aufbruch zugleich.
Dieses Album fühlt sich tatsächlich an wie die erste wirklich große Indie Rock-Platte der Post-TikTok-Generation. Während viele moderne Rockbands nur noch nostalgisch in den Rückspiegel schauen, schaffen FONTAINES D.C. etwas deutlich Schwierigeres. Sie verwandeln die Vergangenheit in Zukunft.
Natürlich werden Puristen behaupten, die Band habe ihren rohen Dubliner Post Punk verraten. Andere werden die offensichtlichen 90er-Referenzen kritisieren. Doch genau diese Maßlosigkeit macht ´Romance´ so aufregend. Große Rockplatten waren nie vorsichtig. Weder ´OK Computer´, noch ´AM´, noch ´London Calling´ spielten auf Nummer sicher. Und FONTAINES D.C. tun das ebenfalls nicht.
Die Deluxe Edition aus dem Jahr 2025 verstärkt diesen Eindruck sogar noch. Besonders ´It’s Amazing To Be Young´ fühlt sich wie ein Manifest dieser Band an. Zwischen Euphorie und Erschöpfung singt Grian Chatten: „But it’s amazing to be young“. Kaum eine Zeile fasst die emotionale DNA dieser Band besser zusammen. Trotz aller Dunkelheit, aller Angst und aller Paranoia steckt in diesen Songs immer noch Hoffnung. Auch ´Before You I Just Forget´ zeigt eindrucksvoll, wie stark sich FONTAINES D.C. lyrisch entwickelt haben. Diese fragmentierten Zeilen über Selbstverlust, künstliche Fassaden und emotionale Erschöpfung wirken wie Tagebucheinträge einer völlig überreizten Generation.
Heute stehen FONTAINES D.C. genau an jenem Punkt, an dem einst ARCTIC MONKEYS, THE STROKES oder KINGS OF LEON standen: am Übergang von Indie-Lieblingen zu einer generationenprägenden Großband. Und vielleicht wird man in zehn oder fünfzehn Jahren auf dieses Album zurückblicken wie wir heute auf die großen Indie-Klassiker der Nullerjahre zurückschauen. Nicht nur als starkes Album, sondern als jener Augenblick, in dem Gitarrenmusik plötzlich wieder relevant, schön und verdammt aufregend klang.



