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MILES DAVIS – Live What It Is Montreal 7/7/83

2022 (Columbia) - Stil: Jazz/Fusion

Der Regen hing schwer über Montreal an diesem 7. Juli 1983. Vor dem Théâtre St-Denis drängten sich verschwitzte Jazz-Fans, Rock-Kids, alte Bebop-Puristen und neugierige Nachtschwärmer zwischen Zigarettenrauch, Neonlicht und feuchtem Asphalt. Drinnen brodelte längst die Unruhe. Tony Bennett hatte maßlos überzogen, hinter der Bühne flogen die ersten gereizten Blicke, Techniker rannten mit Kabeln durch die Gänge, und irgendwo im Halbdunkel stand Miles Davis bereits mit verschränkten Armen, Sonnenbrille und dieser eisigen Aura, die jeden Raum sofort veränderte.

Niemand ahnte an diesem Abend, dass hier gerade eines der wichtigsten Live-Dokumente seiner kompletten Spätphase entstand. Denn ´Live What It Is Montreal 7/7/83´ ist die fiebrige Momentaufnahme eines Genies, das Anfang der Achtziger von der alten Jazz-Elite längst abgeschrieben worden war, und deshalb gefährlicher, futuristischer und kompromissloser klang als jemals zuvor.

Während sich konservative Kritiker noch verzweifelt nach dem akustischen Miles Davis der ´Kind Of Blue´-Ära sehnten, marschierte Davis längst in eine völlig andere Richtung. Synthesizer, Straßen-Funk, Rock-Gitarren, urbane Elektrizität, kalte Maschinen-Grooves und ein Sound, der eher nach nächtlichem Manhattan voller Neonlichter klang als nach verrauchten Bebop-Kellern. Was damals viele als Verrat empfanden, wirkt heute visionär. Fast unheimlich visionär.

Die Band, die Miles Davis 1983 um sich versammelt hatte, gehört rückblickend zu den brutalsten Live-Formationen seiner gesamten Karriere. John Scofield an der Gitarre, Bill Evans an Saxophon, Flöte und E-Piano, Darryl Jones am Bass, Al Foster am Schlagzeug und Mino Cinelu an der Perkussion. Das war keine gewöhnliche Jazzband mehr. Das war eine urbane Funk-Maschine mit Jazz-Seele und Rock-Attitüde. Eine Band, die gleichzeitig präzise wie ein Schweizer Uhrwerk und völlig außer Kontrolle klingen konnte.

Besonders John Scofield spielt hier wie ein Mann, der begriffen hatte, dass Jazz Anfang der Achtziger entweder explodieren oder sterben würde. Sein Gitarrenton ist schmutzig, bluesig, voller Dissonanzen und elektrischer Spannung. Wo andere Fusion-Gitarristen damals geschniegelt glattpolierten Wohlfühl-Jazz produzierten, zerreißt Scofield die Stücke regelrecht von innen heraus. Man hört Einflüsse von JIMI HENDRIX, man spürt die Straßenecken von New York, aber gleichzeitig auch den abstrakten Wahnsinn eines ORNETTE COLEMAN.

Und mitten in diesem elektrischen Sturm steht Miles selbst. Nicht mehr der kränkliche Rückkehrer der späten Siebzigerjahre, sondern ein wiedergeborener Bandleader voller Wucht und Kontrolle. Miles spielt in Montreal mit einer unheimlichen Intensität. Lange Töne, offene Trompete ohne Harmon-Dämpfer, schneidende Phrasen, plötzlich aggressive Attacken. Über Kopfhörer hört man sogar sein Atmen zwischen den Läufen, das Klicken der Ventile, jede kleine Bewegung seines Instruments. Es klingt nicht wie ein steriler Konzertmitschnitt. Es klingt, als stünde Miles direkt neben einem im Raum.

Mit ´Speak (That’s What Happened)´ erfolgt auch kein langsames Warmwerden. Kein höflicher Einstieg. Die Band fällt sofort über den Hörer her. Darryl Jones legt diesen monströsen Zwei-Noten-Basslauf unter den Song, während Al Foster und Mino Cinelu ein rhythmisches Netz spannen, das gleichzeitig tribalistisch, futuristisch und unfassbar funky klingt. Darüber feuert Miles kurze Keyboard-Akkorde wie geheime Codes in die Musik hinein. Es ist rohe Energie. Straßenlärm. Nachtfahrt. Großstadt-Jazz für die Reagan-Ära.

Dann kommt ´Star People´, ein zehnminütiger Urban-Blues voller Schwere und Dreck. John Scofield und Bill Evans liefern sich hier ein regelrechtes Duell. Bill Evans’ Saxophonlinien gleiten wie Neonreflexionen durch regennasse Straßen, während John Scofield dagegen ankämpft wie ein elektrischer Blues-Prediger. Miles zieht im Hintergrund die Fäden, dirigiert mit Blicken und kurzen Trompetenstößen das Chaos.

Doch das wahre Herzstück dieses Albums bleibt ´What It Is´. Diese Version ist pure Jazz-Fusion-Magie. Darryl Jones spielt hier einen der tightesten Funk-Bassläufe der gesamten Achtzigerjahre. Über Kopfhörer hört man das metallische Klacken seiner Saiten auf den Bundstäbchen, jede kleine Nuance seines Spiels. Al Foster hält das Ganze mit fast unmenschlicher Präzision zusammen, während John Scofield ein Gitarrensolo entfesselt, das bis heute wie ein Fiebertraum wirkt. Wild, bluesig, aggressiv, harmonisch vollkommen unberechenbar. Miles war von dieser Performance derart besessen, dass er große Teile davon später für ´Decoy´ zerschnitt und neu zusammensetzte. Damit erfand er praktisch nebenbei die Ästhetik des modernen Loop-Jazz und Sampling-Denkens, Jahre bevor Hip-Hop-Produzenten daraus eine komplette Kultur machten. Gerade deshalb wirkt dieses Konzert heute fast prophetisch.

´It Gets Better´ entwickelt sich anschließend zu einem hypnotischen Nachtstück voller dunkler Schönheit. Darryl Jones spielt einen tiefen, beinahe Reggae-artigen Basslauf. Alles wirkt kontrolliert, beinahe meditativ, bis John Scofield plötzlich explodiert. Sein Solo klingt wie ein Mann, der gleichzeitig Blues, Free Jazz und elektrischen Wahnsinn kanalisiert. Miles antwortet darauf mit langen, schmerzhaft schönen Trompetentönen, die wie einsame Sirenen über der Stadt schweben.

Auch ´Hopscotch´ gehört zu den absoluten Sternstunden dieses Konzerts. Die Rhythmusgruppe rast hier mit mörderischem Uptempo-Funk vorwärts. Al Foster und Mino Cinelu spielen unfassbar präzise, während Bill Evans eines der wildesten Saxophon-Soli der gesamten Show abbrennt. Das ist kein entspannter Fusion-Jazz für Cocktailbars. Das ist Jazz für die große Bühne. Pulsierend. Gefährlich. Atemlos.

Und dann natürlich ´Jean-Pierre´. Die vielleicht größte Hymne der späten Miles Davis-Jahre. In Montreal bekommt der Song eine fast düstere Schwere. Wo andere Live-Versionen verspielt wirkten, klingt die Band hier massiv und beinahe rockig. Miles bläst die Hauptmelodie mit offenem Horn in den Saal, scharf wie Neonlicht auf nassem Asphalt. Das Publikum reagiert sofort. Man hört förmlich, wie das Théâtre St-Denis unter Spannung steht.

Überhaupt ist das Publikum ein entscheidender Teil dieser Aufnahme. Miles liebte Montreal, weil die Menschen dort seine Musik fühlten, anstatt sie akademisch zu sezieren. Diese Aufnahme lebt nicht von steriler Perfektion. Sie lebt von Schweiß, Lautstärke, Risiko und spontaner Energie. Selbst Stücke wie ´Code 3´ oder ´Creepin’ In´ wirken wie improvisierte Straßenszenen voller Gefahr und urbaner Hektik. Miles wirft kurze Motive in die Band hinein, die Musiker reagieren in Sekundenbruchteilen. Kein Netz. Kein Sicherheitsboden. Nur Instinkt und totale musikalische Kommunikation.

Vergleicht man diese Band mit den großen elektrischen Jazz-Gruppen der Zeit – WEATHER REPORT, RETURN TO FOREVER oder den späten HERBIE HANCOCK – fällt sofort auf, wie viel härter und kompromissloser Miles Davis hier klingt. Während viele Fusion-Bands Anfang der Achtziger in Richtung Hochglanzproduktion drifteten, klingt Montreal roh, dreckig und lebendig. Fast wie ein verlorenes Cyberpunk-Album zwischen Jazz, Funk und Straßenelektrizität.

Die historische Rehabilitierung der Achtzigerjahre-Phase von Miles Davis begann erst Jahrzehnte später. Lange galt diese Musik als kalter Kommerz-Funk. Heute erkennt man, wie radikal modern sie eigentlich war. Die Loop-Ästhetik, die repetitive Funk-Struktur, die Mischung aus Jazz-Improvisation und urbanem Groove – all das beeinflusste spätere Generationen von Hip-Hop-Produzenten, Acid-Jazz-Musikern und experimentellen Elektronik-Künstlern. ´Live What It Is Montreal 7/7/83´ ist deshalb keine schlichte Live-Aufnahme aus dem Archiv. Es ist ein fehlendes Bindeglied der modernen Musikgeschichte.

Die endlich im Jahr 2022 erschienene Doppel-LP von “Columbia Records” gehört dabei zu den schönsten Reissues der letzten Jahre. Das schwere 180g-Vinyl liegt satt in den Händen, das Gatefold glänzt luxuriös im Licht und Greg Tates letzte Liner Notes verleihen dem Ganzen zusätzliche emotionale Schwere. Klanglich ist die Pressung beeindruckend transparent. Kein billiger Bootleg-Sound, sondern ein unglaublich detailreiches Stereo-Bild voller Dynamik und Raumtiefe.

Gerade über Kopfhörer entfaltet sich die wahre Magie dieser Veröffentlichung. Natürlich ist das keine klassische AAA-Audiophile-Pressung der alten Jazz-Schule. Die Aufnahme basiert auf digitalen Mehrspur-Bändern der frühen Achtzigerjahre. Aber genau diese Mischung aus analoger Wärme und früher Digital-Schärfe verleiht dem Album seinen einzigartigen Charakter. Es klingt nach Neonlicht. Nach Großstadt. Nach 1983.

´Live What It Is Montreal 7/7/83´ klingt wie Zukunft. Auch mehr als vierzig Jahre später. Denn es zeigt Miles Davis nicht als nostalgische Jazz-Ikone, sondern als rastlosen Klangforscher, der selbst im letzten Drittel seiner Karriere mutiger war als ganze Generationen jüngerer Musiker.

Dieses Konzert ist elektrischer Großstadt-Jazz voller Risiko, Wut, Funk, Schönheit und futuristischer Visionen. Ein fiebriger Nachtflug durch Montreal. Ein Moment, in dem Jazz plötzlich wieder gefährlich wurde. Und aus diesem Grund gehört diese Aufnahme heute endgültig zu den großen Live-Dokumenten der späten Miles Davis-Ära.

https://www.facebook.com/MilesDavis

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