
TANKWART – Himbeergeist zum Frühstück
1996/2024 (Reaper Entertainment) - Stil: Schlager Metal
Mit ´Himbeergeist zum Frühstück´ haben TANKARD alias TANKWART 1996 endgültig bewiesen, dass in Frankfurt offenbar alles zu Thrash Metal verarbeitet werden kann – Bier, Chaos, Äppelwoi und eben auch deutscher Schlager. Was damals viele Puristen der Metal-Szene fassungslos zurückließ, ist heute längst ein kultiger Ausnahmezustand zwischen Ballermann, Bembel und Speed-Metal-Abrissbirne. Und aus diesem Grund funktioniert dieses völlig durchgeknallte Nebenprojekt bis heute so unfassbar gut.
2024 kehrt der legendäre Wahnsinn endlich zurück – remastered, mit neuem Artwork von Kai Brockschmidt und als limitierte „Yellow From The Egg“-Vinyl-Auflage. Allein der Name dieser Pressung klingt schon wie ein besoffener Kneipenwitz um drei Uhr morgens. Somit genau die richtige Atmosphäre für dieses Album.

Schon bei ´Schöne Maid´ wird klar, dass hier keinerlei Gefangene gemacht werden. Aus dem harmlosen Tony-Marshall-Schunkler wird ein galoppierender Thrash-Punk-Moshpit voller gröhlender Chöre, kreischender Gitarren und Kneipenwahnsinn. Wenn Gerre „Hojahojaho“ durch die Boxen röhrt, klingt das weniger nach ZDF-Hitparade und mehr nach Vollgas im Frankfurter Bahnhofsviertel nach zwölf Humpen Gerstensaft. Der simple Mitsing-Refrain wird dabei zur perfekten Steilvorlage für Pogos, Bierduschen und komplett entgleiste Wall-Of-Deaths.
Danach geht es direkt nach Spanien. ´Viva España´ verwandelt den kitschigen Urlaubsschlager in eine feierwütige Thrash-Hymne voller durchgedrehter Gangshouts und Tempoattacken. Die ohnehin schon alkoholgetränkte Original-Stimmung passt perfekt zu TANKWARTs Kneipenästhetik. Während andere Bands ihre Sommerhits geschniegelt ins Radio tragen, prügeln TANKWART sie mit Bierfahne und Doublebass direkt durch die Studiowand.
Mit ´Tanze Samba Mit Mir´ eskaliert die Platte endgültig in Richtung totaler Suff-Zirkus. Wo früher Tanztee und Schlagerparade regierten, herrschen jetzt kreischende Gitarren und rumpelnde Thrash-Drums. Trotz Hochgeschwindigkeit bleibt jede Melodie sofort erkennbar. Die alten Hooks sitzen immer noch wie ein Liter Äppelwoi auf nüchternen Magen, nur eben mit deutlich mehr Verzerrung und deutlich weniger Würde.
Natürlich darf auch die ultimative Lebensphilosophie der Frankfurter nicht fehlen. ´Ein bisschen Spaß muss sein´ klingt hier nicht mehr nach Roberto-Blanco-Familienabend, sondern wie die offizielle Hymne einer völlig außer Kontrolle geratenen Metal-Kneipe. Der Song funktioniert erstaunlich perfekt im Thrash-Gewand. Im Hintergrund grölt die komplette Studio-Crew mit, vermutlich bereits mehrere Promille tief im Gerstensaft versunken.
Dann kommt einer der genialsten Momente der gesamten Platte. ´Paloma Blanca´ startet tatsächlich mit schief eingepfiffenem Intro, das angeblich komplett betrunken aufgenommen wurde. Sekunden später brechen die Gitarren wie eine Kneipenschlägerei über den Song herein. Aus der harmlosen Sommernummer wird plötzlich ein melancholischer Bier-Thrasher mit wunderbar schräger Atmosphäre. Zwischen Freiheitspathos und Suffromantik entsteht hier fast schon ungewollt großes Kino.
Und dann wird es völlig bizarr. ´Am Tag, als Conny Kramer starb´ funktioniert eigentlich überhaupt nicht als Thrash-Song – und dennoch funktioniert er perfekt. Der melancholische Drogentod-Klassiker bekommt ein düsteres, hartes Riffing verpasst, während Gerre den tragischen Text mit rotziger Metal-Röhre herauspresst. Das Ergebnis klingt gleichzeitig absurd, morbide und überraschend intensiv. Einer der seltsamsten und mutigsten Tracks der gesamten TANKWART-Geschichte.
Der Titeltrack ´Himbeereis zum Frühstück´ bringt danach wieder pure Eskalation. Schon die Originalzeile „Rock’n’Roll im Fahrstuhl“ klingt wie eine betrunkene TANKARD-Idee. Die Band macht daraus eine hektische Punk-Metal-Hymne voller Wahnsinn, Sommerfeeling und kompletter geistiger Entgleisung. Zwischen kreischenden Gitarren und Mitgröhl-Refrains entwickelt der Song diese herrlich bescheuerte Partyenergie, die das Album bis heute kultig macht.
Mit ´Dschinghis Khan´ wird schließlich alles komplett zerlegt. Der ohnehin schon hyperaktive ESC-Klassiker mutiert hier zu einem Doublebass-Massaker mit Vollgasgarantie. „Auf Brüder, sauft Brüder!“ klingt bei TANKWART nicht wie eine Textzeile, sondern wie eine Betriebsanweisung. Die Geschwindigkeit ist völlig absurd, die Chöre größenwahnsinnig und der ganze Song fühlt sich an wie ein besoffener Viking-Moshpit auf einem Dorffest.
Auch ´Sieben Fässer Wein´, ´Mendocino´ und ´Fiesta Mexicana´ funktionieren erschreckend gut im Thrash-Gewand. Gerade bei ´Fiesta Mexicana´ ersetzen zweistimmige Maiden-Gitarren die originalen Bläser und verleihen dem Song plötzlich einen fast epischen Heavy-Metal-Charakter. Und wenn Gerre das legendäre „HOSSA!“ herausbrüllt, klingt das eher nach zerstörter Festival-Bar als nach Schlagersendung.
Mit ´Fahrende Musikanten´ und ´Blau blüht der Enzian´ endet dieses komplett wahnsinnige Schlager-Metal-Feuerwerk schließlich standesgemäß zwischen Alkohol, Ironie und Vollgas. Besonders Heinos Alpen-Klassiker bekommt ein herrlich stampfendes Thrash-Upgrade verpasst, inklusive völlig übertriebener rollender R-Laute und einer Rhythmussektion, die jede Berghütte in einen Moshpit verwandeln könnte.

Das Faszinierende an ´Himbeergeist zum Frühstück´ ist jedoch, dass TANKWART die Songs niemals einfach nur verarschen. Hinter dem ganzen Kneipenhumor steckt echte Liebe für diese absurden Schlager-Melodien. Die Band hält sich bewusst eng an die Original-Hooklines, überträgt Bläser und Keyboard-Linien auf verzerrte Gitarren und erschafft dadurch diesen einzigartigen Kontrast aus Trash, Thrash und totalem Wahnsinn.
Das 2024er Remaster bringt diesen Irrsinn nun druckvoller denn je zurück. Die Gitarren sägen fetter, die Chöre wirken noch chaotischer und der gesamte Sound besitzt den nötigen Wumms, den diese Bier-und-Schlager-Abrissbirne verdient. Die limitierte „Yellow From The Egg“-Vinyl sieht dabei genauso bekloppt aus, wie dieses Album klingt – also perfekt.
Denn ´Himbeergeist zum Frühstück´ ist keine normale Platte. Es ist ein völlig enthemmter Kult-Unfall zwischen ZDF-Hitparade, Punk-Keller und Frankfurter Thrash-Metal-Kneipe. Laut, peinlich, genial und komplett besoffen. Genau deshalb lieben Fans dieses Ding seit Jahrzehnten. TANKWART beweisen hier eindrucksvoll, dass man selbst die harmlosesten Schlager-Gassenhauer mit genug Bier, Ironie und Doublebass in eine Headbanger-Party verwandeln kann. Humpen hoch, Schlaghose an und Prost auf eines der verrücktesten Nebenprojekte der deutschen Metal-Geschichte.



