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POINT LINE PLANE – Point Line Plane

2003/2026 (SKiN GRAFT Records) - Stil: Manischer Synth-Punk

Das Wiedersehen mit manchen Alben fühlt sich an wie das Öffnen einer längst vergessenen Kiste auf dem Dachboden. Man weiß noch, dass dort etwas Besonderes verborgen liegt, doch erst beim zweiten Blick wird klar, wie weit manche Musik ihrer Zeit voraus war. Genau dieses Gefühl hinterlässt das selbstbetitelte Debüt von POINT LINE PLANE. Was 2003 nur als CD erschien und nach kurzer Zeit in der Versenkung verschwand, erlebt 2026 dank “SKiN GRAFT Records” eine verdiente Renaissance – sorgfältig restauriert, klanglich überarbeitet und erstmals überhaupt auf Vinyl erhältlich. Zwei Jahrzehnte später wirkt diese Platte erstaunlich frisch, unberechenbar und genauso kompromisslos wie damals.

Zwischen 2002 und 2005 spielten Joshua Blanchard und Nathan Carson rund 150 Konzerte quer durch die USA. Die Auftritte dauerten oft kaum zwanzig Minuten, hinterließen aber verbrannte Erde. Wer POINT LINE PLANE live erlebte, bekam keinen gewöhnlichen Synth-Punk serviert. Hier kollidierten verzerrte Elektronik, Hardcore-Energie und die Rastlosigkeit des No Wave mit einer Spielfreude, die jeden Song jederzeit aus der Bahn werfen konnte. Während viele Bands der frühen 2000er auf den Dance-Punk-Zug aufsprangen, schufen POINT LINE PLANE ihre ganz eigene Klangwelt.

Vergleiche mit LIARS, LIGHTNING BOLT oder EX-MODELS drängen sich zwar auf, erzählen aber höchstens einen Teil der Geschichte. Ebenso hört man den anarchischen Geist von DEVO, die nervöse Spannung früher Noise-Rock-Experimente und den Mut, eingängige Melodien mitten in ein kontrolliertes Klangchaos zu werfen. Genau dieser Spagat macht das Album bis heute so faszinierend. Wo andere Bands Lärm produzieren, entdecken POINT LINE PLANE überraschend oft einen beinahe poppigen Kern.

Schon ´Death Dance 2000´ wirft den Hörer ohne Vorwarnung mitten ins Geschehen. Nathan Carsons Schlagzeug hämmert mit beinahe mathematischer Präzision durch den Song, während Joshua Blanchards verzerrte Synthesizer wie defekte Spielautomaten Amok laufen. Sein Gesang pendelt zwischen hysterischem Schreien und halb gesprochenen Zeilen. Kaum hat man sich orientiert, reißt ´Bat Chain Pusher´ das Steuer herum und steigert die Nervosität noch einmal.

Mit ´Crystal Skeleton´ zeigt das Duo erstmals seine hypnotische Seite. Die Synthesizer kreisen in endlosen Schleifen, das Schlagzeug hält alles zusammen, bis sich aus dem scheinbaren Chaos plötzlich eine erstaunlich eingängige Melodie erhebt. ´Open Yr Mindlight´ bewegt sich anschließend zwischen düsterem Electro-Punk und psychedelischer Klangforschung. Hier beginnt das Album endgültig, seine ganz eigene Sogwirkung zu entfalten.

Der kurze Ausflug in ´Improvisation I´ wirkt wie ein bewusst gesetzter Kontrollverlust, bevor ´Velvet Hole In The Head´ wieder Struktur ins Geschehen bringt. Trotz aller Dissonanzen besitzt der Song eine überraschende Direktheit, die sich sofort festsetzt.

Zu den Höhepunkten gehört ohne Zweifel ´8-Bit Graveyard´. Alte Videospiel-Ästhetik trifft auf kompromisslosen Punk, ohne jemals nach bloßer Nostalgie zu klingen. Die Synthesizer erinnern tatsächlich an frühe Heimkonsolen, doch Nathan Carson treibt das Stück mit solcher Wucht voran, dass daraus einer der spannendsten Tracks des Albums entsteht.

Auch die zweite Albumhälfte verliert nichts von ihrer Intensität. ´Code : Decode´ rast wie ein überhitzter Computer durch hektische Rhythmuswechsel, während ´Priest With A Badge´ seinen politischen Unterton hinter schroffen Noise-Attacken verbirgt. ´Amp Has Killed Amp´ wirkt fast wie eine klangliche Explosion, bevor ´Deep C´ den Schlusspunkt setzt. Über fast sieben Minuten entfaltet sich eine düstere, beinahe meditative Klanglandschaft, die das Album überraschend ruhig verabschiedet und dennoch eine latente Spannung bewahrt.

Gerade aus heutiger Sicht wird deutlich, weshalb dieses Debüt seinen Kultstatus verdient hat. POINT LINE PLANE klangen nie wie eine Band, die Trends hinterherlief. Sie entwickelten einen Stil, der sich konsequent jeder Schublade entzog. Synth-Punk, Noise Rock, Hardcore, Avantgarde und Pop treffen hier aufeinander, ohne dass eines dieser Elemente die Oberhand gewinnt.

Auch klanglich überzeugt die Neuauflage. Das sorgfältige Remastering erhält den rauen Charakter der ursprünglichen Aufnahmen, verleiht Schlagzeug und Synthesizern aber deutlich mehr Druck und Transparenz. Die auf 8-Bit Blue Vinyl gepresste Erstauflage von “SKiN GRAFT Records” überzeugt mit einer sauberen Pressqualität, einem angenehm dynamischen Klangbild und der liebevollen Ausstattung samt sammelbarer „Footlong“-OBI. Für Fans besonders außergewöhnlicher Independent-Veröffentlichungen gehört diese Ausgabe ohne Zweifel zu den spannendsten Vinyl-Reissues des Jahres.

(8,88 Punkte)

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