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DEATH ANGEL – The Ultra-Violence

1987/2026 (Real Gone Music) - Stil: Bay Area Thrash Metal

1987. San Francisco brennt. Aus jeder Garage scheppert ein neues Riff. In den Clubs fliegen Bierbecher, Turnschuhe und Matten durch die Luft, während draußen schon die nächste Horde langhaariger Kids darauf wartet, endlich eingelassen zu werden. Die Bay Area ist das Epizentrum einer musikalischen Revolution. METALLICA haben den Weg geebnet, EXODUS regieren die Clubs, TESTAMENT stehen in den Startlöchern und irgendwo zwischen all diesem Wahnsinn tauchen plötzlich fünf halbe Kinder auf.

DEATH ANGEL. Jungs, die aussehen, als müssten sie morgen Mathe schreiben, aber spielen, als hätten sie den Thrash Metal persönlich erfunden. Dies macht ´The Ultra-Violence´ bis heute zu einem der unglaublichsten Debüts der Metal-Geschichte.

Man muss sich das einmal vor Augen führen: Mark Osegueda und Rob Cavestany waren gerade einmal 17 Jahre alt, Dennis Pepa und Gus Pepa kaum älter, während Andy Galeon hinter der Schießbude unglaubliche 14 Jahre zählte. Vierzehn! In einem Alter, in dem andere mit dem Skateboard über Parkplätze rollen, prügelt dieser Junge ein Thrash-Album ein, an dem sich gestandene Musiker noch Jahrzehnte später die Zähne ausbeißen.

Deshalb klingt diese Platte so gefährlich. Hier denkt niemand darüber nach, ob ein Song radiotauglich sein könnte. Niemand interessiert sich für Charts oder MTV. Es zählt ausschließlich Geschwindigkeit, Spielfreude und dieser unbändige Hunger, der Anfang der Achtzigerjahre eine ganze Szene erschaffen hat.

´Thrashers´ schlägt ein wie eine Handgranate im Moshpit. Keine Sekunde Anlauf. Rob Cavestany feuert Riffsalven ab, die irgendwo zwischen frühen METALLICA, DARK ANGEL und EXODUS alles niederwalzen, was sich ihnen in den Weg stellt. Dabei besitzt der Song eine fast schon punkig schlichte Wildheit. Man spürt förmlich den Schweiß an den Wänden des Proberaums.

´Evil Priest´ legt sofort nach und macht klar, dass DEATH ANGEL weit mehr konnten als blind aufs Gaspedal zu treten. Vertrackte Stop-and-Go-Riffs, messerscharfe Tempowechsel und das unfassbar präzise Schlagzeugspiel des gerade erst jugendlichen Andy Galeon sorgen für offene Münder.

Überhaupt lebt dieses Album von seiner völligen Unberechenbarkeit. Wo viele Thrash-Bands damals auf gerade Songstrukturen setzten, werfen DEATH ANGEL ständig neue Ideen ins Feuer. Tempowechsel, Breaks, Gitarrenharmonien, Soli und Rhythmen tauchen auf, verschwinden wieder und machen Platz für den nächsten Wahnsinn. Trotzdem verliert sich keine einzige Komposition im technischen Selbstzweck. Alles wirkt spontan, lebendig und voller jugendlicher Euphorie.

Mark Osegueda gehört schon auf diesem Debüt zu den markantesten Stimmen der gesamten Bay Area. Unnachahmlich auch sein Gesang in ´Evil Priest´, besitzt dieser den Biss von Paul Baloff, die Aggressivität von Bobby Blitz Ellsworth und vor allem eine ganz eigene melodische Note. Seine hohen Schreie schneiden durch die Gitarren wie Kreissägen durch Stahl.

Songs wie ´Voracious Souls´ und ´Kill As One´ gehören zu den rasenden Hymnen voller messerscharfer Riffs, die den Geist der Bay Area in Reinform konservieren. Besonders ´Kill As One´ besitzt diesen unglaublichen Mitgröl-Faktor, der jede Halle sofort zum Kochen bringt.

Der wahre Architekt dieses Albums heißt allerdings Rob Cavestany. Was dieser Junge 1987 an Riffs aus dem Ärmel schüttelt, grenzt an Wahnsinn. Jeder Song besitzt mehrere Ideen, für die andere Bands komplette Karrieren aufgebaut haben. Seine Soli wirken wild, chaotisch und trotzdem unglaublich melodisch. Man hört den Einfluss der New Wave of British Heavy Metal genauso deutlich wie die technische Klasse amerikanischer Thrash-Pioniere.

Auch Dennis Pepa verdient deutlich mehr Aufmerksamkeit, als ihm oft zuteilwird. Sein Bass verschwindet nie im Hintergrund, sondern arbeitet permanent gegen die Gitarren an und verleiht den Songs eine zusätzliche Wucht. Zusammen mit Andy Galeon bildet er eines der stärksten Rhythmusgespanne der gesamten Szene.

Und dann kommt das Herzstück. ´The Ultra-Violence´. Zehn Minuten und dreiunddreißig Sekunden. Ein Instrumental. Welcher Debütband fällt bitte so etwas ein? Wo andere einen simplen Lückenfüller aufgenommen hätten, liefern DEATH ANGEL ein monumentales Thrash-Epos ab, das bis heute zu den größten Instrumentalstücken des gesamten Metal gehört. Mal düster und atmosphärisch, dann wieder rasant und schnell, plötzlich fast progressiv und Sekunden später zurück im totalen Chaos. RUSH trifft EXODUS. MERCYFUL FATE schüttelt HANDS mit SLAYER. Ein Gitarrenfeuerwerk, das einen sprachlos zurücklässt. Spätestens hier zeigt sich, dass diese Band weit mehr war als eine Horde talentierter Teenager. Sie dachten größer, mutiger und freier.

Zu ´Mistress Of Pain´ wird das Gaspedal abermals bis zum Bodenblech durchgetreten. Speed Metal in seiner reinsten Form. Schmutzig. Wild. Unkontrolliert. ´Final Death´ bringt anschließend eine dunklere, beinahe apokalyptische Stimmung ins Spiel. Die schleppenden Passagen verleihen dem Album kurz vor Schluss überraschend viel Tiefe und zeigen erneut das außergewöhnliche Gespür der Band für Dynamik. Das abschließende ´I.P.F.S.´ wirkt schließlich wie der obligatorische Studioblödsinn einer Gruppe Jugendlicher, die trotz aller musikalischen Genialität niemals vergessen haben, dass Metal vor allem Spaß machen soll.

Selbst die Produktion passt perfekt zu dieser Platte. Rau, bissig und herrlich ehrlich. Keine sterile Hochglanzpolitur, keine künstliche Kompression. Jede Gitarre sägt sich durch den Mix, während der Bass endlich einmal den Platz bekommt, den er verdient. Genau so musste Bay Area Thrash 1987 klingen.

Die 2026er Vinyl-Neuauflage von ´The Ultra-Violence´ holt dieses Debüt zurück auf den Plattenteller, genau dorthin, wo es hingehört – in schwerer Rille statt digitaler Glätte. “Real Gone Music” verpasst dem Klassiker ein frisches Remaster, das die ursprüngliche Aggression nicht glättet, sondern eher freilegt wie frisch freigelegte Stahlträger unter altem Beton. Der Sound wirkt dadurch präsenter, druckvoller, ohne die rohe 80er-Kante zu verlieren, die dieses Album überhaupt erst so gefährlich gemacht hat. Besonders Sammler bekommen Nachschub in gleich mehreren Farbvarianten, darunter die reguläre „Smoking Crater“-Edition. Unterm Strich bleibt es jedoch dasselbe Monster. Nur mit etwas frisch poliertem Stahlmantel.

Heute wird oft darüber diskutiert, welches Debütalbum den Thrash Metal am stärksten geprägt hat. Natürlich fallen sofort Namen wie METALLICA, SLAYER oder MEGADETH. Doch ´The Ultra-Violence´ gehört ohne jede Diskussion in dieselbe Liga. Dieses Album besitzt eine jugendliche Wildheit, die sich niemals reproduzieren ließ. Es klingt vollkommen ungefiltert, vollkommen ehrlich und vollkommen verrückt.

Vielleicht liegt darin auch seine Magie. Man hört keine Profimusiker. Man hört fünf Cousins aus Kalifornien, die jede freie Minute zusammen verbracht haben, nach der Schule ihre Instrumente schnappten und einfach loslegten. Ohne Angst. Ohne Grenzen. Ohne Rücksicht. So entsteht Geschichte.

(10 Punkte)

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