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MILES DAVIS – Birth Of The Blue (45rpm)

2024/2026 (Sony Music/Analogue Productions) - Stil: Modal Jazz

Es gibt Alben, die Geschichte schreiben. Und es gibt Aufnahmen, die unmittelbar davor entstehen. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich ´Birth Of The Blue´. Die Musik mag seit Jahrzehnten bekannt sein, doch in ihrer neuen 45-RPM-Ausgabe übernimmt sie längst die Hauptrolle.

Nachdem diese legendäre Studiositzung im Jahr 2024 erstmals als eigenständiges Album veröffentlicht wurde, folgt nun die audiophile Veredelung. Wo die ursprüngliche 33-RPM-Ausgabe vor allem die historische Bedeutung der Aufnahmen hervorhob, richtet sich die neue 45-RPM-Version an jene Hörer, die jede Nuance dieser außergewöhnlichen Begegnung zwischen Miles Davis, John Coltrane, Cannonball Adderley, Bill Evans, Paul Chambers und Jimmy Cobb möglichst unverfälscht erleben möchten.

Bereits die eigenständige Veröffentlichung von ´Birth Of The Blue´ im Jahr 2024 war für viele Jazzliebhaber eine kleine Sensation. Nach Jahrzehnten als Beigabe auf Compilations, Samplern und Wiederveröffentlichungen erhielten diese Aufnahmen erstmals den ihnen zustehenden Platz als geschlossenes Album. Die nun vorliegende 45-RPM-Ausgabe verfolgt allerdings ein hehres Ziel. Sie möchte nicht nur die historische Bedeutung der Session würdigen, sondern deren klangliches Potenzial möglichst vollständig freilegen.

Die vier Stücke stammen aus einer einzigen Studiositzung im Frühjahr 1958. Was damals lediglich eine weitere Station im kreativen Schaffen von Miles Davis gewesen sein mochte, offenbart sich heute als faszinierende Momentaufnahme einer Band, die sich gerade neu erfindet. Nicht als fertiges Konzept, nicht als endgültige Vision, sondern als lebendiger Prozess voller Ideen, Richtungswechsel und gegenseitiger Inspiration.

Bereits die ersten Takte von ´On Green Dolphin Street´ lassen erkennen, weshalb diese Session bis heute eine solche Faszination ausübt. Bill Evans eröffnet mit impressionistischen Klangfarben, bevor die anderen Musiker Schritt für Schritt hinzukommen. Miles Davis formuliert seine Gedanken mit sparsamer Eleganz, John Coltrane antwortet mit eruptiver Energie, während Cannonball Adderley den Boden unter ihren Füßen wieder mit Blues und Wärme versorgt. Alles wirkt selbstverständlich, obwohl gerade musikalisches Neuland betreten wird.

Auch ´Fran-Dance´ besitzt diese besondere Mischung aus Eleganz und Ungezwungenheit. Die Komposition entfaltet sich beinahe schwerelos, getragen von einem Ensemble, das bereits nach wenigen gemeinsamen Wochen ein bemerkenswertes Verständnis füreinander entwickelt hatte.

Die Interpretation von ´Stella By Starlight´ lebt von Zwischentönen, von bewusst gesetzten Pausen und von einer Zerbrechlichkeit, die man selbst nach unzähligen Durchläufen kaum vollständig erfassen kann. Miles Davis spielt hier nicht gegen die Stille an, sondern nutzt sie als zusätzliches Instrument.

Mit ´Love For Sale´ endet die Session schließlich in deutlich bewegterem Fahrwasser. Jimmy Cobb treibt die Musiker vor sich her, Paul Chambers hält alles souverän zusammen und die Solisten nutzen die erhöhte Dynamik für einige der spannendsten Momente des Albums. Gerade John Coltrane scheint hier bereits auf Entwicklungen vorauszublicken, die seine eigene Karriere wenige Jahre später prägen sollten.

Besonders bemerkenswert ist dabei, wie geschlossen das Sextett bereits klingt. Die Aufnahmen entstanden zu einem Zeitpunkt, als diese Besetzung noch längst nicht den legendären Status besaß, den sie heute genießt. Dennoch ist längst wahrnehmbar, wie stark sich die einzelnen Charaktere gegenseitig befruchten. Bill Evans bringt neue harmonische Farben ein, John Coltrane erweitert die Möglichkeiten improvisierter Linien, Cannonball Adderley sorgt für die Erdung, während die Rhythmusgruppe mit beeindruckender Gelassenheit sämtliche Freiheiten ermöglicht.

Die eigentliche Sensation dieser Veröffentlichung liegt jedoch im Klangbild. Diese 45-RPM-Ausgabe will keine verschollene Sensation präsentieren. Sie macht vielmehr hörbar, wie außergewöhnlich diese seit Jahrzehnten bekannten Aufnahmen tatsächlich sind. “Analogue Productions” hat die Session für diese 45-RPM-Ausgabe mit außergewöhnlicher Sorgfalt neu aufbereitet. Die Übertragung der originalen Drei-Spur-Bänder, der puristische Mastering-Ansatz und die Verwendung des legendären vollröhrenbasierten Schneidesystems verleihen den Aufnahmen eine beeindruckende Körperhaftigkeit.

Dass die Lackfolien über die legendäre Röhrenkette des von Doug Sax entwickelten “Mastering Lab” geschnitten wurden, verleiht dieser Veröffentlichung zusätzlich den Charakter einer technischen Hommage an die große Ära analoger Tonkunst. Matthew Lutthans vertraute dabei dem ursprünglichen Klangbild und verzichtete auf übermäßige Eingriffe, wodurch die Natürlichkeit und Offenheit der Session bewahrt bleiben.

Die Verteilung der lediglich vier Stücke auf vier Vinylseiten mag zunächst luxuriös erscheinen, verschafft den Aufnahmen jedoch deutlich mehr Raum für Dynamik, Feinheiten und räumliche Tiefe. Kaum eine andere Veröffentlichung verdeutlicht so anschaulich, weshalb viele Audiophile bis heute auf das 45-RPM-Format schwören.

Das Ergebnis ist unmittelbar hörbar: Plötzlich stehen die Instrumente nicht mehr nebeneinander, sondern besitzen Tiefe, Abstand und Gewicht. Besonders die Trompete von Miles Davis profitiert von der erhöhten Dynamik der 45-RPM-Ausführung. Jede Nuance seines Harmon-Dämpfers tritt plastisch hervor, jede kleine Veränderung der Artikulation wird nachvollziehbar.

Natürlich hat die höhere Drehzahl ihren Preis. Bei einer Gesamtspielzeit von gut einer halben Stunde bedeutet dies häufiges Aufstehen und Plattenwenden. Doch genau dieses Ritual passt erstaunlich gut zur Musik. Jede Seite wirkt wie ein eigenständiger Akt, der bewusst erlebt werden möchte, anstatt beiläufig im Hintergrund zu laufen.

Auch die Präsentation wird dem historischen Stellenwert gerecht. Das schwere Stoughton-Gatefold vermittelt jene Wertigkeit, die man von klassischen amerikanischen Prestige-Veröffentlichungen kennt. Das matte Finish, die sorgfältige Gestaltung und die authentische Anlehnung an die Ästhetik der späten Fünfzigerjahre machen bereits das Auspacken zu einem Teil des Erlebnisses.

Jahrzehntelang fristeten diese Aufnahmen ihr Dasein verstreut über Sampler, Archivveröffentlichungen und unterschiedlichste Wiederveröffentlichungen, obwohl sie musikalisch längst auf Augenhöhe mit den bedeutendsten Studiodokumenten ihrer Epoche agieren. Mit dieser Edition erhält eine oft unterschätzte Session endgültig den Rahmen, den sie verdient. Nicht als Anhang, Bonusmaterial oder historische Fußnote, sondern als eigenständiges Dokument eines entscheidenden Moments der Jazzgeschichte. Wer verstehen möchte, wie große musikalische Umbrüche entstehen, findet hier die faszinierende Entstehung einer neuen Sprache.

Die 45-RPM-Ausgabe von ´Birth Of The Blue´ ist deshalb weit mehr als eine weitere audiophile Neuauflage. Sie ist nunmehr die Referenzausgabe eines Schlüsselmoments, eingefangen von sechs Musikern, die sich auf dem Weg zu etwas Außergewöhnlichem befanden.

(Klassiker)

https://www.facebook.com/MilesDavis

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