EditorialNeu!

Kasse statt Kult: Wie uns das Festival-Business abzockt

Die Open-Air-Saison steuert ihrem Höhepunkt entgegen, während die Hallenfestivals schon den nächsten Event-Ableger planen. Doch stellt euch für einen kurzen Moment die nackte Realität ohne das Scheinwerferlicht vor: Wenn der Nebel auf der Hauptbühne verfliegt, der Verstärkerlärm verstummt und die Bierspuren im Staub trocknen – was bleibt dann eigentlich übrig?

Blicken wir auf die nackten Zahlen, abseits der Werbesprüche. Da stehen 350 Euro für ein Ticket, dynamische Preisanpassungen wie an der Börse, bargeldlose Bezahlung mit lückenlosem Tracking auf dem Gelände und Lineups, die seit zwanzig Jahren aus denselben Dauerschleifen von Abschiedstouren bestehen.

Das ist kein freier Raum für Aussteiger. Das ist eine hochgradig optimierte Event-Industrie, die unsere Sehnsucht nach Ausbruch knallhart monetarisiert.

Besonders dreist wird es, wenn man sich die Manöver der letzten Jahre anschaut. Da gab es die eine Fraktion: Konzertveranstalter, die sich lautstark als leidende Opfer der Krise inszenierten und am Hungertuch nagten. Doch statt Demut folgte die wundersame Brotvermehrung. Aus dem einen Traditionsfestival, das angeblich kurz vor dem Ruin stand, wurden plötzlich drei. Das Zusatz-Event im Sommer, die Spezial-Edition im Winter.

Das angeblich kurze Hemd erwies sich als verdammt elastisch – es wurde kurzerhand zum roten Teppich für die nächste Gewinnmaximierung umfunktioniert. Man verkauft dem Publikum das ständige Nachlegen als „Recht auf Nachholen“, zieht ihm aber für exakt dasselbe Produkt gleich mehrfach das Geld aus der Tasche.

Auf der anderen Seite stehen die Giganten auf den riesigen Äckern, die das Spiel von Anfang an als Großkonzern durchgezogen haben. Wenn dort Regeln diktiert werden, marschiert die Logistik. Nicht aus Ideologie, sondern weil Sponsoren, Versicherungen und Millionengewinne gesichert werden müssen. Wer da noch an die unkommerzielle „Rebellenszene“ glaubt, verwechselt ein durchkalkuliertes Logistikunternehmen mit einer autonomen Zone.

Hier schlägt die eigentliche Ironie zu: Eine Musikrichtung, die einst aus Garagen, verrauchten Kellerschuppen, Kassetten-Tauschbörsen und dem Mittelfinger gegen die Obrigkeit geboren wurde, ist heute die bravste Kundschaft des Establishments.

Das System hat die Rebellion nicht zerschlagen, es hat sie einfach aufgekauft, ihr eine Parkplatzgebühr verpasst und sie als durchorganisiertes Erlebnispaket zurück an die Masse verkauft.

Man zahlt Unsummen dafür, sich für drei Tage wie ein Outlaw zu fühlen, während man brav durch die Drehkreuze einer millimetergenau durchgeplanten Großwirtschaft marschiert. Und während die Großveranstalter ihre Imperien ausbauen und Zusatz-Festivals aus dem Boden stampfen, sterben die kleinen Underground-Clubs in den Städten leise vor sich hin. Die Orte, an denen echte Kultur entsteht, an denen junge Bands Blut schwitzen und Fehler machen dürfen, vertrocknen. Der Massenbetrieb braucht das Unperfekte nicht mehr. Er braucht planbare Nostalgie, weil das Risiko null ist und die Rendite stimmt.

Schluss mit der Romantik. Es bringt nichts, den Blick zu verschließen. Wenn wir die Seele dieser Musik bewahren wollen, müssen wir aufhören, Event-Monopole und kommerzielle Selbstbedienungsläden als „unsere Szene-Familie“ zu verklären.

Wer Freiheit sucht, findet sie heute selten auf dem Acker für 80.000 Menschen mit VIP-Zone und auch nicht beim dritten Ableger eines Kommerz-Festivals. Er findet sie in den feuchten Kellerschuppen, bei den unkommerziellen DIY-Veranstaltungen und bei den Bands, die noch etwas zu sagen haben, statt nur ihre Namensrechte zu verwalten.

Ziehen wir den Großereignissen den Stecker der Romantik. Schauen wir auf die Fakten – und entscheiden selbst, wen wir mit unserem Geld wirklich am Leben halten wollen.

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"