
Kaum sind die letzten Töne von ´The Metal Opera´ verklungen, reißen AVANTASIA die Tore zur nächsten Schlacht auf. Chöre steigen aus den Lautsprechern empor, Gitarren schneiden messerscharf durch die Luft und Michael Kiskes Stimme erhebt sich erneut bis in schwindelerregende Höhen. Wo andere Bands nach einem Meisterwerk durchschnaufen würden, setzt Tobias Sammet noch einen drauf. ´The Metal Opera Pt. II´ ist keine gewöhnliche Fortsetzung. Sie ist die Krönung eines der größten Power Metal-Epen aller Zeiten – ein Album, das den Geist von HELLOWEEN, GAMMA RAY, MAGNUM und STRATOVARIUS in flüssigen Stahl gießt und den europäischen Heavy Metal endgültig unsterblich macht.
Die Erwartungen hätten im Jahr 2002 kaum größer sein können. ´The Metal Opera´ hatte die Szene elektrisiert, Michael Kiskes Rückkehr gefeiert und bewiesen, dass melodischer Heavy Metal auch im neuen Jahrtausend triumphieren konnte. Viele gingen damals davon aus, Tobias Sammet hätte den zweiten Teil hastig nach dem Erfolg des Debüts nachgeschoben. Die Wahrheit war jedoch eine völlig andere.
Bereits Ende der Neunzigerjahre hatte der junge EDGUY-Frontmann die komplette Geschichte geschrieben. Ursprünglich sollte AVANTASIA als monumentales Doppelalbum erscheinen. Doch “AFM Records” war ein kleines Independent-Label, und ein solches Mammutprojekt hätte das Budget gesprengt. Also entstand ein ebenso mutiger wie genialer Plan: Beide Alben wurden zwischen 1999 und 2000 nahezu komplett aufgenommen und anschließend künstlich getrennt. Während die Einnahmen von Teil I die Fertigstellung von Part II finanzierten, musste Sammet zunächst zu seiner Hauptband EDGUY zurückkehren. Fast zwei Jahre warteten die Fans sehnsüchtig auf das Finale – ohne zu ahnen, dass die große Schlacht längst auf den Studiobändern schlummerte.
Auch die Besetzung blieb schlicht spektakulär. Michael Kiske hatte seine Berührungsängste gegenüber dem Heavy Metal endgültig abgelegt, das „Ernie“-Versteckspiel war vorbei und seine Rückkehr fühlte sich nun endgültig wie eine Heimkehr an. Zusammen mit Kai Hansen ließ er jene Magie wieder aufleben, die HELLOWEEN Ende der Achtzigerjahre zur Speerspitze des europäischen Speed Metal gemacht hatte. Dazu gesellten sich erneut André Matos, David DeFeis, Rob Rock, Bob Catley, Oliver Hartmann, Sharon den Adel und Timo Tolkki – Musiker, die aus einer ohnehin gigantischen Idee endgültig ein Denkmal machten.

Schon ´The Seven Angels´ macht unmissverständlich klar, dass hier keine gewöhnliche Fortsetzung beginnt. Tobias Sammet eröffnet das Album mit einem fast fünfzehnminütigen Monument – ein kreativer Kraftakt, den sich kaum ein anderer Songwriter getraut hätte. Michael Kiske, André Matos, Kai Hansen, David DeFeis, Rob Rock, Oliver Hartmann und Tobias Sammet reichen sich das Mikrofon wie Fackelträger eines gewaltigen Fantasy-Epos. Wenn sich im Finale sämtliche Stimmen über Timo Tolkkis neoklassischem Gitarrensolo vereinen, wird aus Heavy Metal endgültig eine Kathedrale aus Stahl.
Mit ´No Return´ explodiert anschließend der klassische HELLOWEEN-Geist. Alex Holzwarth peitscht die Doublebass gnadenlos nach vorne, Henjo Richters Gitarren fliegen durch die Boxen und Michael Kiske liefert sich mit André Matos ein großartiges Gesangsduell. Mehr europäischer Power Metal geht kaum.
Nach diesem Sturm öffnet ´The Looking Glass´ die Tore in eine andere Welt. Bob Catley verleiht dem Song mit seiner warmen, majestätischen Stimme eine fast märchenhafte Atmosphäre. Noch gefühlvoller wird es mit ´In Quest For´. Klavier, sanfte Streicher und das bewegende Zusammenspiel zwischen Tobias Sammet und Bob Catley sorgen für einen der emotionalsten Momente des gesamten Doppelalbums.
Mit ´The Final Sacrifice´ zieht die Dunkelheit wieder auf. David DeFeis verkörpert Bruder Jakob mit einer Intensität zwischen Wahnsinn und Genie, während schwere Riffs und hymnische Refrains klassischen US Metal mit europäischer Epik verschmelzen lassen. ´Neverland´ bringt anschließend wieder Licht und Euphorie. Rob Rock erscheint mit seiner kraftvollen Stimme, Henjo Richter liefert hymnische Gitarrenharmonien und der gewaltige Refrain schreit förmlich nach erhobenen Fäusten.
Bei ´Anywhere´ gehört die Bühne ganz Tobias Sammet. Aus einer zunächst ruhigen Ballade wächst ein immer größer werdendes Finale voller Sehnsucht und Emotionen. Dann explodiert ´Chalice Of Agony´. André Matos und Kai Hansen stehen am Mikrofon. Rasendes Tempo, messerscharfe Gitarren und zwei Stimmen, die sich gegenseitig zu Höchstleistungen treiben, machen den Song zu einer einzigen Liebeserklärung an den klassischen Speed Metal.
´Memory´ bringt anschließend noch einmal eine progressive Note ins Album. Ralf Zdiarstek schwebt mit seiner Stimme über den verspielten Melodien und sorgt für einen magischen Augenblick auf der Platte. Den würdigen Schlusspunkt setzt schließlich ´Into The Unknown´. Sharon den Adel führt die Geschichte mit ihrer glasklaren Stimme zu einem majestätischen Ende, das ganz auf Atmosphäre setzt. Wenn die letzten Chöre verklingen, schließt sich der Kreis einer der größten Metal-Sagas aller Zeiten.

Die Entstehung von ´The Metal Opera Pt. II´ verlief dabei kaum weniger spektakulär als die Geschichte selbst. Obwohl die Aufnahmen bereits im Sommer 2000 weitgehend abgeschlossen waren, mussten die Fans fast zwei Jahre auf die Veröffentlichung warten. Der Grund hieß EDGUY. Tobias Sammet legte AVANTASIA vorübergehend auf Eis, schrieb mit ´Mandrake´ das letzte große Album seiner Hauptband und ging anschließend auf Welttournee. Rückblickend erwies sich diese Pause als Glücksfall, denn die Begeisterung um den ersten Teil wuchs in dieser Zeit immer weiter an und machte das Verlangen nach dem Finale nahezu unerträglich.
Auch hinter den Kulissen lief längst nicht alles reibungslos. Beim späteren Mixing mussten beschädigte Datenträger und Softwareprobleme bewältigt werden, wodurch einzelne Gesangsspuren beinahe verloren gegangen wären. Gleichzeitig spielte Timo Tolkki einige seiner spektakulären Soli nahezu im ersten Versuch ein, während Bob Catley seine Rolle im Studio regelrecht schauspielerte. Für das monumentale ´The Seven Angels´ hing sogar ein riesiger, handgezeichneter Ablaufplan an der Studiowand, auf dem Tobias Sammet jede einzelne Gesangszeile aller Beteiligten koordinierte. Ohne diesen analogen Schlachtplan wäre das größte Finale der Metal Opera vermutlich im kreativen Chaos versunken.
Die neue “25th Anniversary Edition”, veröffentlicht über “Reaper Entertainment”, würdigt dieses Meisterwerk mit einem hochwertigen Gatefold als 180g-Doppel-LP in mehreren streng limitierten Farbvarianten. Das speziell für Vinyl neu angefertigte Mastering von Mika Jussila (Finnvox Studios) verleiht den dichten Arrangements deutlich mehr Luft und Dynamik. Selbst die höchsten Gesangslinien von Michael Kiske oder André Matos bleiben jederzeit brillant. Gerade bei einem derart überladenen Bombastwerk zahlt sich dieses neue Mastering hörbar aus und macht die Jubiläumsausgabe zur bislang klangstärksten Version des Albums.
Ein Vierteljahrhundert später werden ´The Metal Opera´ und ´The Metal Opera Pt. II´ längst nicht mehr getrennt betrachtet. Zusammen bilden sie eines der bedeutendsten Doppelwerke, das der europäische Heavy Metal jemals hervorgebracht hat. Tobias Sammet bewies mit gerade einmal Mitte zwanzig den Mut, Grenzen einzureißen und aus klassischem Power Metal, Musical, Hard Rock und Fantasy etwas vollkommen Eigenständiges zu erschaffen. Unzählige Bands orientierten sich später an diesem Konzept – doch kaum jemand erreichte jemals wieder diese Mischung aus Leidenschaft, Spielfreude und musikalischer Klasse.
Wenn heute auf einem Festival die ersten Chöre der Songklassiker erklingen oder Michael Kiske und Kai Hansen gemeinsam zum Angriff blasen, passiert immer noch genau das Gleiche wie vor fast 25 Jahren: Die Matten fliegen, die Fäuste schnellen in den Himmel und tausende Metalheads singen jede einzelne Zeile mit. Mehr Herz. Mehr Pathos. Mehr Heavy Metal geht kaum. United by Metal, bound by AVANTASIA.
Meisterwerk.



