
Januar 1975, Island Studios in London. Tagsüber feilt Gitarren-Architekt Phil Manzanera pflichtbewusst an seinem glänzenden Solodebüt ´Diamond Head´, um das Budget der Plattenfirma abzuarbeiten. Doch sobald die Dunkelheit über die Themse hereinbricht und die Label-Chefs schlafen gehen, geschieht Unerhörtes. Phil Manzanera schleicht klammheimlich mit seinen alten Weggefährten zurück an die Regler. Völlig unbemerkt von der Chefetage reanimieren sie die 1972 sanft entschlafene Canterbury-Legende QUIET SUN, um im Schatten der Nacht ihr einwandfreies Manifest einzuspielen. Am Regler schwitzt Tontechniker Rhett Davies im Dauer-Burnout, während Magier Brian Eno seine berüchtigten Oblique-Strategies-Karten über das Mischpult streut und die analogen Spuren durch veraltete Oszillatoren jagt. Wenn nach dem legendären Tonband-Einzähler von Rhett Davies die ersten Töne von ´Sol Caliente´ durch das Studio peitschen, brennt die Luft im Raum.
Über ein halbes Jahrhundert nach diesem schweißtreibenden Spuk liegt das schlicht ´Mainstream´ getaufte Wunderwerk in einer komplett restaurierten “51st Anniversary Edition” vor.
Wer geglaubt hatte, das schräge Vierergespann um Gitarrist Phil Manzanera, Schlagzeuger Charles Hayward, Basser Bill MacCormick und Tastenmeister Dave Jarrett würde unter der Staubschicht der Dekaden verblassen, wird beim ersten Nadelaufsetzer schlagartig eines Besseren belehrt.
Das Original von 1975 litt unter dem klebrigen Zeitgeist-Mumpf der siebziger Jahre, verstopft von schwerer Frequenzkorrektur. In den weltberühmten Abbey Road Studios wurden die originalen 24-Spur-Analogbänder nun vom muffigen Ballast befreit. Die Überarbeitung klingt spektakulär offen.

Bereits das Eröffnungsstück ´Sol Caliente´ stellt alle Canterbury-Regeln auf den Kopf. Phil Manzanera, dessen Mutter aus Kolumbien stammte, injiziert dem britischen Progressive Rock feurige Latin-Rhythmen. Ein furioses Feuerwerk brennt ab. Charles Hayward prügelt sein Drumkit mit roher, post-punkiger Aggression, während Dave Jarretts verzerrte Farfisa-Orgel wilde Kreise zieht. Das Riffing ist derart genial, dass Phil Manzanera die Kernidee noch am selben Tag für seine Solonummer ´Lagrima´ abzweigt.
Es folgt das berauschende Intermezzo ´Trumpets With Motherhood´, in dem Brian Eno nach Herzenslust wütet. Tape-Schleifen verlangsamen sich, Instrumente laufen rückwärts, und aus verfremdeten Sounds erwächst ein düsterer, kosmischer Choral. QUIET SUN agieren völlig ohne Scheuklappen. Wo andere Bands im akademischen Friemel-Sumpf versanken, versprüht dieses Ensemble ungezähmte Energie und tiefschwarzen Humor. Das halsbrecherische ´Bargain Classics´ wechselt in rasantem Tempo zwischen ungeraden Taktarten. Dave Jarretts Fender Rhodes duelliert sich mit fiesen Fuzz-Gitarren, ehe das verträumte ´R.F.D.´ schwebende Erleichterung spendet.
Das absolute Kronjuwel der Platte hört auf den glorreichen Titel ´Mummy Was An Asteroid, Daddy Was A Small Non-Stick Kitchen Utensil´. Ein tonnenschweres Prunkstück! Bill MacCormick lässt seinen verzerrten Bass mächtig dröhnen, während Phil Manzanera mit scharfen Feedback-Orgien und brutalem Wah-Wah-Einsatz durch die Rillen schneidet. Die pure Exzess-Lust schlägt dem Hörer entgegen.
Im epischen, knapp zehnminütigen Finale ´Rongwrong´ greift Schlagzeuger Charles Hayward selbst zum Mikrofon. Seine schrägen Vocals über das Lesen von Schönberg-Partituren in der Badewanne parodieren die intellektuelle Prätentiösität der Kunstszene mit messerscharfer Klinge, ehe der Song in einen majestätischen Keyboard-Teppich abgleitet und rohes Archivmaterial wie das verschollene Riff-Fragment ´Teflon Kid´ den ungezähmten Entstehungsprozess dieser Canterbury-Sternstunde vollkommen abrundet.

Diese Jubiläumspressung punktet mit atemberaubenden Extras. Über sieben Minuten nie gehörter Passagen finden ihren Weg zurück auf das schwarze Gold, darunter ein wunderschönes, intimes Klavier-Intro von Dave Jarrett, das verschollene Fragment ´R.F.D. 2´ und ein verträumtes Klavier-Outro. Das audiophile “Quiet Vinyl” läuft extrem ruhig ohne störendes Knistern.
Dieses heimlich aufgenommene Dokument spuckt den Regeln des kommerziellen Musikgeschäfts auch nach über fünfzig Jahren feurige Dämpfe ins Gesicht. Eine unverzichtbare Perle für alle Liebhaber von anspruchsvollem Prog Rock, elektrisierendem Jazz-Fusion und unbeugsamem Entdeckergeist.
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