MeilensteineVergessene Juwelen

JUDEE SILL – Heart Food

1973/2017 (Intervention Records/Asylum Records) - Stil: Folk/Rock

Es gibt Platten, die treffen einen nicht einfach im Vorbeigehen, sondern schlagen wie ein Blitz ins Mark. Wenn die Nadel in die schwarze Rille gleitet, zieht ein Sturm auf, der direkt in die Abgründe der menschlichen Existenz blickt. Wir reisen zurück in den März 1973: An diesem Wendepunkt erschien das zweite Studioalbum ´Heart Food´ von Judee Sill. Es markiert die letzte, gewaltige Eruption einer Ausnahmekünstlerin, die nach den Sternen griff und im Schatten ihrer eigenen Dämonen verglühte.

Judith Lynne Sill war Lichtjahre entfernt vom sanften Träumen der typischen Westküsten-Szene. Ihre Jugend im Laurel Canyon war ein Parcours durch die Hölle. Doch hinter dieser härtesten Schule des Lebens verbarg sich eine musikalische Visionärin. Hatte sie sich auf dem Erstling noch von Produzent Henry Lewy den Weg weisen lassen, war ´Heart Food´ die ultimative künstlerische Emanzipation. Völlig ohne klassisches Konservatoriumsstudium schrieb, arrangierte und dirigierte sie tonale Monumente. Als die arrivierten Studio-Musiker skeptisch vor ihren eigenwilligen Partituren saßen, brachte Judee Sill die versammelte Elite mit ihrem absolut unfehlbaren Gehör augenblicklich zum Schweigen.

Hier wurde die Geburtsstunde einer klanglichen Sphäre zementiert, die Judee Sill treffend als „Country-Gospel-Barock“ definierte. Unterstützt von absoluten Schwergewichten wie Drummer Jim Gordon, Bass-Legende Chris Ethridge, Pedal-Steel-Magier Buddy Emmons sowie den gewaltigen Background-Stimmen von Gloria Jones und Carolyn Willis erschuf sie eine Wand aus Klängen. Die Kompositionen wirken wie eine halsbrecherische Verschmelzung aus dem staubigen Vibe von THE BYRDS, der souligen Wucht von RAY CHARLES und den mathematisch gestochen scharfen Fugen von Johann Sebastian Bach.

Der Auftakt ´There’s A Rugged Road´ vereinnahmt den Hörer ohne Vorwarnung. Eine treibende Akustikgitarre verzahnt sich mit der weinenden Pedal-Steel, während Judee Sill über den beschwerlichen Pfad zur Erlösung singt. Direkt im Anschluss folgt das Meisterwerk ´The Kiss´. Was als zerbrechliche Piano-Ballade beginnt, schraubt sich in ein selbst arrangiertes Streicherepos hoch, das eine schiere Entrückung transportiert – Legenden besagen, dass selbst Elton John beim ersten Anhören hemmungslos weinte. Das winzige Akkord-Juwel ´The Pearl´ nimmt den Druck etwas zurück, ehe ´Down Where The Valleys Are Low´ mit düsteren Soul-Gospel-Harmonien im tiefsten Sumpf menschlicher Zweifel gräbt. Die erste Scheibe schließt schließlich mit dem filmreifen Western-Panorama ´The Vigilante´.

Die zweite Scheibe legt mit dem peitschenden Country-Gospel-Rocker ´Soldier Of The Heart´ energisch nach – getrieben von bläsergestützten Rhythmen und wirbelnden Pianosalven. In ´The Phoenix´ schichten sich Bach-artige Gesangsfugen über dramatische Streicherbögen zu einer musikalischen Wiedergeburt. Das sakrale, karge ´When The Bridegroom Comes´ – mit Zeilen ihres damaligen Lebensgefährten, dem Underground-Dichter David Omer Bearden – klingt wie ein düsterer Choral kurz vor dem Weltuntergang.

Der absolute Zenit des Albums ist jedoch das fast achtminütige Monument ´The Donor´. In tagelanger, an Besessenheit grenzender Studioarbeit sang Judee Sill Dutzende Spuren selbst ein, um einen atemberaubenden Kirchenchor zu erschaffen. Das unablässig flehende „Kyrie Eléison“ dröhnt wie ein ultimativer Hilfeschrei gen Himmel. Judee Sill gab später offen zu, diesen Song als musikalische Erpressung an Gott konzipiert zu haben, um dem Erdenleid endlich zu entkommen. Wenn die Instrumente am Ende in sich zusammenbrechen, lässt das Werk den Hörer völlig aufgewühlt zurück, bevor das hauchdünne Banjo-Instrumental ´Jig´ von Doug Dillard den Vorhang als trotziges Lächeln zuzieht.

Trotz jubelnder Presse blieb der kommerzielle Erfolg aus. Die Hintergründe waren von Tragik überschattet. Als Labelchef David Geffen bezüglich Promotion Druck machte, drohte die unberechenbare Songwriterin im Streit, sein Privatleben öffentlich zu machen. Geffen zog schlagartig den Stecker; so war das Album im Handel bereits verloren. Schwere Autounfälle, gescheiterte Wirbelsäulen-OPs und der erneute Absturz in die Heroinsucht besiegelten das Ende. Als Judee Sill 1979 im Alter von nur 35 Jahren verstarb, war ihr Name fast ausgelöscht. Erst Jahrzehnte später erlangte das Werk seinen verdienten Sakralstatus.

Wer das absolute Klangmaximum sucht, kommt an der bombastischen Reissue von “Intervention Records” nicht vorbei. Was Labelchef Eric Jacobs und Mastering-Koryphäe Kevin Gray hier auf die Beine gestellt haben, übertrifft schlichtweg alle Erwartungen. Direkt von den originalen 1/4-Zoll-Analogbändern geschnitten und im rein analogen AAA-Verfahren veredelt, treibt diese Pressung auf zwei gewaltigen 180g-Scheiben mit 45 U/min eine schiere Dynamik in den Raum, die einem die Nackenhaare aufstellt.

Gepresst auf absolut leisem Vinyl, pulverisiert diese Edition die klanglichen Nadelöhre alter Erstpressungen. Wenn im vielschichtigen Orkan von ´The Donor´ unzählige Gesangsspuren aufeinanderprallen oder in ´The Kiss´ die Streicherwucht einsetzt, versanken frühere Vinyl-Auflagen oft im Matsch. Kevin Gray entwirrt diesen monumentalen Teppich mit chirurgischer Präzision. Umrahmt von einem sauschweren, im Tip-On-Verfahren gefertigten Gatefold-Cover von Stoughton Printing samt fest eingearbeitetem Buch voller persönlicher Skizzen, ist dieses Teil das absolute Manifest audiophiler Leidenschaft.

Mit ´Heart Food´ hinterließ Judee Sill der Welt ihr unanfechtbares Opus Magnum – eine Platte voller spiritueller Wucht, grenzenloser Ambition und verzehrender Anmut. Ein bittersüßer Schwanengesang, der auch nach über fünf Jahrzehnten nichts von seiner magischen Ausstrahlung eingebüßt hat. Ein einzigartiges Album, das Folk-Pop mit der kompositorischen Strenge von Johann Sebastian Bach und sakralen Kyrie-Eleison-Chören eint. Es gibt schlichtweg kein anderes Album, das so tönt wie ´Heart Food´. Pflichtstoff für jeden, der Musik nicht nur hört, sondern im Innersten fühlt.

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