
LEATHER NUNN – Take The Night
1986/2026 (Cult Metal Classics Records) - Stil: US Metal
Jacksonville, Florida, 1983, lange bevor die Stadt für Bands wie SHINEDOWN oder LIMP BIZKIT bekannt wurde. Eine Handvoll Musiker um Sänger Wade Williams gründet LEATHER NUNN, fernab von Los Angeles, fernab von jedem A&R-Radar. Kein Plattenvertrag, keine Studiobudgets, nur der Wille, lauten, kompromisslosen Heavy Metal zu spielen. 1986 nehmen sie ihr einziges Album auf, ´Take The Night´, veröffentlicht über “Key Records”, ein Label, das eigens für diese eine Platte aus dem Boden gestampft wurde. Fünfhundert Vinyl-Exemplare, mehr nicht. Heute zählt diese Erstpressung zu den teuersten Raritäten des US-Undergrounds.
Der Sound ist trocken, höhenbetont, fast roh, das Gegenteil der glattpolierten Produktionen, die zur selben Zeit aus Los Angeles kommen. Die Gitarren von Jerry Brewer und John Gouchnour sägen sich durch simple, druckvolle Powerchord-Riffs, dazwischen immer wieder zweistimmige Twin-Leads im Geiste von IRON MAIDEN oder JUDAS PRIEST. James Mehm, im Bandumfeld nur „Jungle Jim” genannt, treibt mit einem ungewöhnlich dominanten, bolzenden Bass von unten an, während Jimmy Evans am Schlagzeug lieber stampft als filigran zu werden. Wade Williams selbst pendelt mühelos zwischen erdigem Erzählgesang und sirenenhaften Screams, sein Organ trägt hörbare Spuren von Rob Halford, nur roher, ungefilterter.

Der Opener ´Fool’s Way Out´ setzt die Marschrichtung fest, ein stampfender Mid-Tempo-Groove, dazu ein Twin-Gitarren-Solo, das stark nach THIN LIZZY klingt. Textlich geht der Song dabei ungewöhnlich schwer ins Persönliche, es geht um Verzweiflung und den Gedanken, sich selbst das Leben zu nehmen, ein Thema, das die Band ohne jede Effekthascherei anpackt und das dem Einstieg eine unerwartete Schwere gibt. Danach übernimmt die Titelhymne ´Leather Nunn´ das Ruder, düstere, fast doomige Riffs, ein Refrain, der sich sofort einbrennt. Mit ´Take The Night´ zieht das Tempo massiv an, rasiermesserscharfes Riffing, Williams’ Screams erreichen hier ihren Gipfel, der unbestrittene Höhepunkt der Platte. ´You’re The One´ ist der zugänglichste Song im Programm, ohne dabei in Richtung Pop-Metal abzudriften, während ´Another Bite´ mit seiner rotzigen NWoBHM-Attitüde die kürzeste und dreckigste Nummer der A-Seite bleibt.
Die B-Seite geht ins Epische. ´Taken Ground´ baut über fast fünf Minuten Spannung auf, Strophen, die von der Rhythmusfraktion getragen werden, wechseln sich mit wuchtigen Refrain-Wänden ab, dazu ein langes, dramatisches Solo. ´Take Me Back´ setzt auf klassischen Rock’n’Roll-Groove mit Call-and-Response zwischen Williams und dem Rest der Band, ´New Life´ kehrt zum hohen Tempo des Titeltracks zurück, bricht im Mittelteil aber überraschend in ein fast melancholisches Gitarren-Duett ein, bevor wieder alles explodiert. Den Schluss macht mit ´Mental Asylum´ der düsterste und theatralischste Song des Albums, ein dissonantes Eröffnungsriff, kreischende, chaotische Soli voller Tremolo-Arbeit, Williams singt hier aggressiver als sonst irgendwo auf der Platte, ein Abschluss, der unter die Haut geht.

Eine radiotaugliche Powerballade, wie sie 1986 im US Metal fast schon Pflicht war, gibt es auf der ganzen Platte nicht. Neun Songs, roh, ohne Kompromiss, ohne Keyboards, ohne Hall-Overkill.
1986 nahm davon kaum jemand Notiz. In Los Angeles regierte der Glam Metal, gleichzeitig begann der Thrash seinen Siegeszug, für einen schnörkellosen, unglamourösen Haufen aus Florida blieb da wenig Platz. Ohne Major-Label-Vertrieb versackte die Platte im Underground. Heute liest sich das anders. In Sammlerkreisen genießt ´Take The Night´ inzwischen Kultstatus, gehandelt in einem Atemzug mit ähnlich obskuren US-Perlen jener Jahre.
Nach dem schweren Autounfall am Ende ihrer einzigen Tour löste sich die Band 1989 auf, schwer verletzt wurde damals zum Glück niemand, das Equipment aber war hinüber, und der Schwung war weg. Es dauerte über dreißig Jahre, bis LEATHER NUNN 2026 zum vierzigsten Jubiläum von ´Take The Night´ zurückkehrten.
Wer die Scheibe heute hören will, muss nicht mehr Sammlerpreise jenseits der tausend Dollar zahlen. Das griechische Label “Cult Metal Classics” bringt ´Take The Night´ zum Jubiläum als aufwendige Neuauflage über “Sonic Age Records” heraus, komplett neu gemastert, gepresst auf schwerem 180g-Vinyl im dicken Gatefold-Cover mit seltenen Archivfotos und der Bandgeschichte im Innenteil, dazu ein großes Poster. Das Remastering nimmt dem berüchtigten Sägeblatt-Gitarrensound nichts von seiner Aggressivität. Als Bonus gibt es das unveröffentlichte ´Let The Children Shout´ von alten Kassettendemos, digital restauriert, ein kleiner Blick auf das zweite Album, das es nie gegeben hat.



