
Als im Februar 1990 die Nadel auf dieses selbstbetitelte Werk aufsetzte, war jedem augenblicklich klar, dass hier kein üblicher Doom-Sound durch die Gehörgänge walzt, sondern eine frisch geschmiedete Machtdemonstration. Wir sprechen von einer Zeit, in der die Chicagoer Truppe TROUBLE mit ihrer vierten Langspielplatte das nächste Kapitel der Szene-Historie aufschlug. Während der Metal-Underground noch mit den Ausläufern des Thrash-Booms beschäftigt war, schickten sich Eric Wagner, Bruce Franklin, Rick Wartell, Ron Holzner und der neu eingestiegene Schlagzeuger Barry Stern an, die Koordinaten einer ganzen Musikrichtung neu auszurichten.
Nach drei hochgelobten Scheiben bei “Metal Blade Records” – geprägt von tonnenschwerer Düsternis und dem ungeliebten „White Metal“-Stempel – schnappte sich Produzenten-Legende Rick Rubin die Band für sein Label “Def American Records”. Rick Rubin reiste vorab nach Chicago in den Proberaum und knöpfte sich das Material radikal vor. Gitarrist Rick Wartell erinnerte sich später an die unerbittliche Ansage des Produzenten, dass die Band zwar großartige Riff-Ideen habe, den Songs aber der innere Zusammenhang fehle. Rick Rubin entschlackte das Songwriting spürbar. Er strich unnötigen Ballast, zwang die Truppe zum Punkt zu kommen und setzte auf fokussierte Hooklines sowie kompakte Songlängen von meist drei bis vier Minuten. Statt steriler Hallfahnen der späten Achtziger verordnete er der Produktion einen staubigen, warmen Sound mit erdigen Fuzz-Gitarren, der eher an BLUE CHEER, LED ZEPPELIN oder BLACK SABBATH erinnerte.

Die Platte atmet eine unvergleichliche Dynamik. Der Opener ´At The End Of My Daze´ eröffnet nach einem kurzen psychedelischen Antasten mit einem unbarmherzigen, abgehackten Groove. Eric Wagner singt sich mit seiner messerscharfen, unverwechselbaren Stimme die Seele aus dem Leib, während Bruce Franklin und Rick Wartell ein Riff-Fundament gießen, das sofort in den Nacken fährt. Auf ´The Wolf´ bündeln sich krachende Proto-Metal-Rhythmen mit düsterem Flüstern, ehe der machtvolle Single-Hit ´Psychotic Reaction´ mit seinen wilden Fuzz-Duellen endgültig mit den alten Glaubens-Stereotypen bricht. Danach verschmelzen im melancholischen ´A Sinner’s Fame´ schleppende Doom-Melodien mit drückendem US Power Metal.
Das Album wechselt spielend zwischen roher Gewalt und seelischer Entblößung. Im mehr als siebenminütigen Wunder-Monolithen ´The Misery Shows (Act II)´ schraubt sich die anfänglich sanfte Schwermut über meisterhafte Gitarren-Soli in andere Dimensionen hoch. Das peitschende ´R.I.P. (Rest In Peace)´ wiederum nutzt in einem der härtesten und schnellsten Tracks des Albums die enorme Spritzigkeit des neuen Schlagzeugers Barry Stern voll aus. Mit dem schleppenden Brecher ´Black Shapes Of Doom´ im alten Bandstil huldigt die Band den Urvätern des Genres, um im eingängigen, rhythmisch mitreißenden ´Heaven On My Mind´ eine fast schon befreiende Hoffnung abzufeuern. Nach dem beklemmenden, düsteren Kurztrip ´E.N.D. (Eternal Narcotic Depression)´ krönt das finale ´All Is Forgiven´ die Scheibe. Die finalen Minuten gehören letztlich einem ausgedehnten, schwelgerischen Gitarren-Outro, das zu den absoluten Sternstunden der US Metal-Geschichte zählt.

Die historische Tragweite dieses Meilensteins ist gewaltig. TROUBLE schlugen hier die Brücke vom finsteren Traditional Doom der Achtzigerjahre hin zur staubigen Psychedelik des aufkeimenden Stoner Rock. Ohne den wuchtigen Riff-Groove dieser Scheibe wären spätere Größen wie KYUSS oder ELECTRIC WIZARD völlig undenkbar. Das Album enthält schlicht keinen einzigen Schuss Füllmaterial; es ist das Paradebeispiel dafür, wie ein Star-Produzent die Underground-Energie einer Band zu einem diamantenem Juwel schleift.
Für Liebhaber des schwarzen Goldes hat das niederländische Label “Hammerheart Records” im Jahr 2025 zum 35-jährigen Jubiläum eine spektakuläre Deluxe-Reissue vorgelegt. Gefertigt auf doppeltem Vinyl als streng auf 1.000 Exemplare limitierte Edition in vier Farben, kommt das Teil im wuchtigen Klappcover inklusive Poster und Hype-Sticker. Klanglich liefert die Pressung die volle Breitseite. Der bassstarke, staubtrockene Sound der Originalbänder entfaltet auf den Rillen eine mächtige, organische Wärme. Als absolut wertvolles Bonus-Material liegt auf den Seiten C und D der komplette Live-Mitschnitt aus Dallas vom 3. Dezember 1990 bei. Klassiker wie ´Psalm 9´, ´The Tempter´ oder ´Assassin´ werden dort mit einer unbändigen Attitüde ins Publikum gezimmert.
Das 1990er Werk von TROUBLE bleibt ein unerschütterlicher Meilenstein des Heavy Metal. Es vereint tonnenschwere Härte mit mitreißender Rock-Magie und erinnert schmerzlich an das Erbe des 2021 verstorbenen Frontmanns Eric Wagner sowie des 2005 verstorbenen Drummers Barry Stern. Eine zeitlose Scheibe, die auch nach über drei Jahrzehnten bei jedem Nadelkontakt augenblicklich Gänsehaut garantiert.
Klassiker.



