
THE TANGENT – Was
2026 (White Knight Records) - Stil: Progressive Rock / Fusion / Canterbury / Artrock
Dass Andy Tillison keine halben Sachen macht, weiß jeder, der die britische Prog-Achterbahn seit Anfang der Zweitausender begleitet. Aber was Andy Tillison zusammen mit Gitarren-Maniac Luke Machin, Saxofon-Gott Theo Travis, Bass-Legende John Jowitt, Drummer Steve Roberts und Keyboarder Rob Groucutt auf diesem 14. Studiowerk abfackelt, sprengt schlichtweg den Rahmen. Nach dem recht einsamen Solo-Ausflug beim Vorgänger sitzt hier endlich wieder eine vor Spielfreude berstende Band im Studio. Das Ergebnis ist ein gigantischer 100-Minuten-Doppeldecker, der sich tief in die Eingeweide frisst.
Schon das über 22 Minuten lange Titelstück ´Was´ haut einen direkt vom Hocker. Ein düsteres, fast verhaltenes Cello-Intro, dann klingt Andy Tillisons Stimme wie aus einem knisternden Volksempfänger der Fünfzigerjahre, bevor die Meute mit voller Wucht losbricht. Hier geht es nicht um billige Reminiszenz an glückliche Kindertage. Andy Tillison seziert 67 Jahre eigene Lebenszeit, knallt uns die Verlockungen alter Röhrenradios und die Mythen des Zweiten Weltkriegs um die Ohren, während im Hintergrund das verfluchte Napalm in Vietnam brennt. Luke Machin feuert Gitarrensoli ab, die virtuos den Geist von David Gilmour beschwören, während Theo Travis sein Saxofon derart seelenvoll schluchzen lässt, dass man echte Gänsehaut kriegt.
Direkt danach schnauft man kurz durch. ´Follow The River´ schmeckt wie ein kühles Bier an einem heißen Sommertag. Ein unfassbar grooviger, funkiger Brocken über Andy Tillisons Heimatfluss River Wharfe in Yorkshire. Das Zusammenspiel zwischen dem donnernden Bass von John Jowitt und den Drums von Steve Roberts ist pure Magie.
Den Abschluss der ersten Silberscheibe bildet das epische Gegenstück ´Was Not´. Über zwanzig Minuten lang zieht die Band sämtliche Register. Düsterer Prog, scharfes Riffing und eiskalte Ambient-Flächen prallen auf süffige Hammond-Orgeln. Hier brettert im Abschnitt ´The Prog Rock Bit in 7´ ein ungehemmtes Prog-Feuerwerk durch die Gehörgänge, ehe das Stück im ergreifenden Finale ´The Care Home´ in tiefe Melancholie abtaucht.
Wer glaubt, nach dieser Achterbahnfahrt sei die Luft raus, kriegt auf der zweiten Silberscheibe die volle Ladung Crossover verpasst. In der fast rein instrumentalen Suite ´La Suite Ce qu’était´ verneigt sich Andy Tillison ehrfurchtsvoll vor Keith Emersons legendärem Werksklassiker. Hier schlägt die Band meisterhaft die Brücke zwischen der düsteren Schwere des New Artrock und dem tanzbaren Acid-Jazz. Wuchtiger Riot-Jazz trifft auf schwere Big-Band-Bläser, fette Funk-Bässe und klassische Orchester-Arrangements aus der digitalen Schatztruhe. Bei Tracks wie ´Steak De Chevreuil Et Le Fermier´ meint man fast, der alte Keith Emerson persönlich säße wieder an den Tasten, um seine Orgel zu malträtieren. Erst beim Rausschmeißer ´Laisses Moi Chanter´ ergreift Andy Tillison wieder das Mikrofon, um der vernetzten Moderne und den Abgründen der Sozialen Medien eine glasklare Absage zu erteilen, gekrönt von einem aufrüttelnden Sprachsample der UN-Friedensbotschafterin Jane Goodall.
Mit diesem Werk übertreffen sich THE TANGENT selbst. ´Was´ ist ein Album mit Langzeitwirkung. Es ist ein monumentales Epos voller Leidenschaft, Sehnsucht, bittersüßer Erinnerungen und atemberaubender Musikalität.
(9,5 Punkte)
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