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OLSHANOE – Natural Science

2026 (Taibola Records) – Stil: Atmospheric Black Metal, Dark Folk

Am Ufer des Ob, wo sich Nowosibirsk in die Waldsteppe Westsibiriens schmiegt und der Winter rund fünf Monate lang das Regiment führt, lebt eine Tradition fort, die hierzulande kaum jemand kennt. Der russische Originaltitel ´Краеведение´ steht für jene Heimatkunde, mit der Dorflehrer und Amateurchronisten über Generationen die Geschichte ihrer Landstriche in Kladden und kleinen Museumsvitrinen bewahrten. OLSHANOE machen aus dieser bescheidenen Disziplin eine Totenmesse für die vergessenen Seelen ihrer Heimat. Der englische Titel ´Natural Science´ trifft den Kern nur ungefähr, denn vermessen oder katalogisiert wird hier nichts, hier wird beschworen.

Die Kernbesetzung fand 2019 zusammen, und längst versteht sich die Band als Kunstprojekt, das neben der Musik auch Film und Performance bespielt. Alexander Rastvorov verantwortet Gitarre, Gesang, Keyboards und Folkinstrumente, Evgeny Neverovsky zupft den Bass, Mikhail Evseev, der auch bei SHADOWMOOR und VETURHEIM die Felle gerbt, sitzt am Schlagzeug, und seit 2023 verstärkt Vladislav Ritmov die Gitarrenfront. Schon das Cover, auf dem eine einsame Jägergestalt durch tiefblauen Schnee stapft, gibt die Richtung vor, denn dieses Album erzählt vom Unterwegssein in einer Landschaft, die jeden Schritt teuer bezahlen lässt.

Die A-Seite der Kassette eröffnet ´Из Ольшаное с любовью´ (Aus Olshanoe mit Liebe), ein kurzes Instrumental, das mit einem Augenzwinkern auf jenen Bondfilm anspielt, dessen russischer Titel nahezu identisch klingt. Akustikgitarre und Synthesizer erklingen dabei wie eine Spieluhr in einer verlassenen Datscha. ´Thule´ fegt diese Idylle beiseite. Blastbeats prasseln wie Hagel auf gefrorenen Boden, darüber erhebt sich eine Melodie von eisiger Erhabenheit, und nach einer kurzen akustischen Einlage scheinen Alexander Rastvorovs gequälte Schreie aus jenem sagenhaften Nordland herüberzuwehen, das seit der Antike an den Rändern der Landkarten spukt.

Mit über sechseinhalb Minuten ist ´Скорее бы октябрь´ (Wäre doch bald Oktober) das längste Stück der Platte. Der Titel klingt wie ein Stoßseufzer am Ende eines schwülen Sommers, denn in Sibirien bringt der Oktober den ersten Schnee. Bei aller Härte gönnt sich der Song ein ausgiebiges Bad in seiner Melodie, die so schön geraten ist, dass man den Sturm ringsum für Augenblicke vergisst. ´Дом из рваных листьев´ (Haus aus zerrissenem Laub) setzt mit Akustikgitarre ein, steigert sich bis zum Ende zu purer Wucht und sinkt danach sanft in sich zusammen wie ein Laubhaufen, den der Wind verlassen hat.

Auf der B-Seite trägt ´Trail Of Tears´ einen Titel, der im Englischen untrennbar mit der Vertreibung der Cherokee verbunden ist, hier aber eher nach einem persönlichen Leidensweg durch die Wildnis klingt. In seiner Mitte hält das Stück fast eine Minute lang inne und schwebt in sphärischen Klängen, als würde der Wanderer stehen bleiben und in den Nachthimmel starren, bevor er weiterzieht. ´Территория´ (Territorium) teilt seinen Namen mit Oleg Kuwajews Roman über Geologen auf Goldsuche in Tschukotka. In der ersten Minute blitzen immer wieder kleine akustische Einschübe auf, danach gibt es kein Halten mehr, und die Band walzt alles nieder, was sich ihr in den Weg stellt.

´Убежище´ (Zuflucht) lädt zunächst ans Lagerfeuer, wo knapp eindreiviertel Minuten lang nur Saiten gezupft werden und man förmlich das Holz knistern hört. Dann greift das Feuer um sich, aus der wärmenden Glut wird ein Flächenbrand, und von der Zuflucht bleibt nur Asche. Zum Abschluss legt ´Горизонт´ (Horizont) analoge Synthesizer und eine einsame Akustikgitarre übereinander, ein letzter Blick über die weiße Ebene, ehe die Gestalt vom Cover in der Ferne versinkt.

Ganz ohne Einwände entlässt einen ´Natural Science´ allerdings nicht. Knapp 39 Minuten sind wenig für die Weite, die dieses Album heraufbeschwört, und manches Stück endet ausgerechnet dann, wenn man sich ganz in seinem Schneetreiben verloren hat. An der Wirkung dieser Musik ändert das wenig. Die Produktion lässt der rohen Wucht ihre Wildheit und den akustischen Momenten ihre Zerbrechlichkeit, ohne dass eines das andere erdrückt. OLSHANOE schreiben keinen Black Metal für das Schlachtfeld, sondern für jene langen Nächte, in denen man mit den Toten seiner Heimat Zwiesprache hält. Wer sich darauf einlässt, kehrt mit Raureif auf der Seele zurück.

(7,5 Punkte)

https://www.facebook.com/olshanoe


Cover-Artwork: „Natural Science“ von Olshanoe
(Cover-Illustration: Lisa Crane /
© 2026 Мертвых Собак Лейбл)

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