PlattenkritikenPressfrisch

CHERCÁN – Canto De Silicio

2026 (Independent) - Stil: Fusion / Prog Rock

In ganz Chile hockt er auf Zaunpfählen, Dachrinnen und Holzstapeln, ein unscheinbarer brauner Winzling aus der Familie der Zaunkönige, der ein erstaunlich kräftiges Lied in die Welt schmettert. Nach diesem Chercán hat sich die Band aus dem südchilenischen Valdivia benannt, und auf ihrem zweiten Album bekommt der Gesang des kleinen Vogels einen Kern aus Silizium. ´Canto De Silicio´ kreist um die Errungenschaften von Forschung und Technik, um ihre Verheißungen und um die Schatten, die sie werfen, wobei Gegenwart und Science Fiction immer wieder ineinanderfließen.

Den Anstoß zu diesem Konzept gab Schlagzeuger Rodrigo González Mera, der die Platte gemeinsam mit seinen Mitstreitern auch produziert hat. Schon das Cover von Carlos Alvear, auf dem der namensgebende Vogel in digitales Bildrauschen und Leiterbahnen zerfällt, stellt die Frage, wie viel vom Lebendigen bleibt, sobald die Maschine es nachbildet. Die Arbeiten verteilen sich über das halbe Land. Das Fundament entstand bei Máximo Torres im “Estudio Monteranco” in Futrono am Lago Ranco. Perkussion, Synthesizer und zusätzliche Saxophone kamen in Valdivia hinzu, die Streicher in Santiago, gemischt hat Jorge Fortune im “Telúrica Estudio” im patagonischen Coyhaique, und das Mastering besorgte Carlos Barros bei “Isla Negra Producciones”. Um den Schlagzeuger versammeln sich Martín Peña Alacid am Mikrofon, Roberto Faúndez Morales an der Gitarre, Pablo Barría González am Bass und Matías Bahamondes Martínez an Saxophon und Flöte. Benjamín Ruz Guzmán, der schon auf dem Debüt die Streicher beisteuerte, ist erneut an Bord, diesmal mit Braulio Rivas Tapia an der Viola und Sebastián Fierro Neira am Cello an seiner Seite.

Den Anfang macht ´Pareidolia´ (Pareidolie), benannt nach der Neigung unseres Gehirns, in Wolken Gesichter und in Steckdosen lachende Münder zu entdecken. CHERCÁN machen aus diesem harmlosen Trick der Wahrnehmung ein Sinnbild für eine Gegenwart, in der sich das Echte vom Gemachten kaum noch trennen lässt und jeder Bildschirm zur Wolke werden kann, in der man sieht, was man sehen will. Am Ende des Songs fällt eine Entscheidung für das Grenzenlose. Wie zur Antwort öffnet sich danach mit ´∞´ das erste von vier Zwischenspielen, deren Titel aus Zeichen statt Wörtern bestehen und die wie Schaltsymbole auf einer Platine die großen Stücke verknüpfen. Im Opener wie in fünf weiteren Stücken lässt Pablo Barría González seinen Korg Monologue mitreden, einen kleinen analogen Synthesizer, während Martín Peña Alacid im kurzen Intermezzo am Kaoss Pad Klänge in Echtzeit verbiegt.

Mit ´En Lo Incierto´ (Im Ungewissen) wandert der Geist von Mary Shelleys Frankenstein in eine Zukunft, in der künstlich erschaffene Wesen zwischen Werkbank und Wohnzimmer festsitzen, zu menschlich für die Maschine und zu maschinenhaft für den Menschen. Seine Szenerie wirkt eisig und rätselhaft. Eine Schöpfung beginnt aus dem Schatten heraus zu sprechen, und über allem liegt die Ahnung, dass mit ihr etwas Unumkehrbares in Gang gekommen ist. Martín Peña Alacid greift hier selbst zur Gitarre und spielt das Solo.

Nach dem zweiten Zeichenstück ´⇸´ fragt ´Ojos De Cristal´ (Augen aus Glas), was Kunst noch wert ist, wenn Rechenzentren Gemälde und Melodien am Fließband fertigen. Der Erzähler stellt sich einer glänzenden, aber hohlen Schöpfung entgegen, hinter deren Perfektion er Gier und Fesseln wittert, und nimmt lieber den Schmerz der Freiheit in Kauf, als sich ihr zu unterwerfen. Erstmals betreten die Gaststreicher die Bühne, und Roberto Faúndez Morales wechselt zur Akustikgitarre.

Das dritte Zwischenspiel ´⫸´, in dem Martín Peña Alacid noch einmal die Gitarre übernimmt, führt zu ´Pieles De Metal´ (Häute aus Metall), dem beklemmendsten Szenario der Platte. Es zeigt eine Menschheit, die sich so bequem in die Obhut ihrer Maschinen begeben hat, dass sie Gefühle und eigenen Willen nur noch als Ballast empfindet und an unsichtbaren Fäden durch den Alltag tanzt. Doch der Refrain träumt beharrlich davon, die Flügel eines Tages wieder auszubreiten, und spätestens hier wird klar, wie geschickt CHERCÁN das Bild des Vogels aus ihrem Namen durch das Album tragen. Auch die Streicher sind hier zur Stelle.

In ´Última Luz´ (Letztes Licht) hat die Ausbeutung der Natur ihren Preis gefordert. Die Erde steht am Abgrund, und die Menschheit muss sich als Angeklagte ihres eigenen Handelns begreifen. Der Song richtet seinen Zorn gegen jene Mächtigen, die Risse lieber übertünchen als flicken, und weigert sich dennoch, im Schwarz zu enden, weil er daran festhält, dass etwas Schönes die Verwüstung überdauert.

Nach dem letzten Zeichenstück ´֎´ flüchtet sich in ´Sueño Diferido´ (Aufgeschobener Traum) ein Mensch in den Kälteschlaf, um die Gegenwart zu überspringen und in einer gnädigeren Zukunft zu erwachen. Es ist eine Wette auf das Morgen, mit dem eigenen Leben als Einsatz. Während er in seiner Kammer verharrt, dreht sich die Welt ohne ihn weiter, und aus dem Stück spricht eine eigentümliche Mischung aus Stillstand und Sehnsucht nach Licht.

´Materia Invisible´ (Unsichtbare Materie) ist mit über sechseinhalb Minuten das längste Stück und widmet sich der Nanotechnologie, deren Bausteine so winzig sind, dass sie Medizin wie Kriegführung gleichermaßen umkrempeln könnten. Derselbe Staub, der Kranke heilen soll, ließe sich ebenso lautlos gegen Wehrlose richten, und CHERCÁN lassen beide Möglichkeiten unaufgelöst nebeneinander stehen. Ein letztes Mal greift Martín Peña Alacid zur Gitarre.

Wer die Texte mitliest, erlebt beim Finale ´La Evolución´ (Die Evolution) eine kleine Überraschung. Der Song setzt sich aus Splittern beinahe aller vorangegangenen Stücke zusammen, von den Farbresten aus ´Pareidolia´ bis zu den Marionetten aus ´Pieles De Metal´, und webt daraus eine Rückschau, die zugleich ein Aufbruch ist. Nach all den düsteren Szenarien schlägt das Album hier einen versöhnlichen Ton an, denn die Weichen für das Kommende stellt der Mensch noch immer selbst. Roberto Faúndez Morales spannt dafür eine zwölfsaitige Gitarre auf, und die Streicher sind zum Abschied noch einmal versammelt.

Gegenüber dem Debüt wirkt ´Canto De Silicio´ geschlossener und ehrgeiziger. Wo der Erstling noch als bunter Streifzug durch die Genres funktionierte, folgt hier alles einem gemeinsamen Gedanken. Die vier kurzen Stücke mit jeweils unter einer Dreiviertelminute sind eher Zwischentöne als eigenständige Musik, und wer kein Spanisch versteht, verpasst einen guten Teil der klugen Querverweise, die in den Texten schlummern. Am Gesamteindruck rüttelt das kaum. Der kleine Vogel aus Valdivia hat sich ein Herz aus Silizium einsetzen lassen, um herauszufinden, ob er danach noch singen kann, und die Antwort fällt unüberhörbar aus.

(8,5 Punkte)

https://www.facebook.com/profile.php?id=100085478546473&locale=es_LA


Cover-Artwork: „Canto de Silicio“ von Chercán
(Cover-Artwork & Digipak-Design: Carlos Alvear /
© 2026 Chercán [Self-Released])

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"