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MORON POLICE – Pachinko

2025/2026 (Mighty Jam Music Group/Just For Kicks Music) - Stil: Progressive Rock / Art Pop / Prog Metal

Okay. Hinsetzen, festhalten. Ein Mann lässt sein altes Leben hinter sich, und der Teufel höchstpersönlich verwandelt ihn in Tokio in einen fühlenden Pachinko-Automaten. Ja, richtig gelesen. So ein japanischer Glücksspielkasten, halb Flipper, halb einarmiger Bandit, der in den Spielhallen Tokios zu Tausenden nebeneinander steht und so viel Lärm macht, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Das ist die Geschichte. Ein ganzes Konzeptalbum lang. Und es funktioniert. Es funktioniert sogar so gut, dass man sich fragt, warum nicht schon längst jemand auf diese Idee gekommen ist.

MORON POLICE aus Norwegen waren schon immer die Band, die man im Prog nicht so richtig einsortieren konnte. Zu poppig für die Puristen, zu verrückt fürs Radio, zu gut, um sie zu ignorieren. Mit ´A Boat On The Sea´ hatten sie 2019 schon gezeigt, wohin die Reise gehen könnte. Doch 2022 wäre die Reise um ein Haar zu Ende gewesen. Schlagzeuger Thore Omland Pettersen starb bei einem Verkehrsunfall, gerade einmal 34 Jahre alt. Eine Band, die so sehr vom Zusammenspiel lebt, verliert mit ihrem Schlagzeuger mehr als einen Taktgeber.

Es ging trotzdem weiter, und ´Pachinko´ ist das vierte Studioalbum der Norweger geworden. Sondre Skollevoll, Lars Christian Bjørknes und Christian Fredrik Holtsteen haben sich zusammengerauft, und für die Drums haben sie sich Billy Rymer geholt, den Mann von THE DILLINGER ESCAPE PLAN. Ein Mathcore-Berserker in einer Band, die sonst eher Zuckerwatte verteilt? Klingt verrückt. Passt aber. Komponiert und getextet hat im Wesentlichen Skollevoll, Bjørknes und Jon Ivar Kollbotn von MAJOR PARKINSON haben an einzelnen Stücken mitgeschrieben. Arrangiert und produziert haben Skollevoll und Bjørknes selbst, gemischt hat Mike Watts in den “VuDu Studios” in New York, gemastert hat dort Frank Mitaritonna.

Wer jetzt glaubt, das sei schon die ganze Mannschaft, sollte mal einen Blick ins Booklet werfen. Skollevoll spielt Gitarre, singt, haut in die Tasten, zupft Kontrabass und Banjo und programmiert. Bjørknes hält mit Synthesizern, Klavier, Orgel und Melodica dagegen, und gemeinsam arrangieren die beiden Streicher und Bläser. Dazu kommen zehn Gäste mit Trompete, Saxophon, Oboe, Cello und Backgroundgesang, dazu gleich vier Leute an der Geige. Einer davon greift zur Hardangerfiedel. Die Hardangerfiedel! Das norwegische Nationalinstrument, mit diesen Resonanzsaiten, die so geheimnisvoll mitsummen. In einem Album über eine japanische Spielhölle. Und ein Gast ist im Booklet allen Ernstes für das sinnliche Klimpern der Kugeln zuständig. Wer kommt auf so was? Na, die MORON POLICE.

Vierzehn Stücke stehen auf der Platte, knapp eine Stunde, und die meisten davon sind knackig, zwei, drei, vier Minuten, aneinandergereiht wie Kugeln auf ihrem Weg durch den Automaten. Die Songs gehen ineinander über, ab und zu schiebt sich ein kurzes Zwischenspiel dazwischen, damit man mal durchschnaufen kann. Musical, Rock, Prog-Epos, Klavierballade, Achtziger-Pop, ein Schuss Jazz, alles drin.

´Nothing Breaks (A Port Of Call)´ fängt ganz süß an, mit getragenem Klavier, Cello und Stimmen, die sich versetzt übereinanderlegen. Hochmelodisch, nur der große Refrain bleibt aus. Erzählt wird von einem, der erschöpft aufwacht, sich wie im Käfig fühlt, seine Träume aufgibt und der trostlosen Stadt den Rücken kehrt. ´Alfredo And The Afterlife´ wird wild. Bläser dröhnen, ein schwerer Riff rollt an, ein richtiger Gitarrensturm, und trotzdem bleibt alles melodisch bis in die Haarspitzen, samt Chor mit Ohoho-Rufen. Dahinter steckt eine bissige Satire auf Fernsehprediger, die den Leuten gegen Bares einen Platz im Himmel verkaufen. ´Waiting Around For You´ hüpft überschwänglich hinterher, obwohl der Text vom Älterwerden erzählt und von Träumen, die endlich zur Ruhe kommen wollen.

Bei ´Cormorant´ legen sich Streicher aus dem Synthesizer über alles, und ab der Hälfte prasseln Billy Rymers Blastbeats bis zum letzten Takt. Der Text liest sich wie ein Abschiedsbrief an einen Freund, und wer weiß, wen die Band verloren hat, hört ihn mit anderen Ohren. ´Make Things Easier´ ist danach ein akustischer Folk-Country-Song mit Banjo, Geige und Oboe, die Erinnerung an einen seltsamen kleinen Jungen, der früh gelernt hat, sich zu verstecken. Mitten in der Spielhalle.

Mit ´Pachinko, Pt. 1´ gönnen sich MORON POLICE ein ausgewachsenes Epos von knapp zwölf Minuten, den großen Jackpot dieser Platte. Harte Einschübe, Breaks, Refrains und Funk Metal, als hätte jemand den Automaten auf die höchste Stufe gedreht. Hier passiert die eigentliche Verwandlung. Eine fremde Stimme schickt die Seele aufs Rad der Wiedergeburten, der Held träumt sich in die verschiedensten Leben, landet als Maschine in Tokio und stellt sich prompt als Flamencosänger vor. Daher also der Flamenco! Mittendrin geht es um Technik, um Götter und um die Frage, ob der Mensch sich selbst unsterblich machen kann. ´Pachinko, Pt. 2´ wirkt in den Strophen noch eine Spur verrückter, bevor ein einschmeichelnder Refrain mit geschmeidiger Melodie alles wieder einfängt. Der Gefangene in seiner Blechkiste schmiedet Fluchtpläne und hofft auf seinen Freund Louis.

´King Among Kittens´ hat den wohl schönsten Songtitel des Jahres und feuert abermals Videospiel-Geräusche ab. Der Automat ist inzwischen ein Star, fast schon ein Gott, und will doch nichts sehnlicher, als kein Pachinko mehr zu sein. ´Take Me To The City´ fährt im Pontiac in die Stadt, und beim Refrain denkt man unwillkürlich an ´Paradise City´ von GUNS N’ ROSES. Der Song bleibt melodisch, aber ohne große Hook, und hinter den hübschen Lichtern warten Masken und Einsamkeit. ´The Apathy Of Kings´ beginnt wuchtig, die Tasten tänzeln dazwischen, später wird es wieder hochmelodisch, und der Chor klingt beinahe nach Boygroup. Darüber brütet einer über seinen eigenen Hochmut und hofft auf Rettung.

´Hanabi´ dauert gerade einmal 51 Sekunden, und Hanabi heißt auf Japanisch Feuerwerk, eine kleine Rakete also, bevor ´Okinawa Sky´ abhebt. Das ist lupenreiner Synthie-Pop aus den Achtzigern, mit einem Gesang, der klingt, als käme er direkt aus jener Zeit. Der Automat wird in eine Rakete gesetzt und auf seine letzte Mission geschickt. In einem eingeklammerten Nachsatz fragt sich jemand, wie Musik ohne den Freund überhaupt noch funktionieren soll. Spätestens da ist klar, wer hier eigentlich spricht. ´The Sentient Dreamer´ schlägt mit zartem Klavier und schwebenden Stimmen ruhigere Töne an. Tausend Tage steckt er nun schon im Automaten, und zum ersten Mal klingen die Abschiedsworte an, die gleich wiederkehren.

´Giving Up The Ghost´ ist der Moment, in dem es mir ehrlich gesagt kalt den Rücken runterläuft. Hier wird losgelassen und den Zurückbleibenden Mut gemacht. Die Stimme, die dem Helden ganz am Anfang Feuer und Verdammnis prophezeit hat, wünscht ihm jetzt, dass seine Hoffnungen ihn überallhin tragen. Ganz am Ende sitzt Thore Omland Pettersen am Schlagzeug, in einem Outro, das er noch selbst eingespielt hat, und im Booklet steht vor seinem Namen ein schlichtes “und für immer”. Wer da nicht schlucken muss, hat kein Herz.

Was an diesem Album so imponiert, ist dieser Spagat. Es ist bunt, durchgeknallt, voller Spielfreude, und gleichzeitig steckt da eine Trauer drin, die nie mit dem Zaunpfahl winkt. MORON POLICE machen aus einem Verlust kein Klagelied, sie machen daraus einen blinkenden, scheppernden, absurd schönen Automaten, in den man immer wieder eine Kugel werfen möchte. Wie gut das zusammenpasst, merkt man, wenn man sich das Cover anschaut, das der spanische Künstler DULK gemalt hat, mit bürgerlichem Namen Antonio Segura Donat. Ein Fabelwesen, halb Dinosaurier, halb knorriger Baumstamm, mit Tukanschnabel und Pilzen auf dem verschneiten Kopf, stapft durch eine Landschaft, in der links noch Winter herrscht und rechts schon die Gänseblümchen blühen. Vögel umschwirren es, darunter ein Kormoran mit hypnotischer Spirale im Gefieder, während vorne eine Taschenuhr die Zeit anhält. Alles wirkt fröhlich, bis man näher hinsieht und merkt, dass hier vom Vergehen und Neuwerden die Rede ist.

Wünsche bleiben aber dennoch offen. So viele schöne Melodien hier auch vorbeiziehen, die eine, die sich festkrallt und einen beim Zähneputzen noch verfolgt, die fehlt. Und die gute Laune ist so beständig, dass sich manche Stücke ähnlicher anfühlen, als sie eigentlich sind. Das ist natürlich Jammern auf hohem Niveau. Im Regal dürfen ´Pachinko´ zwischen TOEHIDER und A.C.T, gleich neben MOON SAFARI, MAJOR PARKINSON und MUSE stehen. Weil hier auch Bläser, Jazz und Flamenco vorbeischauen, kommen THANK YOU SCIENTIST und DIABLO SWING ORCHESTRA mit ins Fach.

Knapp ein Jahr nach dem Album gibt es ´Pachinko´ nun auch auf Vinyl, als Doppel-LP in orangefarbenem Marmor, verpackt in einem Klappcover. Das sieht aus, als hätte jemand die Lichter einer Spielhalle in die Rille gegossen. Und das Beste daran: Wer DULKs Wimmelbild einmal auf LP-Größe aufgeklappt vor sich hat, entdeckt plötzlich Details, die im Kleinformat schlicht untergehen. Knapp 60 Minuten auf zwei Platten verteilt, das ist eine vernünftige Entscheidung, denn so bleibt jeder Seite genug Platz in der Rille. Bei einem Album, in dem Streicher, Bläser, Banjo, Synthesizer und Billy Rymers Schlagzeug gleichzeitig um Aufmerksamkeit kämpfen, ist das schlicht Pflicht. Und es zahlt sich aus. All die kleinen Verrücktheiten dieser Musik bekommen hier ihren verdienten Auftritt.

(8 Punkte)

https://www.facebook.com/moronpolice

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