PlattenkritikenPressfrisch

VICIOUS RUMORS – Vicious Rumors

1990/2025 (Atlantic/Music On Vinyl) – Stil: US Power Metal

1990 war ein seltsames Jahr für unsereins. Der Thrash hatte seinen Zenit erreicht, die Haarspray-Fraktion beherrschte noch das Musikfernsehen, und irgendwo in Seattle stimmten ein paar Jungs schon die Gitarren für das, was uns kurz darauf alle überrollen sollte. Mittendrin landeten VICIOUS RUMORS aus der Bay Area ihren großen Coup. Nach zwei Platten auf kleineren Labels, darunter das unverwüstliche ´Digital Dictator´, unterschrieben sie bei „Atlantic“, also bei jenem Haus, das schon LED ZEPPELIN und AC/DC groß gemacht hatte. Den Vertrag hatten sie sich nicht zuletzt als Anheizer für Paul Stanley auf dessen Solotour erspielt.

Was dabei herauskam, ist für viele bis heute das Meisterstück der Band. Geoff Thorpe und Mark McGee an den Gitarren, Dave Starr am Bass, Larry Howe hinter dem Kit und vorneweg Carl Albert, der 1995 bei einem Autounfall viel zu früh ums Leben kam. Was für eine Truppe! Wer Albert je live erlebt hat, weiß, warum man noch heute leise wird, wenn sein Name fällt.

Aufgenommen wurde 1989 in den “Fantasy Studios” in Berkeley, mit Michael Rosen als Produzent, der auch mit TESTAMENT gearbeitet hat. Das Major-Geld hört man der Platte an, fett und glasklar, aber ohne Weichspüler, so wie man es sich damals von jeder Bay Area-Band gewünscht hätte. Dazu dieses Cover! Don Brautigam, der Mann hinter ´Master Of Puppets´ und ´Among The Living´, ließ das chromglänzende Logo um eine leuchtende blaue Kugel über einem Wolkenmeer im Sternenhimmel schweben, während rote Blitze wie Kometen davonschießen. Wer so ein Motiv in der Plattenabteilung sah, griff zu, ohne vorher reinzuhören.

Eröffnet wird mit ´Don’t Wait For Me´, und der Song nagelt einen sofort an die Wand. Die Gitarren sind eine Wucht, Albert singt wunderbar, getragen von Hintergrundstimmen, doch was einen endgültig umhaut, ist der Refrain, in dem Leadgesang und Shouts perfekt ineinandergreifen. Kein Wunder, dass gerade dieser Song als Single ins Rennen ging. Dazu passt die trotzige Kampfansage an jeden, der glaubt, er könne die Band abschütteln. Das Video drehte übrigens ein gewisser Gore Verbinski, Jahre bevor er mit “Fluch der Karibik” Hollywood eroberte, und es landete prompt in der Rotation des “Headbangers Ball”.

´World Church´ nimmt den Fuß ein wenig vom Gas, baut sich atmosphärisch und heroisch auf und schlägt dann mit voller Kraft zu, während Albert mit seinen Shouts erneut in Hochform ist. Textlich träumt der Song von einer Menschheit, die sich nicht länger spalten lässt, und rechnet mit denen ab, die im Namen des Glaubens Gewalt säen. ´On The Edge´ ballert wieder fett und schnell, die Drums donnern mächtig, und am Ende shoutet Albert seine Zeilen im Takt heraus, als Standpauke an alle, die sich mit Exzessen kaputtmachen.

Mit ´Ship Of Fools´ schlagen VICIOUS RUMORS ruhigere Töne an, eine Metalballade mit orientalischem Anstrich, über die Albert gewaltig hinwegsingt, während im Hintergrund fast streicherartige Klänge schon beinage an Zeps ´Kashmir´ denken lassen. Inhaltlich geht es um Liebe und Vertrauen. ´Can You Hear It´ ist danach stahlharter Metal, auch wenn der Text um jemanden wirbt, der seinen alten Träumen nachhängt.

Die zweite Seite eröffnet ´Down To The Temple´, und was für ein Brocken das ist. Das mehrfach gesungene “Down” walzt alles nieder, mächtig, massiv und doch getragen, wieder mit einem Hauch Orient, passend zu einer düsteren Pilgerreise voller ritueller Bilder. ´Hellraiser´ setzt mit einem akustischen Intro ein, bevor es schnell und hektisch losbricht, die Gitarre fast neoklassisch, Wahnsinn, und der Text erzählt von einem, der nicht zurückblickt und nicht bremst.

Mark McGee, der in den Credits übrigens auch an der Mandoline auftaucht, hat das kurze Instrumental ´Electric Twilight´ allein geschrieben, ein funkelndes Zwischenspiel aus klaren Gitarren ganz ohne Rhythmusgruppe, bevor ´Thrill Of The Hunt´ es wieder krachen lässt. Die Gitarren kreisen, das Schlagzeug treibt, und erzählt wird vom Rausch der Jagd, bei dem der Reiz im Verfolgen liegt und nicht im Erlegen. Zum Schluss beginnt ´Axe And Smash´ mit einem hohen Schrei, und der Chorgesang streift fast schon den Poser Metal der Achtziger, doch die Gitarren sägen unbeirrt weiter, eine Hymne auf alle, die nachts mit lauten Gitarren durchs Land ziehen.

„Music On Vinyl“ legten das Album 2025 in einer limitierten Auflage von 1.500 einzeln nummerierten Exemplaren auf transluzentem blauem 180g-Vinyl neu auf, lizenziert von „Warner“ und mit einer Beilage. Das dunkle, durchscheinende Blau passt bestens zu Brautigams nächtlichem Himmel, und in diesen Rillen kommt die gelungene Produktion hervorragend zur Geltung. Die Instrumente sind ausgezeichnet voneinander getrennt, Thorpes und McGees Gitarren lassen sich wunderbar auseinanderhalten, und das Rauschen bleibt so gering, dass selbst die leisen Momente von ´Electric Twilight´ ungestört bleiben.

Ganz ehrlich, wer damals nachts vor dem “Headbangers Ball” hing und bei ´Don’t Wait For Me´ die Faust in die Luft gereckt hat, muss bei dieser blauen Scheibe nicht lange überlegen. Für alle anderen ist es höchste Zeit, nachzuholen, was sie 1990 verpasst haben. Carl Albert hätte es verdient.

Klassiker.

https://www.facebook.com/ViciousRumorsThisIsMetal


Cover-Artwork: „Vicious Rumors“ von Vicious Rumors
(Cover-Design & Band-Logo: Atlantic Records /
Reissue-Layout: Music On Vinyl /
© 1990, 2025 Atlantic Recording Corporation)
LP-Fotos: SaitenKult, Michael Haifl –
Bildzitat: Translucent-blaue, individuell nummerierte
180g-Sammler-Vinyl-Edition inklusive des zweiseitigen
Textblattes der 2025er Music-On-Vinyl-Wiederveröffentlichung
von Vicious Rumors (© 2025 Music On Vinyl / Warner Music Benelux)

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"