
LINDA RONSTADT – Prisoner In Disguise
1975/2026 (Elektra Records / Asylum Records) - Stil: Rock/Country Rock
1975, und die Messlatte liegt höher, als sie je zuvor lag. Ein Jahr zuvor hatte ´Heart Like A Wheel´ Linda Ronstadt zur Nummer eins der amerikanischen Album-Charts katapultiert, zur unbestrittenen Stimme Kaliforniens. Jetzt sitzt sie wieder im Studio mit Peter Asher, und die ganze Musikwelt fragt sich dasselbe, kann sie das noch einmal?
Wo andere Künstlerinnen unter diesem Druck vorsichtig würden, öffnet Linda Ronstadt ihren Klangkosmos noch weiter. Sie holt sich Songs von Freunden wie James Taylor und J.D. Souther, von Lowell George der Band LITTLE FEAT, von Anna McGarrigle, dazu einen Jimmy Cliff-Klassiker und eine Dolly Parton-Ballade, die Jahre später ein ganz anderer Stern zum globalen Welthit machen sollte. ´Prisoner In Disguise´ ist weniger fokussiert als sein Vorgänger und eben deswegen so faszinierend, ein Panorama statt eines einzelnen Statements.
Zum ersten Mal übernimmt hier Andrew Gold eine zentrale Rolle im Klanggerüst der Band, Multiinstrumentalist, heimlicher Architekt des Sounds, der auf manchen Songs praktisch im Alleingang Schlagzeug, Gitarren, Bass und Keyboards einspielt. David Campbell steuert die Streicherarrangements bei, und heraus kommt ein Album, das mühelos zwischen Country, Folk, Soul und purem Pop wandert, ohne je den roten Faden zu verlieren.

´Love Is A Rose´, geschrieben von Neil Young, eröffnet die Platte fröhlich und treibend, akustische Rhythmusgitarre, Mundharmonika, Fiddle, ein Song voller guter Laune. ´Hey Mister, That’s Me Up On The Jukebox´ von James Taylor hält die Stimmung locker, bevor ´Roll Um Easy´, geschrieben und mit Slide-Gitarre begleitet von Lowell George persönlich, staubigen Südstaaten-Charme versprüht.
Mit ´Tracks Of My Tears´ wagt sich Linda Ronstadt an Smokey Robinson, und das Ergebnis ist zeitlos, geschmeidiger Soul trifft auf die Leichtigkeit des kalifornischen Pop. Der Titelsong ´Prisoner In Disguise´, geschrieben von J.D. Souther, der hier selbst die Background-Vocals übernimmt, lebt von seiner dichten, fast schwebenden Atmosphäre.
Seite zwei explodiert sofort mit ´Heat Wave´, dem Motown-Klassiker von Holland-Dozier-Holland, angetrieben von Andrew Golds treibendem Beat, Dreck und Biss in den Gitarren, ein echtes Kraftpaket. ´Many Rivers To Cross´ verwandelt Jimmy Cliffs Reggae-Original in eine monumentale Gospel-Hymne, getragen von warmer Hammond-Orgel. ´The Sweetest Gift´ reduziert alles auf das Wesentliche, nur zwei Stimmen, eine Akustikgitarre und eine Mandoline von David Grisman, ein reines Duett mit Emmylou Harris, engelsgleich und schlicht.
´You Tell Me That I’m Falling Down´, unterstützt von Maria Muldaurs Harmonien, bringt eine leicht schräge, europäisch angehauchte Folk-Note ins Album, bevor ´I Will Always Love You´ zeigt, wie man Dolly Partons Ballade lange vor jeder Whitney Houston-Version interpretiert, getragen von sanftem Klavier und dezenten Streichern. Zum Schluss beschließt ´Silver Blue´, wieder von J.D. Souther, das Album mit einer melancholischen West-Coast-Komposition voller Sehnsucht, die Strophen flüsternd intim, der Refrain majestätisch aufblühend.

Was dabei hinter den Kulissen geschah, erzählte Linda Ronstadt selbst erst Jahrzehnte später, in einem bewegenden Brief zum fünfzigsten Jubiläum des Albums. Während der Gesangsaufnahmen kämpfte sie mit echtem Liebeskummer, und Peter Asher stellte ihr deshalb einen gut einen Meter großen Teddybären in die Gesangskabine, den sie Alfred Bear taufte. Jahrzehntelang fehlte sein Name in den Credits, ein Versäumnis, das sie in ihrem Brief nachträglich korrigierte, mit einem herzlichen Dank an ihren pelzigen Trost-Spender.
Das Album kletterte bis auf Platz vier der Billboard 200 und wurde binnen kürzester Zeit mit Platin ausgezeichnet. ´Heat Wave´ war ursprünglich gar nicht als Single geplant, sondern nur als B-Seite der Ballade ´Love Is A Rose´ gedacht. Radio-DJs drehten die Single jedoch eigenmächtig um und spielten ´Heat Wave´ so lange, bis das Album ein zweites Mal in den Charts explodierte, Platz fünf der Hot 100.
Und mitten in diesen Sessions, beim Duett mit Emmylou Harris auf ´The Sweetest Gift´ und der Interpretation von Dolly Partons ´I Will Always Love You´, wurde still und heimlich der Grundstein für ein späteres Jahrhundertprojekt gelegt, drei Frauen, drei Stimmen, das legendäre Trio-Album, das erst Jahre später erscheinen sollte. Countrystar Trisha Yearwood nannte ´Prisoner In Disguise´ später als direkte Inspiration für ihren eigenen Weg in die Musik.
Fünfzig Jahre nach seiner Veröffentlichung bekommt ´Prisoner In Disguise´ als Teil der gefeierten Vinyl-Box ´The Asylum Years 1973-1977´ eine neue, eigenständige Einzelpressung. Wie schon bei ´Don’t Cry Now´ schneidet Chris Bellman die Lackfolien bei Bernie Grundman Mastering direkt von den analogen Original-Bändern, gepresst wird bei Optimal Media in Deutschland. Klanglich profitiert gerade dieses Album enorm von der neuen Abmischung, die dichten Streicherarrangements und ein Kraftpaket wie ´Heat Wave´ klangen auf älteren Pressungen oft zusammengepresst und im Bass etwas schwammig. Auf dem neuen Chris Bellman-Schnitt öffnet sich der Raum, Andrew Golds vielschichtige Instrumentierung bekommt endlich den Platz, den sie verdient.
´Prisoner In Disguise´ hätte leicht zur bloßen Wiederholung eines Erfolgsrezepts werden können. Stattdessen wurde es zum Beweis, dass Linda Ronstadt mehr war als ein Hitlieferant, eine Künstlerin mit einem untrüglichen Gespür dafür, in jedem Song, den sie sang, etwas völlig Eigenes zu finden. Fünfzig Jahre später, mit Alfred Bear endlich in den Credits und einem Klang, der jede Nuance dieser Sessions freilegt, klingt dieses Album lebendiger als je zuvor.



