
HOLE – Live Through This
1994/2026 (Geffen/Interscope/Capitol) – Stil: Alternative Rock / Grunge
Zwei Bandspulen, zu groß für jedes gewöhnliche Regal, jahrelang verkannt in einem Lagerraum. Eric Erlandson, Gitarrist und Mitbegründer von HOLE, hatte sie stets für digitale Notfallkopien gehalten. Erst als bei „Interscope“ die Idee einer One-Step-Pressung aufkam und weder im Archiv der Band noch bei „Universal“ ein Masterband aufzutreiben war, holte er sie hervor. Darauf fanden sich die analogen Mischungen, aus denen Bob Ludwig in seinen “Gateway Mastering”-Studios 1994 das fertige Album gebastelt hatte.
Ausgerechnet Erlandson. Der Mann, der von den ersten Platin-Tantiemen keinen Luxus, sondern ein Tonstudio erwarb, mit einem Mischpult, an dem einst Stevie Wonder in seinem mobilen Studio gearbeitet hatte. Der dieses Studio später Stück für Stück aufgab, als Festplatten das Band verdrängten, und dem Klang der analogen Ära bis heute nachtrauert. Nun hat ihm ein vergessener Fund diesen Klang zurückgegeben.

Ein guter Anlass, noch einmal in jene Monate zurückzugehen, in denen dieses Album entstand, weniger in die Schlagzeilen als in die Studios.
Im April 1992 suchen Courtney Love und Eric Erlandson im “Jabberjaw” in Los Angeles eine neue Schlagzeugerin. Patty Schemel bleibt, und nach den Unruhen in der Stadt zieht das Trio in ein Haus in Carnation, Washington, das Courtney Love gemeinsam mit Kurt Cobain gehört. Im Januar 1993 nutzen Love und Schemel in Rio de Janeiro die Pausen einer Demosession, die eigentlich für NIRVANA und ´In Utero´ gebucht ist, um eigene Lieder festzuhalten, darunter ´Miss World´ und ´Softer, Softest´. Das letzte Puzzlestück kommt im selben Jahr. Kristen Pfaff, zuvor bei JANITOR JOE und eine klassisch ausgebildete Cellistin, übernimmt den Bass, und von nun an spielen HOLE wie eine Einheit, nicht wie lose verbundene Einzelkämpfer.
Aufgenommen wird ab Oktober 1993 in den “Triclops Sound Studios” in Marietta, Georgia, ausgerechnet auf Empfehlung der SMASHING PUMPKINS, die dort kurz zuvor ´Siamese Dream´ eingespielt hatten. Paul Q. Kolderie und Sean Slade sitzen an den Reglern, weil Love und Cobain ihre Arbeit an RADIOHEADs ´Pablo Honey´ schätzten. Pfaff gelingt jede Basslinie schon im ersten Durchgang, später wird daran keine Note mehr angefasst. Love singt jeden Song zehn- bis zwölfmal ein, und die Produzenten basteln aus den besten Momenten eine Spur, lassen die Stimme aber bewusst einfach stehen, statt sie zu verdoppeln und damit zu glätten. Selbst das Brechen ihrer Stimme bei ´Doll Parts´ übersteht den Feinschliff, obwohl „Geffen“ es gern entfernt gesehen hätten. Dana Kletter legt zusätzliche Stimmen über mehrere Stücke, und Kurt Cobain lässt sich überreden, im Hintergrund von ´Asking For It´ und ´Softer, Softest´ mitzusingen, obwohl er die Lieder zum ersten Mal hört. An Halloween ist die Studioarbeit getan.
Abgemischt hat zum größten Teil Scott Litt, bis dahin vor allem als Produzent von R.E.M. bekannt, in den “Record One”-Studios in Los Angeles und bei “Bad Animals” in Seattle. ´Gutless´ ging nach New York, wo J Mascis von DINOSAUR JR. das Stück in den “Sear Sound”-Studios fertigstellte. Prominenz hinter den Kulissen gab es also reichlich.

Der Rest ist bekannt und doch nicht weniger bitter. Das Album erscheint im Frühjahr 1994 im Schatten einer Tragödie, und nur zwei Monate später stirbt Kristen Pfaff. ´Live Through This´ bleibt die einzige Platte, auf der sie zu hören ist.
Bleibt noch das Cover, auf dem Ellen von Unwerth das Model Leilani Bishop als frisch gekürte Schönheitskönigin festhielt, die Krone im Haar und das Make-up bereits im Zerfließen, sodass schon die Vorderseite jenen schrillen Riss zwischen Glanz und Schmerz trägt, der die ganze Platte durchzieht. Der Bandschriftzug erinnert nicht zufällig an das Logo einer berühmten Puppe. Auf der Rückseite lächelt die kleine Courtney auf einem Familienfoto aus Springfield, Oregon, daneben die Songtitel auf Prägeband getippt.
Die “Definitive Sound Series” von Interscope-Capitol, erst seit Herbst 2025 am Start, macht aus dem Fund ein Ereignis. Bei “Bernie Grundman Mastering” in Hollywood wurden die betagten Bänder zunächst gebacken, damit sie den Durchlauf überstehen, und Chris Bellman überspielte sie danach ohne digitalen Umweg direkt auf die Lackfolie. Dorin Sauerbier übernahm bei “Record Technology, Inc.” das One-Step-Verfahren, bei dem der Lack fast unmittelbar zur Pressform wird und die sonst üblichen Zwischenkopien wegfallen. Als Material dient 180g schweres Neotech VR900 D2, das für besonders leise Oberflächen gemacht ist. Mit gut 38 Minuten passt das Album bequem auf eine einzige Platte, zwei Seiten zu je sechs Songs.
Eric Erlandson musste sich an das Ergebnis erst gewöhnen. Drei Jahrzehnte die digitale Fassung im Ohr, klang die Testpressung für ihn zunächst ungewohnt, bis sich beim nächsten Durchgang ein Raum öffnete, den er auf der CD nie gehört hatte. Seine Geschichte erzählt er auf dem schweren Tip-on-Klappcover, ein neues achtseitiges Booklet liegt bei, und um alles schmiegt sich ein Schuber mit dem Originalmotiv. Gedruckt wurden 3.000 nummerierte Exemplare.
Ein Mann verkauft sein Studio, weil die Welt digital wird, und dreißig Jahre später schenkt ihm ein verkanntes Band sein Album noch einmal neu. Auch so kann Grunge enden.
Ein emanzipatorisches Meisterwerk der Rockgeschichte.
Klangqualität: 10/10
Authentizität / Originaltreue: 10/10
Pressung & Material: 10/10
Verpackung & Extras: 9/10
Historische Bedeutung: 9,5/10
Sammlerwert: 10/10
https://www.facebook.com/Hole/
(Fotografie: Ellen von Unwerth / Backcover-Foto: Frank Rodriguez /
© 1994, 2026 Geffen Records / Interscope)
Bildzitat: Nummeriertes Slipcase, Heavyweight Tip-on-Jacket
und audiophiles 180g-One-Step-Vinyl der
2026er „Definitive Sound Series“-Edition
von Hole – Live Through This
(© 2026 Geffen Records / Interscope)



