
DAVE EDMUNDS – Repeat When Necessary
1979/2023 (7A Records) – Stil: Pub Rock, Rock ’n’ Roll, Power Pop
Man stelle sich vor, man bestellt im Pub eine Runde und bekommt zwei. 1979 passierte so etwas tatsächlich, nur eben auf Vinyl. Dieselben vier Männer gingen ins Studio und kamen mit zwei Platten wieder heraus. Die eine hieß ´Labour Of Lust´ und trug den Namen Nick Lowe, die andere hieß ´Repeat When Necessary´ und gehörte offiziell DAVE EDMUNDS. In Wahrheit war beides ROCKPILE. Edmunds hing bei „Swan Song“ fest, dem Label von LED ZEPPELIN, Lowe bei “Radar”, und so musste sich die beste Bar-Band Englands eben in zwei Hälften teilen, um überhaupt gemeinsam Platten machen zu können. Der Titel klingt übrigens wie die Dosierungsanleitung auf einem Beipackzettel. Passender hätte man es nicht sagen können, denn diese Musik wirkt wie ein Hustensaft mit ordentlich Promille, und man darf sie nehmen, so oft es nötig ist.
Das Verrückte an der Sache ist, dass auf dem fünften Album von Edmunds kein einziger Song von Edmunds selbst steht. Auch Lowe hat nichts beigesteuert. Edmunds war nie der große Schreiber, er war der große Übersetzer. Einer, der fremden Liedern die Lederjacke anzieht und sie dann so durch die Boxen jagt, als hätten sie nie anders geklungen. Produziert hat er selbst, und man hört jede Sekunde, wie besessen dieser Waliser von Gitarrensound war. Der Lohn kam prompt. Es wurde sein erstes Album, das in den britischen Charts landete, und zugleich sein erstes im amerikanischen Billboard 200. Es markierte den absoluten kreativen und kommerziellen Höhepunkt. Schon das Cover, auf dem Edmunds ganz in Schwarz mit roter Krawatte und Gitarre in einem schräg gekippten, feuerroten Rechteck vor blauem Grund steht, verrät, dass hier einer das Bild aus dem Lot bringt, um den alten Rock ’n’ Roll in eine neue Zeit zu schleudern.

Gleich der Einstieg ist ein Geschenk. Elvis Costello hatte ´Girls Talk´ geschrieben und Edmunds überlassen, ein Song über Getuschel und Gerede, über einen, der spürt, dass hinter seinem Rücken über ihn geflüstert wird, und der die Antwort, die man von ihm hören will, einfach schuldig bleibt. Edmunds baut daraus ein Popjuwel, bei dem die Gitarren funkeln wie frisch polierte Chromleisten und Roger Béchirian am Klavier ein paar Glanzlichter setzt. In Großbritannien stürmte der Song bis in die Top fünf. Danach kracht Graham Parkers ´Crawling From The Wreckage´ herein, die schwarzhumorige Moritat eines Unbelehrbaren, der einen Unfall nach dem anderen baut und trotzdem immer wieder ans Steuer drängt, weil ihm nur die Geschwindigkeit das Gefühl gibt, lebendig zu sein. Kleine Randnotiz für Familienforscher, sowohl Costello als auch Parker hatten zuvor mit Lowe als Produzent gearbeitet. Die Familie hält eben zusammen.
Mit ´The Creature From The Black Lagoon´ tritt Billy Bremner als Songschreiber ins Rampenlicht und erzählt die Geschichte des Monsters aus dem B-Movie als Liebeskummer-Groteske. Ein einsamer Kerl aus der Tiefe, der eigentlich nur eine Gefährtin sucht, schon einmal sitzengelassen wurde und nun wieder nachts an Land steigt. Zum Gruseln ist das nicht, eher zum Schmunzeln mit einem Hauch Mitleid. Dann kommt einer der großen Gitarrenmomente der Siebziger. ´Sweet Little Lisa´, geschrieben von Hank DeVito mit Donivan und Martin Cowart, handelt von einem Kerl, der in allerlei Schlamassel gerät und an Versuchungen nicht arm ist, auf einer Poolparty in Hollywood ebenso wie bei einer Verehrerin in Dallas, und doch jedes Mal seiner Lisa treu bleibt. Dazu kommt ein Gast, und der heißt Albert Lee. Was dieser Mann auf seiner Gitarre veranstaltet, lässt sich mit Worten kaum fassen. Die Saiten zirpen und zwitschern, als hätte jemand einen Schwarm Kolibris in den Verstärker gelassen. Seite eins endet mit ´Dynamite´ von Ian Samwell, das Cliff Richard 1959 zuerst aufgenommen hatte, eine Liebeserklärung als Countdown, in der jeder Kuss zur Zündschnur wird, und hier klingt der Song, als hätte man ihn frisch aus einer Bowlingbahn in Cardiff geholt.
Seite zwei eröffnet mit dem vielleicht schönsten Song der Platte. Hank DeVitos ´Queen Of Hearts´ erzählt von einem, der um Mitternacht auf den Zug wartet und weiß, dass er sich mit der falschen Frau eingelassen hat, ein Glücksspiel mit Spielkarten als Bild, bei dem er wider besseres Wissen immer wieder die Herzdame zieht. Wie gut dieses Arrangement war, bewies Juice Newton 1981 auf ihrem Durchbruchsalbum ´Juice´. Sie übernahm es fast unverändert. Ronnie Selfs ´Home In My Hand´ hatten BRINSLEY SCHWARZ sieben Jahre zuvor schon eingespielt, die Hymne eines Herumtreibers, der sein ganzes Zuhause mit sich herumträgt und nirgends lange bleibt. Edmunds macht daraus einen Rockabilly-Rausch.
Bremner, in den Credits wieder hinter seinem Pseudonym Murray versteckt, liefert danach mit ´Goodbye Mr. Good Guy´, gemeinsam mit Pat Meager geschrieben, die Geschichte eines Mannes, der seine Freundin verliert, weil er schlicht zu nett war, und der sich vornimmt, künftig lieber den Bösewicht zu geben. ´Take Me For A Little While´ von Trade Martin, das schon Evie Sands und später Dusty Springfield gesungen hatten, ist das Flehen eines Verschmähten, der wenigstens für kurze Zeit genommen werden will, und hier wird es zur kleinen Soulperle. Mit ´We Were Both Wrong´ meldet sich Bremner gleich noch einmal zu Wort und erzählt von einem Paar nach dem Streit, in dem keiner zugeben mag, dass beide danebenlagen. Dass in dieser Band mehr als zwei Chefs saßen, ist spätestens jetzt klar.
Und zum Schluss ´Bad Is Bad´. Geschrieben haben ihn Huey Lewis und seine Mitstreiter von CLOVER, und Lewis bläst auch gleich selbst die Mundharmonika dazu. Ein lässiger Shuffle aus lauter kleinen Alltagsenttäuschungen, vom billigen Eintopf bis zur unangenehmen Überraschung zu Hause, und der Refrain kommt mit dem Schulterzucken eines Mannes, der weiß, dass Coolness nicht alles rettet. Vier Jahre später nahm Lewis den Song mit HUEY LEWIS & THE NEWS für ihr Multiplatin-Album ´Sports´ noch einmal auf. Edmunds hatte also mal wieder vor allen anderen das richtige Näschen.

Dass all das von ROCKPILE stammt, steht nirgends groß auf dem Cover, aber man hört es in jeder Rille. Nick Lowe am Bass hält alles zusammen, Terry Williams trommelt, als müsse er den Takt persönlich verteidigen, und Bremners Gitarre schmiegt sich an die von Edmunds, bis man nicht mehr weiß, wer wo anfängt. Elf Songs, keiner davon länger als vier Minuten, und kein einziger, den man überspringen möchte. Ein Jahr später durften die vier endlich unter eigenem Namen antreten, kurz darauf war alles vorbei.
„7A Records“ hat ´Repeat When Necessary´ 2023 neu aufgelegt, und dabei schließt sich ein schöner Kreis. Remastert hat ausgerechnet Roger Béchirian, der schon 1979 als Toningenieur an den Reglern saß und sogar das Klavier bei ´Girls Talk´ spielte. Das Label bekam vollen Zugriff auf die originalen Masterbänder, und Béchirian hat daraus eigens eine Fassung für Vinyl erarbeitet. Wer, wenn nicht er, weiß, wie diese Band damals im Raum klang? Gepresst wurde auf 180g schwerem, rotem Vinyl, das dem Feuer dieser Musik ziemlich nahekommt und wunderbar zum roten Rechteck auf dem Cover passt. Im Klappcover stecken ausführliche neue Liner Notes von Joe Marchese, der dafür auf frische Erinnerungen von Béchirian zurückgreifen konnte, dazu sämtliche Songtexte, auf feuerrotem Grund mit dunklem Fleckenmuster und türkisfarbenen Titeln gesetzt, als hätte jemand einen Jukebox-Abend auf Papier gebannt. Mehr Nähe zum Original geht kaum, wenn der Mann, der damals die Mikrofone aufgestellt hat, heute auch das Remaster verantwortet.
Wer diese Platte heute auflegt, hält die Antwort auf die Frage in der Hand, wie Rock ’n’ Roll klingt, wenn man ihm nach gut zwanzig Jahren noch einmal neues Blut in die Adern pumpt, und folgt dem Rat aus dem Titel nur allzu gern, so oft es eben nötig ist.
https://www.facebook.com/DaveEdmundsOfficial
Cover-Artwork: „Repeat When Necessary“
von Dave Edmunds (Fotografie: Lynn Goldsmith /
Grafiken: Edward Barker / via 7A Records).
Bildzitat: Erweitertes Gatefold-Design und rotes Vinyl-Design
für den 2023er Rerelease von Dave Edmunds
(© 2023 7A Records / Rockpile Productions).



