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JUDAS PRIEST – Sad Wings Of Destiny

1976/2026 (Exciter Records) - Stil: Heavy Metal

1975, BBC-Studio, „The Old Grey Whistle Test“. JUDAS PRIEST spielen in der Musiksendung ´Dreamer Deceiver´ und ´Deceiver´, ein Jahr bevor die beiden Songs auf Platte erscheinen. Von Leder und Nieten keine Spur. Stattdessen hohe Absätze, Rüschenhemden, und ein langhaariger Rob Halford steckt in einem rosa Satin-Oberteil, das er sich, wie er später gestand, von seiner Schwester geliehen hatte. Die Band ärgert sich über die Lautstärkebegrenzung der BBC, denn Heavy Metal leise zu spielen ist ungefähr so sinnvoll wie ein Motorrad ohne Motor. Wenig später zieht die Band in ein Studio in Wales und nimmt eine Platte auf, die das Genre für immer verändern sollte.

Damals war bei JUDAS PRIEST allerdings nichts glamourös. Das Label „Gull Records“ hatte für jedes der ersten beiden Alben gerade mal 2.000 Pfund springen lassen. Die Band gönnte sich eine Mahlzeit am Tag, und mehrere Mitglieder jobbten nebenher. Glenn Tipton arbeitete als Gärtner, Kenneth „K. K.“ Downing in einer Fabrik, und Ian Hill fuhr einen Lieferwagen. Wer bei diesen Geschichten nicht an echten Underground denkt, hat Metal nie verstanden.

Im November und Dezember 1975 ging es für zwei Wochen in die „Rockfield Studios“. Gearbeitet wurde von drei Uhr nachmittags bis drei Uhr morgens, und zwar stocknüchtern. Produziert haben Jeffrey Calvert und Gereint „Max West“ Hughes, die Köpfe von TYPICALLY TROPICAL, deren Hit ´Barbados´ 1975 die britischen Charts angeführt und „Gull Records“ den ersten Hit beschert hatte. Ausgerechnet zwei Popmusiker also. Als Co-Engineer saß der junge Chris Tsangarides an den Reglern, gemischt wurde eine Woche lang in den „Morgan Studios“ in London. Die Mission war klar, geradliniger Rock mit progressiver Kante. Nach dem enttäuschenden Debüt ´Rocka Rolla´ wollte die Band es diesmal wissen. Rob Halford scherzte bald, die Fans sollten ihre Exemplare des Erstlings doch am besten verbrennen.

Und was dabei herauskam! Glenn Tipton und K. K. Downing sagten später, die schweren Riffs und die verschachtelten Arrangements seien von den Fabriken ihrer Heimat im Black Country inspiriert gewesen. Man hört es. Da hämmert und dampft es, als hätte jemand ein Stahlwerk in Rillen gepresst. Dazu kommen die Chöre von QUEEN und die Wucht von LED ZEPPELIN, der Drive von DEEP PURPLE und die Finsternis von BLACK SABBATH, vereint zu etwas völlig Neuem. Und über allem die Stimme von Rob Halford, die vom Raunen bis zum Kreischen alles abdeckt, was ein menschlicher Kehlkopf hergibt.

Die Jubiläumsausgabe stellt die Reihenfolge wieder her, die die Band ursprünglich wollte, und die Platte beginnt mit ´Prelude´. Glenn Tipton sitzt an Klavier und Synthesizer, ein kurzes barockes Instrumental. Musikalisch hat es mit dem folgenden Song übrigens gar nichts zu tun. Aber was für eine Ouvertüre! Denn dann bricht ´Tyrant´ los, ein Brocken voller Tempowechsel und Abschnitte, mit dem Rob Halford nach eigenen Worten seine Abneigung gegen jede Form von Kontrolle ausdrückt. Lederjacke an, Regler hoch. Mehr Heavy Metal geht nicht.

´Genocide´ trägt hörbar die DNA von DEEP PURPLE in sich, man denke an ´Woman From Tokyo´ oder ´Burn´. Rob Halford wollte mit dem drastischen Text ganz bewusst provozieren und die Leute wachrütteln. Und eine Zeile aus diesem Song lieferte gleich den Titel des nächsten Albums, ´Sin After Sin´. Danach wird es ruhig. ´Epitaph´ kommt ohne Gitarrenwand aus, nur Klavier und vielstimmige Gesänge im Stil von QUEEN. Rob Halford klagt darin, dass in den modernen Städten weder für die Jungen noch für die Alten Platz sei. ´Island Of Domination´ schließt die erste Seite mit einem vertrackten Riff, das an BLACK SABBATH erinnert. K. K. Downing nannte den Text sehr persönlich für Rob Halford und fügte grinsend hinzu, es stecke wohl die eine oder andere Anspielung darin.

Seite zwei. Und hier kommt das Monster. ´Victim Of Changes´, knapp acht Minuten lang, das Herzstück dieser Platte und bis heute fester Bestandteil der Konzerte. Der Song entstand aus zwei älteren Stücken, ´Whiskey Woman´ von K. K. Downing und dem früheren Sänger Al Atkins sowie ´Red Light Lady´, das Rob Halford aus seiner alten Band HIROSHIMA mitgebracht hatte. Ein fast klassisches Doppelgitarren-Intro, dann bricht das brutale Hauptriff los, inspiriert von ´Black Dog´ von LED ZEPPELIN, und wechselt sich ab mit Passagen, in denen nur die Stimme steht. Im langsamen Mittelteil und im dramatischen Finale schraubt sich Rob Halford in schwindelerregende Falsetthöhen. Gänsehaut. Jedes Mal.

´The Ripper´ geht danach direkt an die Kehle. Glenn Tipton hat ihn geschrieben, erzählt wird aus der Sicht von Jack the Ripper, und die geschichteten hohen Gesänge zum Auftakt verbeugen sich wieder vor QUEEN. Keine drei Minuten, und trotzdem passiert hier mehr als bei manch anderer Band auf einem ganzen Album. Kein Wunder, dass dieser Song damals als erste Single ausgewählt wurde.

Und dann das Finale. ´Dreamer Deceiver´ ist eine langsame, schwebende Ballade mit sanftem Gesang und kreischenden Soli, die nahtlos in ´Deceiver´ übergeht. Dessen tuckerndes Riff nimmt schon den technischen Stil des Speed Metal vorweg, bevor eine schwere Passage im Geiste von BLACK SABBATH mit himmelhohem Gesang alles noch einmal auftürmt. Am Ende verklingt das Album mit einem repetitiven Akustikmotiv. Was für ein Abgang.

Eins noch zum Cover. Die Idee stammte von Neil French, David Howells von „Gull Records“ beauftragte den Maler Patrick Woodroffe, und heraus kam das Bild „Fallen Angel“, ein gestrauchelter Engel inmitten von Flammen, der ein dreizackiges Teufelskreuz trägt. Dieses Kreuz wurde zum Symbol der Band. Auf der Rückseite posiert Rob Halford wie eine Christusfigur, dazu gotische Schriftzüge. Heavy Metal hatte sein Gesicht gefunden.

Verkauft hat sich ´Sad Wings Of Destiny´ zunächst schwach, auch wenn die Band von April bis Juni 1976 als Headliner durch Großbritannien zog. Punk drängte nach vorn, und das kleine Label hatte kaum Mittel. Doch die Platte erregte die Aufmerksamkeit von „CBS“. JUDAS PRIEST unterschrieben dort, und der Preis dafür war hoch. Die Rechte an den ersten beiden Alben samt aller Demos blieben bei „Gull Records“. Ein halbes Jahrhundert lang geisterte das Album danach in unzähligen Neuauflagen durch die Plattenläden. Es blieb übrigens das einzige Album, auf dem Alan Moore jede einzelne Spur trommelte.

Jetzt haben „Exciter Records“ die originalen analogen Masterbänder von 1976 erworben, die jahrzehntelang unberührt im Archiv lagen. Gemeinsam mit der Band wurden sie in den „British Grove Studios“ in London restauriert. Über das Projekt wachten Tom Allom, der langjährige Produzent von JUDAS PRIEST, und Toningenieur Luie Stylianou, während Archivar Graham Meek die eigentliche Restaurierung übernahm. Danach hat der Grammy-prämierte Toningenieur Matt Colton das Ergebnis in den „Metropolis Studios“ gemastert, im Half-Speed-Verfahren und mit Techniken, wie sie auch damals üblich gewesen wären. Die Lautstärke wurde eigens für Vinyl ausgelegt, so wie man es 1976 gemacht hätte, und Zischlaute und Rauschen wurden sorgfältig von Hand gebändigt. Das Gemälde von Patrick Woodroffe hat Mark Wilkinson für die Neuauflage aufgefrischt. Die erste Auflage steckt in einem schweren Cover im Vintage-Stil mit aufkaschierten Druckbögen. Die limitierte „Galaxy“-Pressung im gelb-orangen Farbmix passt hervorragend zu den Flammen auf dem Cover.

Und wie klingt das? Erstaunlich luftig. Endlich bekommen die Instrumente Platz. Man hört deutlich heraus, was Ian Hill am Bass und Alan Moore am Schlagzeug treiben, und die beiden Gitarren bekommen ihren eigenen Raum. Dabei wurde nichts glattpoliert und nichts auf Lautheit getrimmt. Das Ding klingt nach 1976, nur sauberer. Auch die farbige Pressung läuft erfreulich ruhig, gerade bei den leisen Klavierpassagen von ´Prelude´ und ´Epitaph´ ein Segen. Für alle, die diese Platte lieben, ist das die Ausgabe, auf die man fünfzig Jahre gewartet hat.

Klassiker.

PS: Einige Wochen später erscheint das Album zusätzlich als Doppel-LP, allerdings in einer neuen Abmischung. Tom Allom, der langjährige Produzent von JUDAS PRIEST, hat dafür die originalen Mehrspurbänder von 1976 neu gemischt. Wer zur hier besprochenen Einzel-LP greift, bekommt das Album so, wie es 1976 auf Band gebannt wurde, restauriert nach dem neuesten Stand der Technik. Die Doppel-LP dagegen bietet eine moderne Neuinterpretation, ebenfalls half-speed gemastert und mit 45 Umdrehungen auf vier Plattenseiten verteilt.

https://www.facebook.com/OfficialJudasPriest

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