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KISS – Destroyer (50th Anniversary Liquid-Filled)

1976/2026 (UMe/Mercury/Casablanca) - Stil: Hardrock

Feuer schießt aus dem Mund des Dämons, und Blut läuft ihm übers Kinn. Daneben qualmen die Gitarren, während Raketen durch die Halle jagen und das Schlagzeug langsam in die Höhe schwebt. Willkommen bei KISS Mitte der Siebziger. Wer damals in einer dieser Hallen stand, wusste, dass Rock ’n’ Roll nie wieder so harmlos sein würde wie vorher. Und irgendwo da oben, hinter der schwarz-weißen Schminke, lacht Gene Simmons sein höhnisches Lachen.

1973 in New York gegründet, hatten sich Paul Stanley, Gene Simmons, Ace Frehley und Peter Criss in Comicfiguren verwandelt. Paul Stanley wurde zum Starchild, Gene Simmons zum Demon, Ace Frehley zum Spaceman und Peter Criss zum Catman. Die ersten drei Studioalben verkauften sich ordentlich, mehr nicht. Den Durchbruch brachte 1975 erst das Livealbum ´Alive!´, die erste Goldene Schallplatte der Band, die sage und schreibe 110 Wochen in den Charts blieb. Davon profitierte auch „Casablanca Records“, ein Label, das zu der Zeit selbst knapp bei Kasse war. Ende 1975 unterschrieb die Band einen neuen Vertrag. Allerdings nur für zwei Alben, denn so ganz traute man der Sache noch nicht. Konnten diese Typen das im Studio wiederholen?

Sie konnten. Und wie.

´Destroyer´ erschien im März 1976 und klang völlig anders als alles, was KISS bis dahin aufgenommen hatten. Der rohe, trockene Sound der ersten drei Platten war passé. Am Pult saß jetzt Produzent Bob Ezrin, und dessen Handschrift findet sich überall. In fast jedem Song steht er in den Credits auch als Mitautor. Das Ergebnis ist ein Album, das größer und dramatischer klingt, eher wie ein Kinofilm als wie eine Garagenparty.

Los geht es mit ´Detroit Rock City´, geschrieben von Paul Stanley und Bob Ezrin, gut fünf Minuten lang und bis heute eine der großen Hymnen der Band. Hinter dem Song steckt eine traurige Geschichte. Paul Stanley erfuhr damals, dass ein junger Fan auf dem Weg zu einem KISS-Konzert in Charlotte bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, und diese Tragödie floss in den Text ein. Ein Hörspiel umrahmt das Ganze. Zu Beginn laufen Radionachrichten über einen tödlichen Unfall, ein Motor springt an, und jemand singt „Rock And Roll All Nite“ mit. Am Ende kreischen die Bremsen. Danach ´King Of The Night Time World´, an dem neben Paul Stanley und Bob Ezrin auch Kim Fowley und Mark Anthony mitgeschrieben haben. Und dann kommt der Dämon. ´God Of Thunder´ stammt zwar aus der Feder von Paul Stanley, gesungen wird es aber von Gene Simmons, und das passt wie die Faust aufs Auge. Wenn dieser Mann über seine Macht singt, hört man förmlich das Blut tropfen und das Lachen dahinter. ´Great Expectations´ schließt die erste Seite, geschrieben von Gene Simmons und Bob Ezrin.

Seite zwei startet mit ´Flaming Youth´, dem einzigen Song mit einem Credit für Ace Frehley, gemeinsam mit Paul Stanley, Gene Simmons und Bob Ezrin. Es folgt ´Sweet Pain´, ganz allein von Gene Simmons erdacht. Und dann ´Shout It Out Loud´, bei dem sich Paul Stanley und Gene Simmons den Gesang teilen. Ein Song wie ein Faustschlag, gemacht für zehntausend Kehlen. Und plötzlich wird es leise. ´Beth´, geschrieben von Peter Criss, Stan Penridge und Bob Ezrin, gesungen vom Catman selbst. Eine Ballade auf einem KISS-Album, mutiger ging es 1976 kaum. Als im Juli die Single erschien, stand ´Detroit Rock City´ auf der A-Seite, ´Beth´ versteckte sich dahinter. Doch die DJs drehten die Platte einfach um, die Hörer wollten mehr davon, und so brachte die Plattenfirma die Single noch einmal heraus, diesmal mit ´Beth´ vorne. Es wurde die erfolgreichste US-Single der Bandgeschichte. ´Do You Love Me´ von Paul Stanley, Kim Fowley und Bob Ezrin schließt den Reigen, bevor mit dem kurzen Instrumental ´Rock And Roll Party´ der Vorhang fällt. Gerade mal 34 Minuten dauert das alles. Jede Sekunde wert.

Der Lohn ließ nicht lange auf sich warten. Im April 1976 gab es Gold, im November Platin, und ´Destroyer´ wurde das erste KISS-Album überhaupt, das diese Marke knackte. Es war zudem das erste der Band, das in Deutschland und Neuseeland in die Charts einstieg.

Und dann dieses Cover. Gemalt hat es der Fantasy-Künstler Ken Kelly, nachdem er mit einem Backstage-Pass ein Konzert der Band erlebt hatte, und das hatte ihn schlicht umgehauen. Seine erste Fassung lehnte die Plattenfirma allerdings ab, sie war zu gewalttätig, zu viel Schutt und zu viel Feuer. Außerdem trugen die vier darauf noch die Kostüme der ´Alive!´-Ära. Die endgültige Version zeigt die Band, wie sie über einen Trümmerhaufen schreitet, vor einer verwüsteten Stadt, in der einzelne Gebäude lichterloh brennen. Auf der Rückseite brennt es noch mehr. Ken Kelly durfte übrigens ein Jahr später auch das Cover von ´Love Gun´ malen.

Zum 50. Geburtstag gibt es nun eine Pressung, bei der selbst Gene Simmons kurz die Zunge zurückziehen dürfte. Weltweit sind es nur 3.000 Exemplare, und jedes davon ist ein Unikat. Seite eins schimmert in goldenem Marmor, in Seite zwei steckt eine versiegelte Schicht mit lila Flüssigkeit. Dreht sich die Platte, schwappt und fließt das Ganze vor sich hin, als würde der Dämon persönlich in einem Kessel rühren. Die Flüssigkeit hat keinen Einfluss auf das Abspielen, die Platte ist voll spielbar. Die Fertigung ist deutlich aufwendiger als bei normalem Vinyl, denn jede Platte muss befüllt und sorgfältig versiegelt werden. Und weil sich die Flüssigkeit immer ein wenig anders verteilt, gleicht kein Exemplar dem anderen.

Hinten im Cover sitzt eine kreisrunde Aussparung, durch die man das lila Innenleben auch dann sehen kann, wenn die Platte in der Hülle steckt. Die Credits sind innen auf das Cover gedruckt, die Labels in goldener Metallic-Farbe gehalten. In der Auslaufrille ist bis auf die gestempelte Nummer alles von Hand graviert, und das Kürzel SST deutet auf den Lackschnitt bei SST Brüggemann in Frankfurt hin. Für echte Nerds gibt es zudem zwei Kuriositäten. Auf dem Label steht bei ´Detroit Rock City´ eine Laufzeit von 5:30 Minuten, was schlicht falsch ist. Und ´Rock And Roll Party´ taucht weder auf dem Cover noch auf dem Label auf, ist aber trotzdem drauf. Gene Simmons würde dazu vermutlich nur hämisch grinsen.

Und klingt so ein Gimmick überhaupt? Erstaunlich gut. Gefertigt wurde in Deutschland, und das merkt man. Die Platte liegt trotz ihrer Dicke flach auf dem Teller, läuft ruhig, ohne Knistern oder Rauschen, und die Nadel zieht sauber durch die Rillen. Die Gitarren von ´Detroit Rock City´ krachen ordentlich, und die Streicher von ´Beth´ kommen klar und luftig. Eine audiophile Referenz ist das nicht, das kann so eine Sandwichkonstruktion physikalisch auch gar nicht sein. Für eine Effektplatte setzt sie aber Maßstäbe. Nur eins sollte man beachten. Extreme Temperaturen und unnötige Belastung mag die Platte nicht, also bitte nicht mit der Band ins Höllenfeuer laufen.

Für die „KISS Army“ ein Pflichtstück im Regal.

https://www.facebook.com/KISS

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