
ZERO HOUR – No Man’s Land
2026 (CynNormal Lab Recordings) - Stil: Prog Metal
Dreizehn Minuten. Dann noch einmal dreizehn Minuten. Und wer danach immer noch nicht genug hat, bekommt das Ganze gleich ein zweites Mal serviert, diesmal ohne Gesang, damit man auch wirklich jede einzelne Note unter die Lupe nehmen kann. Willkommen zurück bei ZERO HOUR, der Band aus der San Francisco Bay Area, die Progressive Metal schon in den Neunzigern so verknotet hat, dass mancher Gitarrenlehrer bis heute schweißgebadet aufwacht.
Ein bisschen Geschichtsunterricht muss sein. Gegründet wurde die Band von Gitarrist Jasun Tipton und seinem Bruder Troy Tipton am Bass. Die beiden wollten Musik machen, die schwer und melodisch zugleich klingt, düster und verschachtelt, beeinflusst von RAINBOW zu Zeiten von Ronnie James Dio, von der PAT METHENY GROUP und von DREAM THEATER. Klingt nach einer wilden Mischung? Ist es auch. Zwischen 1998 und 2008 erschienen sechs Studioalben. Dann der Schock. Troy Tipton verletzte sich am Arm und konnte nicht mehr Bass spielen. ZERO HOUR lösten sich auf. Für eine Band, deren Musik so sehr vom blinden Zusammenspiel lebt, war das der schlimmste anzunehmende Fall.
Doch Prog-Metaller sind zäh. Jasun Tipton und Sänger Erik Rosvold, der seit 2020 wieder am Mikrofon steht, holten die Band zurück ins Leben. Am Schlagzeug landete Roel van Helden. Die Freundschaft reicht weit zurück, bis zu einem Abend, an dem ZERO HOUR und seine damalige Band SUN CAGED gemeinsam als Vorgruppe für LIQUID TENSION EXPERIMENT spielten. Man blieb in Kontakt, traf sich Jahre später wieder und schmiedete Pläne. Roel van Helden wiederum brachte Andreas Blomqvist ins Spiel, den er über SEVENTH WONDER kannte. In dieser Besetzung erschien 2022 das Comeback ´Agenda 21´.
Und jetzt also ´No Man’s Land´. Neu im Boot ist Keyboarder Jeremy Villucci, und Jasun Tipton gerät ins Schwärmen, wenn er über ihn spricht. Dessen Spiel hebe das Material auf eine ganz neue Ebene, sagt er. Roel van Helden ist diesmal als Sessionmusiker dabei, sein Schlagzeug wurde von Kai Stahlenberg im Kohlekeller Studio aufgenommen. Den Rest hat die Band selbst eingespielt, gemischt und gemastert hat Matt LaPlant im „Madtown Mix Studio“.
Zwei neue Songs gibt es, ´Codes Of Violence´ und den Titeltrack ´No Man’s Land´, und beide knacken locker die Dreizehn-Minuten-Marke. Wer Radiotauglichkeit sucht, ist hier also definitiv im falschen Film. Jasun Tipton selbst beschreibt das Material als dynamisch und schwer, dabei verträumt und voller Wendungen. Klingt nach einer Achterbahnfahrt, bei der man vorher nicht weiß, wo die Loopings kommen. Und darum geht es bei dieser Band schließlich.
Die beiden Instrumentalfassungen am Ende der EP haben ihren eigenen Reiz. Sobald der Gesang von Erik Rosvold verstummt, wandert der Blick auf das, was sonst darunter brodelt. Die Basslinien von Andreas Blomqvist treten plötzlich deutlich hervor, und die Keyboards von Jeremy Villucci verzahnen sich hörbar mit der Gitarre von Jasun Tipton. Wer selbst ein Instrument spielt, wird hier stundenlang zurückspulen.
Auch optisch wurde nicht gespart. Das Artwork stammt von Wayne Joyner, der schon für DREAM THEATER, AYREON und Devin Townsend gearbeitet hat. Da weiß man, in welcher Liga gespielt wird.
´No Man’s Land´ erscheint auf CD und digital über das eigene Label der Band, „CynNormal Lab Recordings“. Ohne großen Konzern im Rücken, dafür mit zwei monströsen Prog-Brocken für Leute, die Taktwechsel zum Frühstück essen. ZERO HOUR sind zurück im Niemandsland, und dort fühlen sie sich offensichtlich pudelwohl.
(8,5 Punkte)
https://www.facebook.com/zerohourtowers
(VÖ: 16.10.2026)



