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NÁSTIO MOSQUITO – No Capital

2026 (Eight To Infinity / Mermaids / Broken Silence) - Stil: Electronica, New Jazz, Spoken Word, Ambient, World

Ein Mann, dessen Arbeiten im New Yorker “Museum of Modern Art”, in der Londoner “Tate Gallery of Modern Art” und auf der “Biennale” von Venedig zu sehen waren, nennt sein neues Album ´No Capital´. Wer da keinen Haken wittert, hat nicht aufgepasst.

Gut zwei Jahre nach ´0´ meldet sich Nástio Mosquito zurück. Kurzer Steckbrief für alle, die ihn noch nicht kennen. Geboren 1981 in Luanda, viele Jahre in Portugal zu Hause, heute in Gent ansässig. Er arbeitet dort, wo Film, Musik und Performance ineinanderfließen, und nennt sich selbst einen „cultural architect“, einen Baumeister der Kultur. Klingt großspurig, ist aber eher Untertreibung.

Das “Museum of Modern Art” in New York widmete ihm 2016 ein eigenes Projekt, die “Fondazione Prada” in Mailand im selben Jahr ebenfalls. Seine erste museale Einzelausstellung bekam er 2015 in der “Ikon Gallery” in Birmingham. Die Liste geht von Antwerpen über Eindhoven und Frankfurt bis Kapstadt weiter. In Venedig war er 2007 und 2015 vertreten, in São Paulo 2010 und in Gwangju 2012. 2014 gewann er den “Future Generation Art Prize”. Das “Apollo Magazine” zählte ihn 2020 zu den 40 wichtigsten afrikanischen Kreativen unter 40. Ein Kunstbetriebsliebling also. Doch wer bei diesem Namen an stille Galerieräume denkt, liegt gründlich daneben.

Musikalisch hat Nástio Mosquito gerade erst einen Kreis geschlossen. Seine Trilogie aus ´S.E.F.A. / Se Eu Fosse Angolano´ von 2014, ´Respectable Thief´ von 2016 und ´0´ von 2024 ist abgeschlossen. Das erste Album kreiste um Identität und Motivation, das zweite um Wut und Bitterkeit und entstand im Auftrag von “MoMA”, “Tate Modern” und den “Berliner Festspielen”. Das dritte schließlich stellte den Körper der Transzendenz und dem Sterben gegenüber.

Was er mit all dem eigentlich will, sagt er im Gespräch mit Nuno Saraiva, das auf der Rückseite des Covers abgedruckt ist, ziemlich unmissverständlich. Seine Musik soll die Bedingungen verändern, unter denen wir uns selbst wiedererkennen. Wer sie gehört hat, soll sich danach anders hören. Alles andere, meint er, sei bloß Arrangement.

Jetzt kommt also kein vierter Teil, sondern etwas ganz anderes. ´No Capital´ ist ein Mixtape, und das ist hier kein Etikett für Schludrigkeit, sondern Programm. Ein Mixtape sammelt an, es bleibt offen, es weigert sich, ein fertiges, poliertes Objekt zu sein. Im Begleittext heißt es, nach einem Jahrzehnt künstlerischer Arbeit sei dies seine direkteste und unmittelbarste Form. Dass es ein Mixtape auf Vinyl wurde, geht auf Diogo Vasconcelos zurück, einen Architekten und künstlerischen Weggefährten, den Nástio Mosquito sehr schätzt. Ein Mixtape gehöre zur Bewegung, erklärt er, eine Schallplatte dagegen zum Wunsch nach Dauer. Das Leben habe ihn nie gezwungen, sich zwischen beidem zu entscheiden. Schon der Titel spielt mit einem. Kapital oder Hauptstadt, im Englischen steckt beides drin, und man darf sich aussuchen, was einem davon mehr zu denken gibt.

Spannend ist auch, was hier zusammenkommt. Auf ´No Capital´ stehen Stücke aus dem Jahr 2006 neben Material von 2026, und herauszufinden, ob die beiden im selben Raum leben können, war für ihn eine der Freuden dieser Platte. Die zwei Seiten der LP unterscheiden sich deutlich. Für Nástio Mosquito ist Seite A ein Gespräch und Seite B jenes, das erst durch das erste möglich wird, und beide wollen am selben Ort ankommen.

Auch sein eigenes Label trägt diese Einstellung im Namen. Bei “Eight To Infinity” steht die Acht für das, was man festhalten kann, die Unendlichkeit für das, was sich nicht festhalten lässt, und dazwischen soll seine Arbeit leben. Ein Plattenlabel im üblichen Sinn ist das für ihn nicht. Er versteht es als Versprechen, Verantwortung für das lange Leben seiner Werke zu übernehmen.

Sprache ist das Werkzeug, mit dem Nástio Mosquito arbeitet, und er führt es wie ein Skalpell. Er springt zwischen angolanischem Portugiesisch, Englisch und Calão hin und her, jener Mischung aus Kimbundu und Portugiesisch, die auf den Straßen Luandas gesprochen wird. Seine Themen sind Identität und Glaube, Kolonialismus und das, was er hinterlassen hat, und die Frage, wer wohin gehört. Musikalisch bewegt sich das zwischen Electronica, New Jazz, Spoken Word, Ambient und Klängen aus aller Welt. Schubladen braucht hier niemand.

Dreizehn Stücke stehen auf der Platte, fünf davon sind Interludes, kleine Zwischenräume, die das Ganze zusammenhalten und gleichzeitig aufbrechen. Nach dem ersten Interlude folgt ´Comédia Da Tragédia´, die Komödie der Tragödie, und schon der Titel ist ein bitterer Witz. ´How Many Rains Do You Know?´ fragt, wie viele Regen man kennt, und lässt offen, ob man das als Lebenserfahrung oder als Narbe zählen soll. Bei ´Mapa Cor De Rosa´ klingelt es bei jedem, der Portugals Kolonialgeschichte kennt. Unter diesem Namen lief einst der Plan, ein portugiesisches Kolonialreich quer durch das südliche Afrika zu ziehen, von Angola bis Mosambik.

´Ser Humano´ heißt schlicht der Mensch. Danach wird es kryptisch mit ´B4´, und dann kommt ´Hilário´, die erste Single, deren Video gleich in zwei Fassungen erschien, einer portugiesischen und einer englischen. Urkomisch heißt der Titel übersetzt, und bei Nástio Mosquito darf man sich darauf verlassen, dass einem das Lachen irgendwann im Hals stecken bleibt. ´Power´ folgt, Macht, ein Wort, das bei ihm nie unschuldig daherkommt. Und am Ende, nach dem fünften Interlude, steht ´Prisoner Of Hope´. Gefangener der Hoffnung. Was für ein Schlusstitel für einen Künstler, der Machtvorstellungen so gern und so gründlich zerlegt.

„Inspiration is a bitchy muse“, hat Nástio Mosquito einmal gesagt. Man glaubt ihm sofort. ´No Capital´ ist kein Album zum Nebenbeihören, es ist eines zum Aufpassen und zum Mitdenken. Wer sich darauf einlässt, begegnet einer Stimme, die sich nicht zähmen lässt. Das schönste Kompliment, sagt er, sei nicht, dass jemand seine Arbeit mag, sondern dass man weiß, wann man sie braucht. Gut möglich, dass einem dieser Moment bei ´No Capital´ früher kommt, als man denkt.

Erhältlich ist das Mixtape digital und als limitiertes Vinyl, 500 Exemplare auf 180g im Klappcover.

https://www.facebook.com/NASTIOMOSQUITO


(VÖ: 16.10.2026)

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