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RUIN AND REVERIE – The Seed Of Chaos

2026 (Independent/Just For Kicks Music) - Stil: US Prog Metal

Ray Alder. Für Leute, die in den Neunzigern ´Parallels´ im CD-Player totgedreht haben und bis heute auf jeder Plattenbörse die Kisten nach DEFYANCE oder OCEANS OF TIME durchwühlen, während ENCHANT und REDEMPTION längst im Regal stehen, reicht dieser Name schon als Grund, hellhörig zu werden. Diese warme, unendlich melancholische Stimme hat den US-Prog geprägt wie kaum eine andere. Dass sie jetzt auf dem Debüt eines Gitarristen aus Seattle auftaucht, dessen Name bislang nur ein paar Eingeweihten etwas sagte, ist die schönste Überraschung, die der Underground in diesem Jahr parat hatte.

Peri Rocha heißt der Mann, und an seiner Seite steht eben jener Ray Alder, der neben FATES WARNING längst auch bei REDEMPTION Spuren hinterlassen hat. Rocha hat sämtliche Musik geschrieben und die Gitarren eingespielt, Alder steuerte alle Texte und Gesangslinien bei. Dazu kommt eine Truppe, die sich nicht verstecken muss. Eleni Nota, bekannt von ANKOR und NERVOSA und live schon für TESSERACT und THY ART IS MURDER hinter der Schießbude, trommelt mit echter Präzision. Alexandre Panta von HIBRIA und NOTURNALL hält am Bass den Laden zusammen, und Flavio Sallin von THE HEATHEN SCYTHE legt die Keyboardteppiche aus. Rodrigo Oliveira, den man sonst mit den brasilianischen Thrashern KORZUS verbindet, hat die Platte produziert und auch Mix und Mastering übernommen, und hinter dem Ganzen steht keine große Plattenfirma mit Marketingbudget. Underground eben, wie er sein soll.

Die Story ist Science-Fiction, und zwar die düstere Sorte. Die Menschheit muss die sterbende Erde verlassen, Generationen leben und sterben auf riesigen Schiffen, bis irgendwann eine neue Welt am Horizont auftaucht. Den Grundstein dafür legte ein Essay, den Peri Rocha 2022 unter dem Titel “Humankind Was An Accident” geschrieben hat, eine Abhandlung über den kosmischen Glücksfall unserer Existenz, über Massenaussterben und die bange Frage, ob wir uns am Ende nicht selbst den Garaus machen. Aus diesem Text stammt auch der Albumtitel, die Vermutung nämlich, dass der Mensch selbst die Saat des Chaos sein könnte.

Musikalisch ist das US Prog Metal der alten Schule, und das ist als dickes Kompliment gemeint. Keine Djent-Schrubberei und keine Breakdowns, dafür ungerade Takte, die nie zum Selbstzweck verkommen, und Melodien, die sich festbeißen wie eine Zecke im Nacken. Man denkt an FATES WARNING zwischen ´Parallels´ und ´Disconnected´ und an jene Zeit in den Neunzigern, als Prog noch nach Kellerproberaum roch.

Die Story beginnt mit ´Signals´, einer Collage aus panischen Stimmen in neun Sprachen. Forscher trauen ihren eigenen Berechnungen nicht, Menschen beten oder suchen nach ihren Liebsten, und darunter wächst aus ruhigem Klavier ein schweres Riff heran. ´Project 2552´ erzählt im Schnelldurchlauf die Geschichte der Menschheit bis zu dem Moment, in dem sie beschließt, gemeinsam aufzubrechen, und streut dabei schon Melodien späterer Kapitel ein.

´Rise´ ist der erste richtige Song und ein echter Fistraiser. Alder ruft zum Aufbruch, die Rechenmaschinen haben eine ferne Welt ausgespuckt, und jetzt muss die ganze Menschheit an einem Strang ziehen, um die Schiffe zu bauen. Die zweite Single ´Into The Nothing´ ist knapp zehn Minuten lang und das erste große Highlight. Generationen schuften an den Schiffen, Söhne übernehmen die Arbeit ihrer toten Väter, und als die Triebwerke endlich zünden, mischt sich in den Jubel eine tiefe Trauer um alles, was zurückbleibt. Schwere Riffs und vertrackte Tempowechsel treffen auf wunderbare Gesangslinien.

´Fractured Entropy´ ist ein sechsminütiges Instrumental, in dem die Band zeigen darf, was sie technisch draufhat. Vor allem Eleni Nota wirbelt sich durch Rhythmen, bei denen man beim Mitzählen irgendwann kapituliert. Die erste Single ´Without Night, Without Day´ zeigt, was nach Generationen an Bord aus der Gemeinschaft geworden ist. Die Einigkeit ist zerbröselt, es regieren Misstrauen und Neid, der Himmel flimmert nur noch von Bildschirmen, und doch sehnen sich manche nach einer echten Sonne. Musikalisch ist das der eingängigste Moment der Platte, mit Keyboards voller Retro-Glanz.

´Drifting Away´ ist die Ballade. Es geht um Einsamkeit und die bohrende Frage, wofür man das alles überhaupt noch tut. Alder singt das mit einer Zerbrechlichkeit, die man von ihm seit ´A Pleasant Shade Of Gray´ kennt und liebt. Im Mittelpunkt steht dann aber ´Newfound Existence´, über elf Minuten lang und in mehrere Abschnitte gegliedert. Nach endloser Drift durch die Schwärze fällt zum ersten Mal echtes Sonnenlicht durch die Luken, eine neue Welt schält sich aus dem All, und es folgt der Sinkflug über Gebirge und Ozeane bis zur Landung. Nicht alle schaffen den Schritt hinaus, für manche war das Schiff die einzige Welt, die sie je gekannt haben. Rocha feuert erstklassige Soli ab, während Sallin orchestrale Flächen darunterlegt. Ein starker Longtrack des US-Prog.

´Pull Of Fate´ ist härter und geradliniger. Die neue Heimat ist schön und sicher, doch die alten Fehler reisen mit, und die Lehre aus Rochas Essay schlägt durch. Wer alles auf einen einzigen Planeten setzt, hat beim nächsten Unglück schon verloren, also schwärmt die Menschheit wieder aus. Den Abschluss bildet ´Under The Stars´, achteinhalb Minuten, getragen und erhaben. Die Schiffe trennen sich, jedes nimmt seinen eigenen Kurs, und die alte Erde lebt nur noch in den Geschichten weiter. Am Ende schließt sich der Kreis, denn aus den panischen Funksprüchen des Anfangs ist ein Lebenszeichen geworden, das die Menschheit voller Trotz ins All hinausschickt.

Rodrigo Oliveira hat dazu einen Sound gebastelt, der ordentlich drückt und trotzdem jedem Instrument seinen Platz lässt. Kleiner Haken, die beiden kurzen Einstiegsstücke wirken eher wie ein Vorspann als wie eigenständige Songs. Das ändert nichts daran, dass ´The Seed Of Chaos´ eine Platte für alle ist, die ihren Prog lieber mit Seele als mit dem Taschenrechner hören. Ray Alder ist hörbar in Topform, und Peri Rocha hat sich mit einem Schlag in die erste Reihe des amerikanischen Undergrounds gespielt.

(8,5 Punkte)

https://www.instagram.com/ruin_and_reverie
https://ruinandreverietheseedofchaos.bandcamp.com/album/the-seed-of-chaos
https://www.justforkicks.de/shop/progressive/feat.-ray-alder-the-seeds-of-chaos-cd

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