
PURE REASON REVOLUTION – Terrifying Angels
2026 (InsideOutMusic/Sony Music) - Stil: Prog Rock
Leute, haltet euch fest. Wer PURE REASON REVOLUTION zuletzt in die Schublade für ruhige Abende mit Rotwein und Kopfhörern gesteckt hat, bekommt mit ´Terrifying Angels´ einen Ellbogen in die Rippen, und zwar einen ziemlich spitzen. Das siebte Studioalbum der Briten ist laut und dreckig, und trotzdem schweben über dem ganzen Lärm wieder diese Harmonien, für die man diese Band seit ´The Dark Third´ einfach lieben muss.
´Coming Up To Consciousness´ von 2024 war ein stilles, trauriges Album, eins zum Zuhören mit geschlossenen Augen. Jon Courtney sagt selbst, die letzte Platte sei eher entspannt gewesen und es habe sich völlig natürlich angefühlt, jetzt rauer und schwerer zuzulangen.
Das Kerntrio steht dabei wie eine Eins. Jon Courtney an Gitarre und Mikro, Annicke Shireen mit dieser Stimme, die einem die Härchen auf den Unterarmen aufstellt, und Ravi Kesavaram, der hinter dem Schlagzeug sitzt, als hätte ihm jemand das Frühstück geklaut. Drumherum tummelt sich eine Gästeliste, bei der jeder Prog-Fan mit der Zunge schnalzt. Gründungsmitglied Greg Jong hat wieder mitgeschrieben, ebenso Paul Mullen, früher Frontmann von LOSERS und YOURCODENAMEIS:MILO. Am Bass helfen Mariusz Duda von RIVERSIDE und LUNATIC SOUL sowie Kristoffer Gildenlöw aus, einst bei PAIN OF SALVATION, und Bruce Soord von THE PINEAPPLE THIEF hat wieder gemischt.
Worum geht’s? Um Engel, aber nicht um die netten. Die Wesen auf dieser Platte retten dich vielleicht, nur liegst du vorher nachts wach und zitterst. Rettung und Bedrohung im selben Flügelschlag, das zieht sich durch die Texte, und wer will, kann darin auch jede Beziehung erkennen, die einen gleichzeitig hält und auffrisst.
´Spin Like Fire´ knallt sofort los, und nach dreieinhalb Minuten weiß man, dass hier keiner mehr Tee kocht. Ein fettes, schmutziges Riff, darüber verhaken sich Courtney und Shireen ineinander wie zwei, die nicht voneinander loskommen. Im Text lodert eine Liebe, die mehr verspricht, als sie hält, und die man trotzdem hereinlässt, Dämonen inklusive.
Dann ´Black-Arrow Acrobats´, gut achteinhalb Minuten, und die Band zeigt, dass sie das Spiel mit laut und leise immer noch im Schlaf beherrscht. Man dämmert in verträumten Passagen weg, und plötzlich rollen die Gitarren an wie eine Lawine. Der Refrain bleibt hängen, tagelang. Textlich ist das ein Fiebertraum voller religiöser und mythologischer Bilder, eine längst verdorbene Liebe und ein Gefühl von Verlassenheit, aus dem sich jemand mühsam wieder ans Licht kämpft.
´Haywire Heart´ ist das kürzeste Stück, das PURE REASON REVOLUTION je aufgenommen haben, zusammen mit Paul Mullen geschrieben, und es fühlt sich an wie ein Faustschlag mit Ansage. Raus mit allem, was man versteckt hat, und rein ins Feuer! Nur einmal hält der Song kurz die Luft an und lässt Shireen ein paar Takte lang darüber schweben.
Jetzt der Titelsong. Zwölfeinhalb Minuten, entstanden aus einer Jam-Session mit Greg Jong in Portland, Oregon, und der Grund, warum diese Platte im Regal erst einmal ganz vorne steht. Er beginnt schwerelos, fast meditativ, dann brechen elektronische Beats herein, und am Ende walzen die Riffs alles platt. Im Text geht es um schlaflose Nächte voller Furcht vor dem, was da von oben kommt, und beim Hören liegt man selbst ein bisschen wach.
´Rumination Ruin´, ebenfalls mit Jong geschrieben, ist das Grübeln als Song. Ein Kopf kurz vorm Platzen, nirgends mehr Halt, und darunter ein Riff, das stampft wie eine Dampfwalze im ersten Gang. Und dann diese Gesangslinie, so poppig und süß, dass man sich fast schämt, sie mitzusummen.
´Below Radiance´ wuchs aus einem Teil einer Komposition von Courtneys Schützling Kenny Fitzgerald und ist die Atempause, die man jetzt dringend braucht. Sanfte Tasten, ein paar elektronische Farbtupfer und ein Text, der einen in den Arm nimmt und nach all dem Schmerz wieder Hoffnung macht.
Zum Schluss ´Hold Your Wrath´, mit fast einer Viertelstunde das längste Stück der Bandgeschichte und wieder mit Mullen entstanden. Es startet mit leisem Pulsieren und perlenden Gitarren, die Spannung kriecht langsam hoch, Welle um Welle, bis in der zweiten Hälfte ein verzerrtes Riff das Kommando übernimmt. Im Text pendelt jemand zwischen Himmel und Abgrund, zwischen Zärtlichkeit und Gewalt, und am Ende bleibt nur die Bitte an den Engel, seinen Zorn noch ein wenig zurückzuhalten. Was für ein Finale!
Fürwahr, wer seinen Prog am liebsten sanft und verträumt mag, muss hier erst mal schlucken, und die Platte braucht ein paar Durchläufe, bis sich alle Schichten zeigen. Spätestens beim dritten Hören hat sie einen dann aber am Haken. PURE REASON REVOLUTION klingen härter als je zuvor und verlieren dabei nicht eine Sekunde ihre Seele. Diese Engel will man auf der Bühne sehen, ganz vorne, mit Ohrstöpseln und offenem Mund.
(9 Punkte)
https://www.facebook.com/purereasonrevolution
Cover-Artwork: „Terrifying Angels“
von Pure Reason Revolution
(Fotografie & Design: Carl Glover / © 2026 InsideOut Music)



