
COMPASSIONIZER – The Faithful Of The Land
2026 (ArtBeat Music) - Stil: Avant-Prog/Kammerrock
Fünf Alben in sechs Jahren, und das mit einer Musik, die sich so beharrlich jeder Schublade entzieht, dass man schon beim Zuhören den Hut ziehen möchte. Ivan Rozmainsky aus St. Petersburg, der seit 2001 auch ROZ VITALIS anführt, hat mit COMPASSIONIZER seit 2020 eine kleine Werkstatt für Klänge geschaffen, in der Bassklarinette, Synthesizer und exotische Saiteninstrumente gleichberechtigt nebeneinander arbeiten. Nach ´Caress Of Compassion´, ´An Ambassador In Bonds´, ´Narrow Is The Road´ und ´The Fellowship Of The Mystery´ wagt das Projekt nun den bislang größten Schritt. Zum ersten Mal steht eine Stimme im Mittelpunkt.
Sie gehört der Slowenin Sabina Vostner, die bis auf ein Stück sämtlichen Gesang übernimmt und zum Auftakt auch zur Ukulele greift. Um sie herum versammelt sich der vertraute Kern, Serghei Liubcenco mit Gitarren, Bass, Rubab, Schlagzeug, Doira, Dholak und allerlei weiterem Schlagwerk, Leonid Perevalov mit seinen Bassklarinetten, AndRey Stefinoff an der Klarinette und Rozmainsky selbst, der komponiert, Synthesizer und Samples beisteuert und die Fäden zusammenhält. Dazu kommen Gäste mit Balalaika, Theremin, Trompete und sogar einer Pfeifenorgel, gespielt von Anna Nitsman. Wer bei so viel Besetzung ein überladenes Klanggebirge befürchtet, irrt allerdings gewaltig.
Schon die Titel verraten, woher der Wind weht, und das Artwork von Dmitry Petrov-Tverskoy und Alexander Medvedev, auf dem sich grüne Berge unter einem weiten blauen Himmel erheben, setzt das Land der Treuen gleich ins Bild, zwischen Erde und Himmel. Die Titel stammen allesamt aus der Bibel, aus Psalmen, Evangelien und Paulusbriefen, und kreisen um die Frage, was ein Mensch für seine Seele zu geben bereit ist und wer zu den Treuen zählt. Das passt zu einem Projekt, das das Mitgefühl schon im Namen trägt. Predigend wirkt hier allerdings nichts. Eher klingt es, als würde man in einer alten Kirche sitzen, während draußen die Welt vorbeirauscht.
´Blessed Is He That Considereth The Poor´ eröffnet mit zehn Minuten feierlicher Ruhe, getragen von verspielter Perkussion und Vostners beinahe beschwörendem Gesang, bis die Bassklarinette am Ende alles in warmes Dunkel taucht. Der erste Teil von ´In Exchange For His Soul´ öffnet danach die Fenster, mit Kota Davudova als Gastsängerin, Balalaika und Akustikgitarren von Alexey Evlanov, Perevalov an der Piccoloklarinette und einem Bassklarinetten-Solo in der Mitte, das herrlich aus der Reihe tanzt. ´My Joy And Crown´ ist eine kurze, intime Atempause, über der Alexey Krupas Theremin geisterhaft schwebt, und in ´Some That Trouble You´ laufen Bänder rückwärts, Hall steigt aus Kellertiefe auf, Dmitry Chichagovs Balalaika und Perevalovs Blockflöte mischen sich ein, und irgendwo darin schimmert eine Melodie durch, die wie ein halb vergessenes Kinderlied klingt.
Der zweite Teil von ´In Exchange For His Soul´ vereint die Motive des ersten auf drei Minuten, Oleg Prilutskys Trompete inklusive. In ´Deep Calleth Unto Deep At The Noise Of Thy Waterspouts´ erhebt sich dann die Orgel, und das Stück verharrt so lange im Klang, dass man jedes Zeitgefühl verliert. Den Schlusspunkt setzt der elfminütige Titelsong, in dem Konstantin Mochalovs elektrische Gitarre und noch einmal die Trompete dazukommen. Stille und Ausbruch wechseln sich ab, und am Ende hat man das Gefühl, einen langen Weg gegangen zu sein, ohne sich vom Fleck bewegt zu haben.
Leichte Kost ist das nicht. Wer die vertrackteren, rhythmisch zupackenden Momente der Vorgänger liebt, muss sich auf eine Platte einlassen, die lieber verweilt als voranstürmt, und manche Passage zieht sich wie ein Gebet, das kein Ende finden will. Doch wer sich darauf einlässt, wird mit einer Musik belohnt, die in ihrer Stille mehr zu sagen hat als so manches lärmende Prog-Epos. In einer Zeit, in der die Welt immer lauter wird, wirkt dieses Album wie eine leise Gegenrede.
(8 Punkte)
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„The Faithful Of The Land“ von Compassionizer
(Pressebild / © 2026 ArtBeat Music).



