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UNCLE TUPELO – Anodyne

1993/2026 (Rhino) - Stil: Alternative Country

Anfang der Neunziger roch die Rockwelt nach Holzfällerhemd, Verzerrer und Seattle. Wer damals aus Belleville kam, einer Kleinstadt in Illinois unweit von St. Louis, und Hank Williams ebenso verehrte wie die Punkplatten seiner Jugend, hatte es nicht leicht. UNCLE TUPELO haben sich darum nie geschert. Jay Farrar und Jeff Tweedy spielten Country, als wäre es Punk, und Punk, als wäre er Country, und benannten ihr Debüt nach ihrer Version des CARTER FAMILY-Klassikers ´No Depression In Heaven´. Ein ganzes Genre hat sich später diesen Titel ausgeliehen.

´Anodyne´ war das vierte Album und zugleich das letzte. Ein Schmerzmittel, so übersetzt man den Titel, und das passt bitter gut zu einer Band, die damals innerlich längst auseinanderbrach. Gründungsdrummer Mike Heidorn war ausgestiegen, um mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen, und nach einem kurzen Gastspiel von Bill Belzer übernahm Ken Coomer den Platz hinter den Kesseln. Dazu kamen John Stirratt am Bass und Max Johnston mit Fiddle, Lap Steel, Banjo und Dobro. Aus dem Trio wurde ein Quintett, und erstmals stand mit „Sire“ auch eine große Plattenfirma hinter der Band.

Aufgenommen wurde im Mai und Juni 1993 im “Cedar Creek” in Austin, einem kleinen, gemütlichen Studio, das die Band gerade wegen seiner Bodenständigkeit mochte. Produzent Brian Paulson ließ sie live spielen, jeder Song in einem einzigen Take, ohne einen einzigen Overdub. Nach zwei Wochen war alles im Kasten. Man hört diese Spontaneität in jeder Sekunde, das Holz der Instrumente, den Atem zwischen den Zeilen und die Spannung zwischen zwei Männern, die sich immer weiter voneinander entfernten.

Farrar und Tweedy teilen sich die Platte fast brüderlich auf, obwohl von Brüderlichkeit damals keine Rede mehr sein konnte. ´Slate´ eröffnet mit Farrars dunkler, rauchiger Stimme und einer Fiddle, die wie aus einer anderen Zeit herüberweht. Tweedy antwortet mit ´Acuff-Rose´, einer liebevollen Verbeugung vor dem legendären Musikverlag aus Nashville, beschwingt, mit Mandoline und Fiddle, als säße man auf einer Veranda irgendwo in Tennessee. ´The Long Cut´ ist sein großer Popmoment, ein Song, der sich sofort festhakt und schon die Richtung andeutet, in die er bald mit WILCO marschieren sollte.

Dann holt die Band einen echten Helden ins Studio. Für ´Give Back The Key To My Heart´ singt Doug Sahm, Legende des SIR DOUGLAS QUINTET und der TEXAS TORNADOS, seinen eigenen Song, und plötzlich swingt Austin durch die Boxen, als wäre es das Natürlichste der Welt. ´Chickamauga´ ist das krasse Gegenteil. Benannt nach einer der blutigsten Schlachten des Bürgerkriegs, kracht Farrars Song mit verzerrten Gitarren los und erinnert daran, dass diese Band aus dem Punk kommt.

´New Madrid´ gehört zu Tweedys schönsten Momenten. Johnstons Banjo trägt eine Geschichte über das Warten auf ein großes Erdbeben, das ein umstrittener Wissenschaftler 1990 für die Kleinstadt in Missouri vorausgesagt hatte und das bislang nicht kam. Der Titelsong ´Anodyne´ ist fast fünf Minuten lang, mit Lap Steel, Lloyd Maines’ Pedal Steel und einer Wehmut, die sich langsam zu einer Wand aus Gitarren auftürmt. Farrar sucht darin Linderung in einer Welt voller Enttäuschung, und man glaubt ihm jedes Wort.

´We’ve Been Had´ ist Tweedys bissige Abrechnung mit einer Rockszene, die für ihn nur noch Show war, rotzig gespielt und mit Lap Steel im Rücken. ´Fifteen Keys´ führt mit Johnstons Dobro zurück in staubigere Gefilde, ´High Water´ zieht dunkel und schwer vorüber, getragen von Maines’ Pedal Steel. ´No Sense In Lovin’´ ist Tweedys letzter Beitrag, eine Country-Ballade mit gebrochenem Herzen, in der noch einmal Maines’ Steel Guitar weint, bevor Farrar mit ´Steal The Crumbs´ das Licht ausmacht. Begleitet von der Fiddle klingt das wie ein Abschied, und im Nachhinein weiß man, dass es einer war.

Nach zwei Tourneen war 1994 Schluss. Farrar gründete SON VOLT, Tweedy WILCO, und schon im Jahr darauf erschienen mit ´Trace´ und ´A.M.´ die beiden Debüts, die das prägten, was später unter dem Etikett Americana durch die Welt zog. ´Anodyne´ ist der Moment, in dem man beide Wege schon hört, noch vereint auf einer Platte. Mehr noch, es ist die Reifeprüfung eines ganzen Genres. Während 1993 jede zweite Band die Verzerrer aufdrehte und sich an Seattle abarbeitete, holten UNCLE TUPELO Fiddle, Banjo, Dobro und Steel Guitar aus der Ecke und stellten sie gleichberechtigt neben die E-Gitarren. Das war damals mutig, beinahe trotzig, und heute klingt es weitaus zeitloser als vieles, was zu jener Zeit die Charts beherrschte. Wer verstehen will, was Alternative Country eigentlich ist, beginnt am besten hier.

Das Cover, gestaltet von Dave C. Birke mit einer Fotografie von Dan Corrigan, ist so schlicht und unaufgeregt wie die Musik dahinter, und ebenso wirkt es auch in der neuen Ausgabe der “Rhino High Fidelity”-Reihe. Kevin Gray hat die Lackfolie direkt von den originalen analogen Stereo-Masterbändern geschnitten, gepresst wurde auf 180g bei „Optimal Media“, und die Auflage ist auf 5.000 nummerierte Exemplare begrenzt. Die Platte steckt in einer schweren Tip-on-Hülle, ein Beiblatt mit einem Essay zur Bedeutung des Albums liegt bei.

Für ein Album, das ohne jeden Overdub live eingespielt wurde, ist ein solcher Schnitt ein Segen. Die Fiddle klingt warm, die Pedal Steel schwebt frei im Raum, und die Stimmen von Farrar und Tweedy stehen so nah, als säßen die beiden im Wohnzimmer. Selbst wenn ´Chickamauga´ losbrettert, bleibt alles klar und geordnet, ohne dass die Gitarren an Rotz verlieren. Wer ´Anodyne´ bislang nur von der CD kannte, wird staunen, wie viel Luft in diesen Aufnahmen steckt.

Ein Meilenstein, der nach über drei Jahrzehnten so ehrlich klingt wie am ersten Tag.

https://www.facebook.com/UncleTupelo/


Cover-Artwork: „Anodyne“ von Uncle Tupelo (Pressebild /
© 2026 Rhino Entertainment Company / Warner Music Group).

LP-Fotos: Saitenkult, Michael Haifl –
Bildzitat: Haptisches Tip-On-Gatefold-Design
für die limitierte Rhino High Fidelity Pressung
von Uncle Tupelo (© 2026 Rhino Records).

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