PlattenkritikenPressfrisch

LONELY ROBOT – An Ending

2026 (White Knight Records/Just For Kicks Music) - Stil: Prog Rock

Irgendwann muss jemand das Licht ausmachen, auch im Weltraum. John Mitchell hat sich dafür elf Jahre und sechs Alben Zeit gelassen, und wer den Mann ein wenig kennt, ahnt, dass er so etwas nicht spontan an einem Dienstagabend beschließt. Der Gitarrist von IT BITES, ARENA, FROST* und KINO, der inzwischen neben Geoff Downes bei ASIA in die Saiten greift, gehört zu dieser seltenen Sorte Musiker, die singen, fast alles selbst einspielen, das Ergebnis auch noch produzieren und dabei offenbar trotzdem irgendwann schlafen. Wie, bleibt sein Geheimnis.

Am Anfang von LONELY ROBOT stand ein Foto. Auf Bitten von Carl Sagan schwenkten die Kameras von „Voyager 1“ ein letztes Mal zur Erde zurück, als die Sonde die Planetenbahnen längst hinter sich gelassen hatte, und übrig blieb ein Staubkorn in einem Lichtstreifen, rund sechs Milliarden Kilometer entfernt. Aus diesem Bild hat Mitchell die Geschichte eines gestrandeten Astronauten gesponnen, der von draußen auf uns herabblickt und sich fragt, was wir hier unten eigentlich treiben. Die ersten drei Platten musterten die Menschheit noch aus sicherer Distanz, mit dem kühlen Interesse eines Naturforschers. Danach drehte sich das Fernglas um, und auf einmal ging es um den Mann im Raumanzug selbst, um seine Schwächen und Widersprüche. ´An Ending´ führt beide Fäden zusammen. Der Astronaut begreift, dass er nicht mehr heimkehren wird, und er hört auf, sich dagegen zu wehren. Das klingt nach Kapitulation, fühlt sich aber eher wie ein langes Ausatmen an.

Dass Mitchell selbst als Adoptivkind aufwuchs und die Unmöglichkeit der Heimkehr offen mit seiner eigenen Geschichte verknüpft hat, verleiht dem Ganzen eine Schwere, die man beim ersten Hören kaum bemerkt und beim dritten nicht mehr los wird. Man muss das nicht wissen, um die Platte zu mögen. Es schadet allerdings auch nicht.

´This World Window´ blendet sich über einem pulsierenden Synthiemuster ein, und nach knapp zweieinhalb Minuten hat sich der Roboter bereits verabschiedet, mit dem Blick eines Wesens, dem jedes Zuhause im Lauf der Zeit zwischen den Fingern zerronnen ist. Dann ´Show The Way´, die Single, in ungeraden Taktarten und von Craig Blundell angetrieben, als müsse er den letzten Bus erwischen. Der Text wendet sich an eine Menschheit, die lieber in den Himmel starrt als in den Spiegel, und hält ihr trotzdem die Hand hin.

´Back To The Middle´ rückt mit einer Marschtrommel an und rollt in einen satten Midtempo-Groove voller Achtziger-Hall. Dem Astronauten geht die Luft aus, jede Himmelsrichtung führt ihn zurück an den Ausgangspunkt, und ausgerechnet daraus wird ein Refrain, der sich glatt ins Formatradio verirren könnte. ´In Ocean Light´ wächst von Spieluhrklängen zur Klavierballade mit Mellotron und Orchesterflächen. Hier bittet einer weder um Vergebung, noch will er etwas niederbrennen, er hofft schlicht, dass am Ende alles gut wird. Irgendwann übernimmt die Gitarre und gibt den Song nicht mehr her, hörbar aus der Schule von David Gilmour, nur mit gelegentlichen schnellen Läufen, die sich der Meister verkniffen hätte.

´Ad Astra´ lässt eine Stimme wie aus verrauschtem Funk über bewohnbare Zonen ferner Planeten dozieren, im Text zerrt der uralte Drang zu den Sternen an allem, was uns am Boden festhält. ´Where In The World´ zieht das Tempo an, eine Gitarrengegenstimme schlängelt sich durch das rhythmische Klanggewebe, und in den Strophen weht ein Hauch ASIA herüber, was bei Mitchells derzeitigem Arbeitgeber kaum überrascht. Die beschwingte Oberfläche täuscht allerdings. Darunter steckt eine bittere Abrechnung mit einer Gesellschaft, die sich für zivilisiert hält, und der Abschied von ihr fällt entsprechend sarkastisch aus.

´Twin Suns´, mit gut sechs Minuten das längste Stück, schält sich aus einem dunklen Dröhnen und erzählt in Wüstenbildern von einer Liebe, die sich nicht mehr umdreht, und von der späten Einsicht, dass das gemeinsame Leben trotz allem schön war. ´The River´ und ´Rearview´ fließen ineinander, bei beiden spielt Jez Fielder zusätzliche Gitarren. Der Fluss beginnt mit akustischer Gitarre und E-Piano in einer Gelassenheit, die an die stilleren Kapitel von PINK FLOYD erinnert, und trägt das Treibgut einer zerbrochenen Liebe davon, ohne nach Schuld oder Reue zu fragen. ´Rearview´ hebt mit fast archaischen Trommeln an und arbeitet mit Bildern von altem Filmmaterial, dessen Körnung splittert, während die Erinnerung langsam erblindet.

´Bending Light´ ist das seltsamste Lied der Platte. Ein verzerrter Synthesizer zieht Arpeggien, eine Drum-Machine tickt wie Bordelektronik, und tief im Mix grübelt eine Sprechstimme darüber, wann es Zeit ist, eine Beziehung zu verlassen. ´The Iron Sea´ öffnet mit Brandung, Mitchells Stimme erinnert an Peter Gabriel, bevor der Song nach zwei Minuten in schwere Akkorde ausbricht. Erstmals wird vom Roboter in der Vergangenheit erzählt, von außen, beinahe wie in einem Nachruf. ´Oblique´ schließlich, getragen von einem schlichten, leicht verstörenden Klaviermuster, kreist um familiäre Bande, um Leugnen und Loslassen, und wer Mitchells Hintergrund kennt, hört darin unweigerlich mehr als eine Raumfahrergeschichte. Kurz, unaufgeregt, und es tut weh. Auf Vinyl folgt noch ´Synthetic´, eine Coda aus Keyboards und Stimme mit zaghafter Hoffnung, die nach diesem Abschied etwas verspätet wirkt.

´An Ending´ ist kein Finale mit Feuerwerk und Fanfaren. Mitchell sammelt ein, was er über ein Jahrzehnt ausgelegt hat, poliert es sorgfältig und setzt es mit viel Geschmack zusammen, wagt aber kaum etwas, das man von ihm nicht bereits kannte. Wer auf einen letzten großen Überraschungscoup gehofft hatte, wird ihn hier vergeblich suchen. Dagegen steht eine Wärme, die erstaunlich ist für ein Album, das so sehr von Synthesizern und Maschinengeräuschen lebt. Stimme und Gitarre halten das Menschliche fest.

Als Abschied funktioniert das dennoch gut. Hier hat jemand Frieden mit einer Geschichte geschlossen, die größer war als er selbst, und man hört es jedem Ton an.

(7,5 Punkte)

https://www.facebook.com/johnchristianmitchell

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"