PlattenkritikenPressfrisch

THE OLD MAN AND THE SEA – IV

2026 (Kolozeum Records) - Stil: Prog Rock

Dänemark war Anfang der Siebziger kein Pflaster, auf dem harter, orgelgetriebener Rock große Sprünge machen konnte. THE OLD MAN AND THE SEA aus Horsens haben es trotzdem versucht. Ihr Debüt von 1972 rollte auf einem Teppich aus röhrender Hammond-Orgel, bluesgetränkten Gitarren und frühem Prog-Wahnwitz daher und hätte sich im Plattenregal neben JETHRO TULL oder ATOMIC ROOSTER nicht verstecken müssen. Gereicht hat es trotzdem nicht. Interne Querelen bremsten die Band aus, das große Ausland blieb ein Traum, und die Originalpressung von damals wurde zu einem jener Sammlerstücke, für die erwachsene Männer auf Plattenbörsen feuchte Hände bekommen.

Dass die Geschichte damit nicht zu Ende war, liegt vor allem an einem Mann. Tommy Hansen saß schon damals an den Tasten und wurde später einer der gefragtesten Produzenten Skandinaviens. In seinen “Jailhouse Studios” in Horsens entstanden HELLOWEENs ´Keeper Of The Seven Keys´-Alben, dazu Platten von PRETTY MAIDS, TNT, JORN und HATESPHERE. Und ausgerechnet dieser Mann, der halbe Generationen von Metal-Fans mit Klassikern versorgt hat, sitzt nun wieder hinter der Hammond und gleichzeitig am Mischpult seiner alten Band. An seiner Seite stehen Gitarrist Lasse Laursen, der seit 1972 dabei ist, Ur-Schlagzeuger John Lundvig und Søren Nøiers an Bass und Mikrofon, und zusammen bringen die vier mehr Bühnenjahre mit als so manche Plattenfirma.

Mit Nostalgie hat ´IV´ trotzdem wenig am Hut. Hier wird kein alter Klassiker in frischer Soße serviert, es gibt zehn neue Songs, die zwischen Progressive Rock, Artrock und klassischem Hardrock pendeln. Die Band selbst spricht von einem Quantensprung und einer gereiften Wildheit, und das trifft es erstaunlich gut. ´IV´ klingt nach Musikern, die nichts mehr beweisen müssen und gerade deshalb die Zügel lockerlassen.

´Go Ahead´ und ´The Scream´ preschen los, als hätte jemand die Garagentür aufgerissen, mit Rhythmuswechseln und Nøiers’ rauer Stimme als Rammbock. Die erste Single ´The Hook´ schiebt ein bluesiges Riff über breite Orgelflächen und steigert sich gemächlich wie in alten Zeiten, während ´Synthetic Body & Brain´ schon im Titel vom Menschen erzählt, der mehr und mehr zur Maschine wird. ´Leaves´ lässt mit akustischen Gitarren herbstliche Melancholie herein, bevor ´Sjæl & Krop´ für die große Überraschung sorgt. Seele und Körper, auf Dänisch gesungen, und plötzlich bekommt die Musik etwas Beschwörendes und Erdverbundenes, das im Englischen so nie entstünde. Einer der Höhepunkte.

´Soulmate´ groovt geradlinig mit ordentlich Schub aus der Rhythmusabteilung, das kurze ´Polaris´ zieht wie ein kühles Zwischenspiel unter nordischem Himmel vorbei, und ´Quantum Leap´ trägt das Motto der Platte im Titel und springt zwischen verschachtelten Prog-Passagen und einem Refrain, der sich sofort festkrallt. Zum Schluss darf die Band in ´Moroccan Blanket´ noch einmal ausfransen, mit orientalisch gefärbten Linien und einem ausgedehnten Duell zwischen Gitarre und Hammond, bei dem man die Siebziger förmlich riechen kann, nur eben mit dem Druck von heute.

Ein paar Nummern hätten noch etwas mutiger ausfallen dürfen, und manchmal wünscht man sich, die Band würde ihre progressiven Ideen weiter ausreizen, statt sie nach vier Minuten wieder einzufangen. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Nach mehr als fünfzig Jahren Bandgeschichte voller Pausen und verpasster Chancen legen THE OLD MAN AND THE SEA ein Album vor, das jüngeren Bands vormacht, wie man Erfahrung in Energie verwandelt. Der alte Mann hat das Meer noch lange nicht aufgegeben.

(8 Punkte)

https://www.facebook.com/dengamlemandoghavetbandtomats/


Cover-Artwork: „IV“ von The Old Man & The Sea
(Pressebild / © 2026 Kolozeum Records / Jailhouse Studios).

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"