
TONY IOMMI – From The Dark
2026 (BMG Records) - Stil: Heavy Metal / Doom Metal
Bewusst gehört habe ich den Mann zum ersten Mal in den Achtzigern, auf einer ausgeleierten Kassette, die bei einem Kumpel im Partykeller lief, und danach war für mich nichts mehr wie vorher. Seitdem sind über vierzig Jahre vergangen. Ozzy ist nicht mehr da, BLACK SABBATH haben sich in Birmingham mit einem letzten großen Abend verabschiedet, und man hätte es Tony Iommi wirklich nicht übelgenommen, wenn er sich danach mit einer Tasse Tee in den Sessel gesetzt und die Gitarre an die Wand gehängt hätte.
Hat er aber nicht. Mit fast achtzig legt der Riffmeister sein erstes Soloalbum seit ´Fused´ vor, also seit einundzwanzig Jahren, und schon das Klappcover macht klar, wohin die Reise geht. Das berühmte Kreuz ist als Stanzung herausgeschnitten, und dahinter lauert eine finstere Illustration, als würde sich etwas aus der Dunkelheit herausschälen.
Sobald die Nadel aufsetzt, ist klar, dass der Mann niemandem mehr etwas beweisen muss. Hier will keiner auf Teufel komm raus jung wirken, hier wird mit den beiden gekappten Fingerkuppen, die einst den Heavy Metal geboren haben, einfach gerifft, und zwar mit einer Wucht, die einem die Plomben lockert. An seiner Seite singt Jørn Lande, der Norweger, den man von ARK, MASTERPLAN und seiner eigenen Band JORN kennt, und der hat nicht bloß die Texte verfasst, er hat auch an jedem Song mitkomponiert. Becky Baldwin spielt Bass, Karl Brazil sitzt am Schlagzeug, und Mike Exeter, seit Jahren Iommis Mann für alle Fälle im Studio, hat mitgeschrieben, aufgenommen und mit dem Chef zusammen produziert. Der Sound ist glasklar und fett, ohne nach Plastik zu klingen. Das kriegen heute nicht mehr viele hin.

´Over The Violent Sun´ geht los mit einem dieser Riffs, bei denen man nach drei Takten weiß, wer da spielt. Fett, stur, auf der Eins mit einem Gewicht, als würde ein Amboss vom Dach fallen. Lande zieht das letzte Wort jeder Zeile genüsslich in die Länge, und so richtig melodisch wird es erst, als Iommi zum Solo ansetzt. Textlich geht es um einen Verwundeten, der sich über eine untergehende Welt hinweg in die Lüfte rettet, und ganz am Ende wird aus der gewalttätigen eine sterbende Sonne. Ein kleiner Dreh, der hängen bleibt.
´Black Times´ fängt schwer und zugleich ruhig an und hat einen Aufbau, der nicht nach Schema F läuft. Strophe und Refrain wechseln sich zweimal ab, es folgt ein Solo, dann tauchen ganz neue Teile auf, ehe der alte Refrain zurückkommt, und nach einem zweiten Solo endet der Song mit einem der neuen Teile statt mit der Hookline. Inhaltlich malt Lande dazu die nukleare Apokalypse aus, Mächtige, die sich per Raumschiff verdrücken, und ein paar Überlebende, die in einer versteckten Stadt den Glauben nicht aufgeben. Danach haut ´World Alone´ deutlich mehr Power raus. Wilder Rhythmus, ordentlich Zug nach vorn, ein flotter Banger, bei dem die Matte von allein kreist, und dazu die Geschichte eines Einzelkämpfers, der seine Welt notfalls ganz allein gegen die Tyrannen verteidigt.
´Beyond The Dead´ ist ein echtes Brett. Schwer mahlend, beinahe hymnisch, mit einem melodischen Refrain sowie Orchesterflächen im Rücken, und dann läuten auch noch die Glocken in diesen mächtigen Sound hinein. Da kriegt der alte Sabbath-Jünger natürlich Gänsehaut. Das Solo haut Iommi fast ein bisschen schräg raus, und gerade das macht es so lebendig. Lande lässt hier einen Mann mit Vater Zeit reden, der seinen Körper den Flammen überlassen will und hofft, dass seine Musik danach weiterklingt. Bei einem Achtundsiebzigjährigen an der Gitarre kann man das nur schwer überhören.
´Stormwatcher´ kommt mit schweren, hackenden Riffs daher, der Refrain dagegen ist melodisch im typischen Lande-Stil, und darüber segelt ein Kapitän mit einem Schiff voller Dunkelheit durch den Sturm, auf der Suche nach einem wolkenlosen Morgen. ´Death Wake´ beginnt schleppend, wird halb hymnisch und hat wieder einen Aufbau, der sich nicht um Konventionen schert. Die Geschichte dahinter ist reiner Gruselfilm, ein verfluchter Jäger der Nacht, halb Wolf, halb untot, der sich nach der einen Liebe verzehrt, die ihn erlösen könnte.
´Return Of The Arbalist´ bringt einen Armbrustschützen ins Spiel, der Dämonen jagt und mit einem Engel auf der Schulter zurückkehrt. Auch hier verzichtet die Band auf das übliche Hin und Her, lässt nach zwei Runden Strophe und Refrain zwei neue Teile aufmarschieren und kehrt zum Schluss zum ersten davon zurück. Am Ende steht ´Legacy´, und der Titel sagt eigentlich alles. Ein Mann blickt auf ein Leben zurück, in dem er sich gegen alle inneren Teufel durchgesetzt hat, und weiß, dass seine Musik ihn überdauern wird. Mehr Iommi geht nicht.
Erscheinen wird das Ganze bei „BMG Records“, wie zuletzt seine Soloalben und eine Vielzahl von klassischen BLACK SABBATH-Alben der Post-Ozzy-Ära, und wer es auf Vinyl will, bekommt eine Doppel-LP mit 45 Umdrehungen in mehreren Farben, während das Mediabook noch zwei Bonustracks im Gepäck hat. Die Gatefold-Hülle mit dem gestanzten Kreuz sieht im Regal ohnehin verdammt edel aus.
Mächtig und gewaltig ist hier alles, und unverkennbar Iommi sowieso. Der einzige Kratzer an diesem Monolithen ist der fehlende Überhit, die Nummer, die man in zwanzig Jahren noch auf jeder Metal-Party mitgrölt. Das ist keine Schande, schließlich hat der Mann bereits genug Mega-Klassiker geschrieben. Man merkt, dass hier einer die Messlatte so hoch gelegt hat, dass selbst er sie nicht jedes Mal überspringt. Dafür gibt es acht Songs ohne Ausfall, Riffs aus Gusseisen, einen Sänger, der jede Zeile mit Pathos auflädt, ohne ins Lächerliche zu kippen, und einen Gitarristen, der nach mehr als sechzig Jahren immer noch so klingt, als hätte er den Heavy Metal gestern erst erfunden.
Aus der Dunkelheit kam er, und dahin kehrt er zurück.
(9 Punkte)
https://www.facebook.com/tonyiomm
Cover-Artwork: „From The Dark“ von Tony Iommi
(Pressebild / © 2026 BMG Rights Management).
Foto: Ross Halfin (Presseporträt / Courtesy of BMG Rights Management)
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