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ALEX HENRY FOSTER – The Fragile Beauty (Of New Morning Hopes)

2026 (Hopeful Tragedy Records) - Stil: Cinematic Art Rock

Tanger. Allein der Name riecht nach Minztee und Haschischrauch, nach salziger Luft vom Meer. In dieser Stadt hat William S. Burroughs einst seine wildesten Fieberträume zu Papier gebracht, und hier, in seiner künstlerischen Wahlheimat, hat Alex Henry Foster den Großteil seines neuen Albums geschrieben und aufgenommen. Der Mann führt dort inzwischen sogar Hotels mit eigenem Studio, in denen schon Leute wie Jon Batiste vorbeigeschaut haben. Man hört diese Stadt auf der Platte, man hört sie in jeder Sekunde.

Fast wäre von diesem Mann nichts mehr gekommen. Im Sommer 2022 tourte der frühere Frontmann der Juno-nominierten YOUR FAVORITE ENEMIES noch kreuz und quer, ein paar kleine Schlaganfälle schob er auf Hitze und Erschöpfung, und Anfang 2023 lag er als Notfall auf dem OP-Tisch. Operation am offenen Herzen, und die Ärzte mussten ihn mehrfach zurückholen. Danach war nichts mehr wie vorher. Foster sagt selbst, er sei völlig verloren gewesen und habe sich als Künstler komplett neu erfinden müssen. Entstanden ist das Album teils in Virginia und Kanada, vor allem aber in Marokko, und es ist der erste Teil einer fünfteiligen Albumreihe. Fünf Alben. Da hat jemand dem Tod ins Auge gesehen und beschlossen, keine Zeit mehr zu verlieren.

Was aus den Boxen quillt, ist nichts zum Nebenbeihören. Acht Stücke, knapp eine Stunde, und fast alles davon schraubt sich langsam in den Kopf wie Rauch, der unter der Tür durchkriecht. Post Rock, Prog, Psychedelic, ein bisschen Kraut im Rhythmus, und mittendrin Marokko mit afrikanischer Percussion und arabischer Poesie. Die Stimmung taumelt zwischen nackter Panik und himmlischer Weite hin und her, und man taumelt einfach mit.

Ben Lemelin hat die Musik mit Foster geschrieben und gemeinsam mit ihm produziert, gemischt hat er im “Upper Room Studio” in Drummondville. Für das Mastering ging es zu Ted Jensen in die “Sterling Sound”-Studios, und es klingt warm und weit, mit einer Luft zwischen den Instrumenten, in der sich jeder Hall ausbreiten darf.

´Sirens Call´ beginnt mit dem Ticken einer Uhr. Tick, tack. Eine Frauenstimme haucht über die anschwellenden Flächen, und erst nach etwa zwei Minuten steigt Foster ein, mit einem Text voller Reue über eine Liebe, die er verpasst hat. Am Ende tickt die Uhr wieder. Die Zeit läuft, und wer gerade dem Tod von der Schippe gesprungen ist, weiß das besser als jeder andere.

´Good Omen´ wird richtig hypnotisch. Der Rhythmus kreist und kreist, man sitzt da wie bei einem nächtlichen Gnawa-Ritual, und irgendwann schreit eine Frauenstimme auf, verzweifelt, fast verstörend. Es geht um zwei Menschen, die das Leben auseinandergerissen hat und die einander trotzdem nicht aufgeben. Wer einmal im Sog steckt, will nicht mehr raus.

´A Spoken Whisper´ ist mehr als ein leises Selbstgespräch über all den Abschiedsschmerz, den man jahrelang weggelächelt hat und der irgendwann eben doch hochkommt. Unruhig, im Beat gefangen, beinahe chaotisch und gerade deshalb so nah.

´New Morning Hope´ lässt sich Zeit. Sechs Minuten reine Instrumentalmusik, ein langsames Dämmern, bevor Foster zu sprechen beginnt, leidenschaftlich, fast predigend, und dabei fällt auch die Zeile, die dem Album seinen Namen gibt. Viele dieser Worte kehren gleich danach in der ersten Single ´Springtime´ wieder, diesmal gesungen, getragen von Hackbrett und Sitar, über denen eine E-Gitarre in den Himmel steigt. Foster beschreibt hier die Verwirrung, plötzlich in einem neuen Körper zu stecken, und greift dafür ein Bild des palästinensischen Dichters Mahmoud Darwish auf, den Frühling als Wiedergeburt, mühsam und schmerzhaft.

´Calling Out!´ ist hernach kurz und dreckig, mit einem Fuzz-Riff, das man sofort mitbrummt, und einem Foster, der orientierungslos umherirrt, bis ihn die Stimmen der Menschen erreichen, die ihn lieben. Vom Erstarren bis zum Wiederaufstehen, so beschreibt er den Weg selbst.

´Blue As The Rain´ entstand in einer Zeit, in der Foster den Tod seines Vaters verarbeiten musste und gleich mehrere Beziehungen zerbrochen waren. Düster und aufgewühlt beginnt das Stück, bevor es sich langsam aufhellt wie das türkisfarbene Meer nach einem Regenschauer. Für einen kurzen Moment wechselt er ins Französische und widmet diese Zeilen seinem Vater und den Düften von Tanger, die ihm fehlen.

Zum Schluss ´Of Dreams And Ghosts´, fast dreizehn Minuten. Es beginnt mit einem Flüstern, sanft wie eine Mutter, die ihr Kind weckt, und schickt den Sirenenruf vom Anfang endgültig zum Teufel. Schließlich bricht die Band los, Streicher und Frauenstimmen umarmen Fosters Gesang im Refrain, und alles läuft auf den Moment hinaus, in dem man die Trauer endlich loslässt. Am Ende graut der Tag. Und die Tür zu Teil zwei steht sperrangelweit offen.

Leichte Kost ist ´The Fragile Beauty (Of New Morning Hopes)´ nicht, eher ein langer Abend in einer verqualmten Teestube, bei dem man irgendwann vergisst, wie spät es ist. Radiofutter sucht man vergeblich, doch wer sich fallen lässt, bei Kerzenlicht und mit Kopfhörern, taucht nach dieser knappen Stunde auf wie aus einem langen, warmen Traum.

Physisch erscheint das Album als Gatefold-LP und als limitiertes Boxset. Live startet Foster ganz standesgemäß beim „Festival Taragalte“ in den Sanddünen von M’Hamid El Ghizlane, als erster Künstler von außerhalb Afrikas, der dort je im Programm stand. Danach geht es quer durch Marokko und anschließend auf “Defying Gravity”-Tour durch Europa, mit mehreren Stationen in Deutschland, bis zum Finale im Dezember in Paris. Wo diese Musik ihre ganze Kraft entfaltet, ahnt man da schon. Unter freiem Himmel, mit Sand zwischen den Zehen und Rauch in der Luft.

(9 Punkte)

https://www.facebook.com/alexhenryfosterofficial


Cover-Artwork: „The Fragile Beauty (Of New Morning Hopes)“
von Alex Henry Foster (Visual Arts & Layout:
Hopeful Tragedy Collective / © 2026 Hopeful Tragedy Records)

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