
PHILLIP GOLUB – Loop 8/9
2026 (Greyfade) - Stil: Experimental, Contemporary Classical, Microtonal, Ambient
Ein Loop. Für die meisten ist das ein Sample, eine Schleife aus dem Rechner, die man startet und wieder stoppt. Für PHILLIP GOLUB ist es eine Form, fast schon eine Denkweise. Ein kurzer harmonischer Kreis, der sich exakt wiederholt und trotzdem nie zweimal gleich klingt. Klingt paradox. Ist es auch, und darin liegt der Reiz.
Der Pianist und Komponist, 1993 in Los Angeles geboren und in Brooklyn zu Hause, verfolgt diese Idee nun im dritten Kapitel. ´Filters´ war 2022 noch reines Soloklavier. ´Loop 7´ zog die Sache drei Jahre später ins Mikrotonale, mit 22 Tönen pro Oktave, so vielen, dass Golub sie nur in mehreren Durchgängen auf Yamahas MIDI-gesteuerten Klavieren einspielen konnte. Ein Studiokunstwerk. Mit ´Loop 8/9´ kehrt er zum Instrument selbst zurück, zum Spiel im Moment.
Das Prinzip bleibt. Zwei Außenstimmen, ein einzelner hoher und ein einzelner tiefer Ton, immer gleichzeitig angeschlagen, wie zwei Pfosten, zwischen denen ein Seil hängt. Dazwischen fließt die Harmonie und deutet diese beiden Pfosten fortwährend um. Was eben noch Fundament war, wird zur Reibung, und kurz darauf ist es wieder etwas ganz anderes.
Neu ist das Gelände, durch das dieser Strom fließt. ´Loop 8´ beruht auf Vierteltönen, nur eben nicht lehrbuchhaft verteilt. Golub hat sie unregelmäßig über die Tastatur gestreut, ein Muster aus vierzehn Tönen, das sich nicht in der Oktave wiederholt, sondern erst in der großen None. Ein As wird um einen Viertelton abgesenkt, das As darüber bleibt, wo es ist. Man muss sich das kurz vor Augen führen, um zu ahnen, wie eigenwillig schief diese Welt gebaut ist. Harmonie wird hier zur Wanderung durch Zwischenräume, die das Klavier normalerweise gar nicht kennt.
´Loop 9´ hat eine schöne kleine Pointe. Die Stimmung, ein System aus zwölf Tönen, war ursprünglich dafür gedacht, einen Akkord in reiner Stimmung in mehreren Transpositionen halten zu können. Golub ließ diesen Zweck dann einfach fallen und komponierte nach Gehör, mit den Intervallen, die das System nebenbei mitbrachte. Sinngemäß sagt er, das sei der halbe Spaß an solchen Systemen, man baue eines aus einem bestimmten Grund und bekomme dafür etwas ganz anderes geschenkt. Ein Stück also, das dem Gehör folgt und nicht der Formel.
Den Flügel spielte Golub live im “Jaybird Studio” in Brooklyn, umgestimmt nach seinen Vorgaben, manche Saiten fast einen Halbton tiefer als üblich. Vor jedem Take richtete ein Stimmer das Instrument ein, dann setzte sich der Pianist hin und spielte. Kein Rechnerpark, kein Umweg. Vibraphon, Gitarre und Elektronik kamen im “Greyfade Studio” in Mount Vernon hinzu. Aaron Edgcomb zwang sein Vibraphon mit kleinen Klümpchen Knetmasse auf den Aluminiumplatten in die fremden Stimmungen, Ty Citerman seine E-Gitarre per Skordatur. Ein bisschen Bastelwerkstatt, ein bisschen Alchemie.
Die eigentliche Knobelei steckte in der Elektronik, denn einen Synthesizer kann man nicht mit Knete verstimmen. Joseph Branciforte, der das Album mit Golub produzierte und auch abmischte, baute deshalb ein eigenes Spielsystem. Es verfolgt den harmonischen Zustand jedes Stücks und zwingt jeden ausgelösten Ton auf den gerade erklingenden Akkord. Ein Moog im Bass, ein Prophet-10 in der Mitte, ein Sinuston obenauf. So kann Branciforte frei improvisieren, ohne je aus Golubs Stimmungen herauszufallen. Freiheit innerhalb eines eng gezogenen Rahmens, wenn man so will, das ganze Album in einem Satz.
Dazu passt die Verpackung, deren monochromes Grün mit nichts als dem Namen und dem Titel in schlichten Kleinbuchstaben auf leinenartiger Struktur dieselbe Strenge ausstrahlt, mit der Golub seine Rahmen setzt.
Dass ausgerechnet er so etwas anpackt, überrascht kaum. Sein Debüt als Bandleader, ´Abiding Memory´, brachte ihm 2025 eine Nominierung für den Deutschen Jazzpreis. Er spielte bei Cecil McBee, arbeitete mit Wayne Shorter und Esperanza Spalding an deren Oper ´… (Iphigenia)´ und betreut bis heute Shorters Manuskripte für die Veröffentlichung. Einer, der die Ahnenreihe des Jazz ehrt und trotzdem in Räume aufbricht, für die es noch keine Landkarte gibt.
Rund 42 Minuten dauert das alles, und nebenbei laufen lassen sollte man es nicht. Diese Musik verlangt Geduld und die Bereitschaft, sich ein wenig verunsichern zu lassen. Wer sie mitbringt, erlebt ein Quartett, das gelernt hat, in einer fremden Sprache zu atmen. Weitere Loops sind schon in Arbeit. Der Kreis bleibt offen.
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Cover-Artwork: „Loop 8/9“ von Phillip Golub
(Cover-Design & Layout von Joseph Branciforte /
Pressebild / © 2026 greyfade).



