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RICHARD HELL & THE VOIDOIDS – Blank Generation

1977/2022 (Rhino/Sire) - Stil: Punk, Art Punk

Wer 1976 an der Bowery die Tür des “CBGB” aufstieß, konnte einem hageren Kerl im zerrissenen Shirt begegnen, der schon zwei legendäre Bands verlassen hatte, bevor eine davon überhaupt eine Platte veröffentlichte. Richard Hell hatte TELEVISION mit Tom Verlaine gegründet und wieder hingeschmissen. Danach stieg er bei THE HEARTBREAKERS neben Johnny Thunders ein, auch das nicht für lange. Im Gepäck trug er einen Song, den das ganze Viertel längst mitgrölen konnte. ´Blank Generation´ war Hymne und Steckbrief zugleich. Und wer darin bloß Nihilismus hörte, hatte nicht hingehört. Hell selbst verstand das „Blank“ als leere Zeile auf einem Formular, in die jeder einträgt, wer er sein will.

Mit dieser Idee holte er sich seine Leute. Da war Robert Quine, ein Gitarrist, der Töne nicht spielte, sondern zerschnitt. Ivan Julian war aus England nach New York gekommen und warf seine Soli dazwischen wie Funken in ein Benzinlager. Und hinter dem Schlagzeug saß Marc Bell, der Jahre später als Marky Ramone die RAMONES antreiben sollte. THE VOIDOIDS nannten sich nach einem Roman, an dem Hell schrieb. Schon das sagt einiges über diese Band. Noch 1976 erschien auf dem kleinen Label „Ork“ eine erste EP mit dem Titelsong, die in England über „Stiff“ herauskam.

Für das Album entstanden erste Aufnahmen in den “Electric Lady Studios”, eingespielt wurde es dann neu bei “Plaza Sound”. Hell produzierte gemeinsam mit Richard Gottehrer, Mitgründer von „Sire“, der in den Sechzigern ´My Boyfriend’s Back´ mitgeschrieben und mit THE STRANGELOVES ´I Want Candy´ in die Welt gesetzt hatte. Brill Building trifft Bowery. Klingt verrückt, passt aber, denn wer so einen Stampfer zustande bringt, weiß, wie man rohe Energie auf Band bannt. Roberta Bayley, die damals an der Tür des “CBGB” arbeitete, fotografierte Hell für das Cover mit nacktem Oberkörper und dem Schriftzug „YOU MAKE ME“ samt Leerstelle auf der Brust, und so trägt schon die Hülle das Formular mit dem freien Feld, um das sich die ganze Platte dreht. In einer berühmten Bestenliste der schlimmsten Plattencover landete das Motiv übrigens auf Platz eins. Heute gilt es als eines der Bilder, die den Punk geprägt haben.

Seite eins geht mit ´Love Comes In Spurts´ los, gut zwei Minuten lang. Der Titel ist ein schmutziger Doppelsinn, den man nicht erklären muss, und Hell jault ihn heraus, als stünde er unter Starkstrom. ´Liars Beware´, gemeinsam mit Julian geschrieben, rollt danach wie ein Güterzug mit kaputten Bremsen, während ´New Pleasure´ in weniger als zwei Minuten der Gier nach dem nächsten Kick hinterherjagt. Mit ´Betrayal Takes Two´ tritt die Band auf die Bremse. Dreieinhalb Minuten, schleppend, fast bluesig, und plötzlich hört man, wie verletzlich dieser Typ hinter seiner Pose ist. ´Down At The Rock And Roll Club´ verneigt sich vor den verqualmten Nächten, in denen all das entstand, und ´Who Says?´ beendet die erste Seite mit zwei Minuten Trotz.

Seite zwei. Der Titelsong. Was soll man da noch sagen? Hell hatte ´Blank Generation´ einer alten Spottnummer über die Beat Generation nachempfunden und daraus eine Kampfansage gemacht, die bis heute in den Knochen sitzt. Julian setzt das Intro, Quine zerlegt den Rest. Dass die Band dann ausgerechnet ´Walking On The Water´ von CREEDENCE CLEARWATER REVIVAL aufgreift, geschrieben von John und Tom Fogerty, wirkt erst wie ein Witz, bis man merkt, wie viel Rock ’n’ Roll in diesen Leuten steckt. ´The Plan´ brodelt fast vier Minuten unruhig vor sich hin. Und zum Schluss kommt ´Another World´, über acht Minuten lang, ein Fiebertraum, in dem die Gitarren klingen, als würde jemand Glas zerkauen. Ein Punkalbum mit einem Achtminüter am Ende. Das muss man sich 1977 erst mal trauen.

Kommerziell blieb ´Blank Generation´ ein Geheimtipp. Die Wirkung kam erst später, dafür gewaltig. Malcolm McLaren soll seine SEX PISTOLS angewiesen haben, eine eigene Antwort auf Hells Hymne zu schreiben, und heraus kam ´Pretty Vacant´. Ob auch der zerfetzte Look von New York nach London wanderte, darüber streiten die Beteiligten bis heute, John Lydon jedenfalls widerspricht.

Und hier biegt die Geschichte zu ROCKPILE ab. Nach einer zermürbenden Englandtour im Vorprogramm von THE CLASH, bei der die Band jeden Abend bespuckt wurde, lag Hell mit „Sire“ über Kreuz. Elvis Costellos Manager Jake Riviera sprang ein, nahm die VOIDOIDS als Vorgruppe für Costello mit auf Tour und ließ sie zuvor eine Single für sein Label „Radar“ aufnehmen. Am Pult stand Nick Lowe, Bassist und Kopf von ROCKPILE, damals auch Costellos Produzent. Heraus kam 1978 ´The Kid With The Replaceable Head´, das eingängigste Stück, das diese Band je gemacht hat. Ivan Julian sagte später, Lowe habe aus den VOIDOIDS kurzerhand eine Popband gemacht, und nannte ihn seinen wichtigsten Lehrmeister als Produzent. Das hübsche Detail am Rande ist, dass das „Radar“-Logo von Barney Bubbles stammt, demselben Mann, der später das Cover von ROCKPILEs ´Seconds Of Pleasure´ malte. Die Wege zwischen der Bowery und dem Londoner Pub Rock waren kürzer, als man denkt.

Viel kam danach nicht mehr. ´Destiny Street´ folgte erst 1982, zwei Jahre später zog sich Hell aus der Musik zurück und widmete sich ganz dem Schreiben. Umso mehr Gewicht hat dieses Debüt.

„Rhino“ hat ´Blank Generation´ 2022 im Rahmen der Reihe „Start Your Ear Off Right“ als Indie-Exklusivausgabe auf transparentem blauem Vinyl neu aufgelegt, mit dem originalen Bayley-Cover und den zehn Songs in der Reihenfolge von 1977. Grundlage ist das Remaster, das Greg Calbi bei Sterling Sound 2017 zum 40. Jubiläum angefertigt hatte, und Calbi hatte schon die Originalplatte gemastert. Wer also fürchtet, hier habe jemand den Lärm weichgespült, kann aufatmen. Der Schmutz bleibt, wo er hingehört. Das blaue Vinyl sieht dabei aus wie der Himmel über der Bowery an einem der seltenen guten Tage.

Wer diese Platte heute auflegt, merkt sofort, dass hier eine Generation nicht leer war, sondern bloß noch nicht beschrieben, und dass Richard Hell ihr 1977 den Stift in die Hand gedrückt hat.

https://www.richardhell.com/


Cover-Artwork: Frontcover von Richard Hell & The Voidoids –
Blank Generation (Fotografie: Roberta Bayley /
Art Direction: Richard Hell & John Gillespie /
via Rhino Records / Sire Records).

LP-Fotos: SaitenKult, Michael Haifl –
Bildzitat: Frontcover-Porträt von Roberta Bayley
und transparent-blaues Vinyl-Design für den 2022er
Rerelease von Richard Hell & The Voidoids –
Blank Generation (© Rhino Records / Sire Records).

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