
ROCKPILE – Seconds Of Pleasure
1980/2024 (Yep Roc Records) - Stil: Pub Rock, Power Pop, Rock ’n’ Roll
Herbst 1980. Der erste Punkrausch ist verflogen, die großen Bühnen gehören wieder den Herren mit Föhnfrisur und Zwanzigminutensoli, und vier Männer schicken sich an, den Rock ’n’ Roll aus seiner Vitrine zu befreien. Dave Edmunds, Nick Lowe, Billy Bremner und Terry Williams waren damals vielleicht die beste Band, die es offiziell gar nicht gab. Auf der Bühne hieß sie ROCKPILE, in den Plattenläden suchte man diesen Namen vergeblich. Weil Dave Edmunds bei „Swan Song“ unterschrieben hatte und Nick Lowe bei „Radar“, mussten sich die vier im Studio tarnen wie Schmuggler an der Grenze. ´Tracks On Wax 4´ und ´Repeat When Necessary´ liefen als Edmunds-Platten, ´Labour Of Lust´ trug Lowes Namen, und doch hämmerte in allen dreien derselbe Motor. Die beiden letzten spielte die Band 1979 sogar parallel ein, mal mit Edmunds, mal mit Lowe am Mikrofon. Ein Quartett mit zwei Chefs und drei Sängern, das seine wahre Identität einzig dann ausleben konnte, wenn abends die Verstärker glühten.
Und sie glühten gewaltig. Im Vorprogramm von BLONDIE, BAD COMPANY, Van Morrison und Elvis Costello heizte die Truppe ganzen Hallen ein, beim „Heatwave Festival“ nahe Toronto stand sie 1980 vor rund 100.000 Menschen. Hier spielten Männer, denen Chuck Berry und THE EVERLY BROTHERS im Blut lagen, mit einer Wucht und Ungeduld, die das junge New Wave-Publikum als seinesgleichen erkannte, und so wurde ROCKPILE zur Brücke zwischen zwei Generationen, ohne je eine Platte unter eigenem Namen zu besitzen. Erst als Dave Edmunds mit der Resteverwertung ´Twangin…´ seinen Vertrag erfüllt hatte, konnte Manager Jake Riviera die vier für sein frisch gegründetes Label „F-Beat“ ins Studio schicken. So entstand das einzige Album, auf dem tatsächlich ROCKPILE steht, die Visitenkarte einer Band, die ihren eigenen Namen erst auf den letzten Metern aufs Cover setzen konnte. Bis heute schwingt darin die Vorfreude auf eine Zukunft mit, die diese Band nie erleben sollte.
Aufgenommen wurde ´Seconds Of Pleasure´ in den „Eden Studios“ in Chiswick, Aldo Bocca saß an den Reglern, und die Band produzierte sich selbst. Edmunds griff neben der Gitarre auch in die Tasten von Piano und Orgel. Das Ergebnis ist ein trockener, schlanker Sound, der jede überflüssige Silbe verweigert. Barney Bubbles, der große Bildermagier der Londoner New Wave, schenkte dem Album ein gemaltes Cover, dessen freche Farbenpracht so wenig Ehrfurcht vor der Tradition zeigt wie die Musik dahinter.

Den Auftakt macht ´Teacher, Teacher´ aus der Feder von Kenny Pickett und Eddie Phillips, einst bei THE CREATION aktiv. Lowe singt diesen Schulhofflirt mit einem Grinsen in der Kehle, die Gitarren klingeln hell wie Fahrradglocken, und wer sich wundert, warum ausgerechnet diese Nummer als einziger Song der Band die Billboard-Charts erklomm, hat den Refrain noch nicht gehört. Edmunds übernimmt danach mit ´If Sugar Was As Sweet As You´ von Joe Tex das Mikrofon und reißt den alten R&B aus dem Archiv, während Williams darunter trommelt, als hinge sein Leben daran.
Dann tritt Billy Bremner ins Licht. Sein ´Heart´ schmilzt wie ein Doo-Wop-Seufzer aus den frühen Sechzigern, so unverstellt verliebt, dass es in dieser Gesellschaft fast schon tollkühn wirkt. In knapp zwei Minuten huscht ´Now And Always´ vorbei, Lowe und Edmunds singen im Duett, und ihre Harmonien wehen herüber wie eine Postkarte aus Liverpool. ´A Knife And A Fork´ besingt den Appetit mit einem Augenzwinkern so breit wie ein Sonntagsbraten, und Edmunds hätte diesen Song am liebsten als Single gesehen, weil er für ihn verkörperte, was ROCKPILE sein sollte. Recht hatte er, zumindest was den Dreck unter den Fingernägeln angeht. Seite eins schließt mit ´Play That Fast Thing (One More Time)´, einem Lowe-Song von gut vier Minuten, der seinem Titel alle Ehre macht und den Tonarm förmlich anfleht, gleich wieder an den Rand zu wandern.
Seite zwei eröffnet mit ´Wrong Again (Let’s Face It)´, einem Stück von Chris Difford und Glenn Tilbrook, das SQUEEZE 1979 als Flexidisc einem Musikmagazin beigelegt hatten. Edmunds singt die verwinkelte Melodie mit einer Eleganz, die man dem alten Rockabilly-Schrauber kaum zugetraut hätte. Das von Lowe gesungene ´Pet You And Hold You´ verneigt sich tief vor THE EVERLY BROTHERS, zuckersüß im Gesang und bittersüß in der Sache, ehe ´Oh What A Thrill´ den Bogen zum Urvater schlägt. Chuck Berry hatte den Song kurz zuvor auf ´Rockit´ veröffentlicht, ROCKPILE spielen ihn, als stecke er seit 1957 in jeder Jukebox.
Und dann kommt ´When I Write The Book´. Lowe erzählt von verflossenen Lieben, als würde er Kapitel um Kapitel einer Autobiografie diktieren, jede Enttäuschung ein Abschnitt, jede Narbe eine Fußnote, und über allem liegt jene Gelassenheit, die nur aufbringt, wer oft genug auf dem Boden gelegen hat. Edmunds stampft danach mit ´Fool Too Long´ in Cowboystiefeln durch die Kneipe, roh und mit Punk im Blut, bevor Bremner mit ´You Ain’t Nothin‘ But Fine´ aus dem Repertoire von Rockin‘ Sidney die Sperrstunde ignoriert. Eine Louisiana-Sause zum Abschied, so ansteckend, dass man das Saallicht gar nicht angehen sehen will.

Das Bittere folgt jedoch auf dem Fuß. Kaum war die Platte in den Läden, zerbrach das Bündnis Anfang 1981 unter dem Druck von Geschäft und Eitelkeit. Terry Williams heuerte später bei DIRE STRAITS an, die anderen zogen ihrer Wege. Wie gewaltig diese Band auf der Bühne war, ließ sich lange nur aus Erzählungen erahnen, denn offizielle Mitschnitte wie ´Live At Montreux 1980´ tauchten erst Jahrzehnte später auf. Zurück blieb dieses Album als einziges Studiozeugnis unter eigenem Namen, gut 35 Minuten Glück, die sich anfühlen wie ein Abend, an dem alles stimmte.
„Yep Roc“ hat das Werk in Lizenz von „Columbia“ neu aufgelegt, limitiert auf 1.000 Exemplare in leuchtendem Gelb, das sich im Gatefold mit Bubbles‘ Bildwelt prächtig verträgt. Den Lackschnitt besorgte Kevin Gray bei „Cohearent Audio“, gepresst wurde bei „Citizen Vinyl“ in Asheville, North Carolina. Das Resultat lässt die Ohren aufhorchen. Die Instrumente rücken auseinander und gewinnen Luft, die Bühne öffnet sich in die Breite und in die Tiefe, und wo der Originalmix bisweilen spitz in die Ohren stach, hat Kevin Gray die Höhen sanft geschliffen, ohne den Gitarren ihren Biss zu rauben. Die Oberfläche bleibt für farbiges Vinyl bemerkenswert still. Im Klappcover steckt allein die LP mit den zwölf Albumsongs, die 7″-EP ´Nick Lowe And Dave Edmunds Sing The Everly Brothers´ der Erstauflage sucht man vergeblich. Auf ihr sangen die beiden vier Lieder ihrer Idole im Duett, und so bleibt ein kleiner Stich im Sammlerherzen. Wer die zwölf Songs in ihrer bislang wohl besten Klanggestalt hören will, greift dennoch bedenkenlos zu.
(Cover-Gemälde von Dag / Design von Barney Bubbles /
via Yep Roc Records / Columbia Records).
Bildzitat: Album- und Gatefold-Design für den 2024er
Vinyl-Rerelease von Rockpile
(© 2024 Yep Roc Records / Sony Music Entertainment).



