
FONTAINES D.C. – Dopamine Chamber
2026 (XL Recordings) - Stil: Art Pop, Synth Rock
Man stelle sich einen Club vor, irgendwo zwischen einem verfallenen Palazzo in Venedig und einem Rechenzentrum im Silicon Valley. Samtvorhänge, die nach Staub und Parfum riechen, Spiegel mit blinden Flecken, und hinter der Bar summen die Server wie ein zweiter Herzschlag. Ausgerechnet dort haben FONTAINES D.C. ihre fünfte Platte aufgebaut. ´Dopamine Chamber´ ist ein Raum, den man betritt, und wer wieder herauskommt, hat sein Make-up verschmiert und weiß nicht mehr so recht, ob er gerade getanzt oder geweint hat.
Wer die fünf aus Dublin seit ´Dogrel´ begleitet, kennt dieses Spiel. Keine Platte gleicht der vorherigen. Aus dem schmutzigen Post Punk der Anfänge wurde über ´A Hero’s Death´ und ´Skinty Fia´ hinweg eine Band, die mit ´Romance´ plötzlich die ganz großen Hallen füllte und dabei in allen Farben des Alternative Rock schillerte. Nun häutet sie sich erneut, und die neue Haut glänzt kühler, glatter, verführerischer als je zuvor. Wieder sitzt James Ford am Pult, wieder erscheint das Ganze über „XL Recordings“, und wieder lassen Grian Chatten, Carlos O’Connell, Conor Curley, Conor Deegan III und Tom Coll einen Großteil dessen hinter sich, wofür man sie einst liebte. Synthesizerflächen, Samples, Streicher und verfremdete Stimmen bestimmen das Bild, die Gitarren treten zurück, manchmal verschwinden sie ganz.
Grian Chatten hat dafür eine bestechend klare Rechnung aufgemacht. ´Romance´ sei vielleicht zu sechzig Prozent menschlich gewesen und zu vierzig Prozent von Automatisierung und Gefühlsverlust geprägt, diesmal sei es umgekehrt, die Maske trage inzwischen das Gesicht. Inspiriert von der verblassten Pracht Venedigs, Wiens und Siziliens schrieb er Texte über Lust und Flucht in einer Welt, die aus den Fugen gerät, über Hedonismus, endloses Scrollen und den Traum von ewiger Jugend. Hoffnung wollte er bewusst draußen lassen. Das Album soll klingen wie eine Warnung, und auf betörende Weise tut es das auch.
´Six Shot Morning´ lüftet den Vorhang mit einem dunklen Synthesizer-Puls, Chatten singt mit samtig-tiefem Bariton von einem Morgen im Bildschirmlicht, und erst wenn das Schlagzeug einsetzt, spürt man, wie groß dieser Raum ist. ´Marianne´, inspiriert unter anderem von der Serie “Ripley”, ist dann pure Dekadenz. Streicher und Elektronik umschlingen sich, und Chatten lockt den Hörer ins Verschwinden, mit einer Stimme, die nach Champagner klingt und nach Abgrund schmeckt.
´Mimesis´ ist Achtziger-Synthpop mit gebrochenem Herzen, kühl getaktet und doch voller Sehnsucht, und am Ende darf die Gitarre noch einmal glänzen, als hätte jemand kurz das Licht an der Bar angeknipst. ´Happy For You´ wird rockiger und rauer, ein Song über das Loslassen all dessen, woran man sich zu lange geklammert hat. ´Demolition´ ist der Moment, in dem die alten Fans aufatmen. Fuzz, Lärm, rostiges Getriebe, und Chatten bittet mit diabolischem Grinsen in sein privates Gruselkabinett.
Dann ´Tongue´, das mutigste Stück der Platte. Die Gruppe hat mit Bandgeschwindigkeiten gespielt, die Stimmen hochgepitcht und die Streicher auseinanderbrechen lassen, über einem schleppenden, düsteren Groove, bis ein Klavier dazukommt. Verstörend, sinnlich, fesselnd und ganz sicher nicht für jeden. ´One Man´ trägt die Titelzeile in sich und schwebt zart und luftig dahin, ein Song über den Versuch, den Schmerz zu betäuben, und über Gefühle, die man nicht mehr los wird, sobald man sie einmal benannt hat.
Und dann tritt ROSALÍA auf. ´Where Is Gone?´ ist die erste Zusammenarbeit mit einem Gast in der Geschichte der Band, und es ist kein Popbanger, sondern eine weite, orchestrale Ballade wie aus einem Kinofilm, der nie gedreht wurde. Ihre Stimme gleitet über Chattens Bariton wie Seide über Leder, und für Carlos O’Connell, der zuletzt seine spanischen Wurzeln erforscht hat, schließt sich hier ein Kreis. Schöner wurde in diesem Jahr wohl kaum ein Abschied besungen.
´You Miss Me´ schleicht sich hypnotisierend durch düstere Strophen, bevor der Refrain sich beinahe Lou Reed-mäßig weit wie ein Fenster nach einer langen Nacht öffnet. ´Japan´ ist der zärtlichste Moment, akustische Gitarre, ätherische Synthesizer und Conor Deegans Falsett im Hintergrund, eine Geschichte über eine Beziehung, in der nur einer wirklich liebt. Zum Schluss ´Intimate´, ein langsames, schwarzes Versinken. Während die Privilegierten sich in ihre eigene Schönheit zurückziehen und der Rest in den Trümmern bleibt, wiederholt Chatten seinen Refrain wie ein letztes Versprechen von Nähe, und dann gleitet alles ins Dunkel.
Natürlich wird diese Platte auch Stirnrunzeln ernten. Wer die rohen Gitarren von ´Dogrel´ vermisst, wird hier lange suchen, und dass Synthesizer, Drumcomputer und New Wave-Glanz im Jahr 2026 keine Revolution mehr sind, weiß auch die Band. Manchen wird das nach Retro klingen, nach einer Pose. Doch FONTAINES D.C. tragen diese Pose so selbstverständlich wie einen perfekt sitzenden Mantel aus Samt, und unter dem Glanz steckt mehr Wahrheit über unsere Gegenwart als auf so manchem schweißtreibenden Gitarrenalbum. Aufgenommen in London, auf dem englischen Land und in Palermo, wo Chatten Teile seines Gesangs in einer improvisierten Kabine aus Matratzen und Kissen einsang, klingt ´Dopamine Chamber´ wie ein Fiebertraum, aus dem man nicht aufwachen möchte.
Wer die Kammer live betreten will, hat bald reichlich Gelegenheit. FONTAINES D.C. spielen ihre bislang größten Headline-Konzerte, darunter zwei Abende im legendären Slane Castle in Irland. In Deutschland folgt nach der binnen Stunden ausverkauften Show in der Berliner Max-Schmeling-Halle im November im August 2027 eine Runde durch die Hamburger Barclays Arena, die Münchner Olympiahalle und die Berliner Parkbühne Wuhlheide.
Ob die Intimität dieser Dopaminkammer unter freiem Himmel vor Zehntausenden bestehen kann, wird sich zeigen. Doch wer sich so furchtlos neu erfindet, dem traut man auch zu, ein ganzes Stadion in einen Spiegelsaal zu verwandeln.
(8,5 Punkte)
Cover-Artwork: „Dopamine Chamber“ von Fontaines D.C.
(Fotografie: Elizaveta Porodina / Design: Texas Maragh /
© 2026 XL Recordings).



