
NIČITEĽ – Biela
2026 (Bloodshed666 Records) - Stil: Crust, Sludge, Hardcore Punk
Drei Leute, keine Gitarre, keine Industrie im Rücken, die irgendwem was vorschreibt. Bass, Schlagzeug, eine Stimme, die einem die Haut abzieht, fertig. NIČITEĽ kommen aus Spišská Nová Ves im Osten der Slowakei, und wer bei so einer Besetzung an ein dünnes Gerippe denkt, wird schon nach ein paar Takten eines Besseren belehrt. Das hier kracht und brennt, als stünde eine ganze Wand von Verstärkern im Raum.
´Biela´ ist das dritte Album der Band und das erste mit Tamara am Mikrofon. Sie hat Ondrej abgelöst, und was sie abliefert, ist kein Gesang im üblichen Sinn. Sie schreit, sie spuckt, sie rezitiert, ein heiseres, fast schwarzmetallisches Keifen, das jede Zeile wie eine Anklage klingen lässt. Dahinter halten Martin am Schlagzeug und Tms am Bass die Stellung, und hier und da legen sich düstere Keyboardflächen über das Ganze, die mitten im Lärm plötzlich so etwas wie Licht hereinlassen. Das ist Crust, das ist Sludge, das ist Hardcore mit einer Prise Noise Rock und Post Rock, und am Ende ist es einfach NIČITEĽ. Schubladen kann man sich hier sparen.
Auf ´Matka´ ging es um Mensch und Natur, auf ´Anna´ um das Patriarchat. Diesmal gibt es kein durchgehendes Thema, dafür neun Farben und neun Geschichten. Für jede hat Tamara ein eigenes Bild gemalt, die Gemälde stecken im Booklet und hängen sogar in einer Ausstellung, und das beigefarbene Klappcover, auf dem sich nur ein paar dünne Linien wie junge Zweige verästeln, wirkt dagegen fast schüchtern. Gerade dieser stille Rahmen macht den Inhalt umso lauter.
´Biela´ eröffnet mit dem Tod. Ein Mensch ist noch da und doch schon fort, und der Song stellt sich der bitteren Erkenntnis, dass man die Zeit nicht anhalten kann. ´Čierna´ schaut auf brennende Wälder und auf eine Gesellschaft, die lieber wegsieht und sich ihre schmutzigen Hände schönredet. In ´Modrá´ wird die Lüge zur Waffe, ein endloses Rauschen aus Desinformation, das alles relativiert, bis keiner mehr Fakten von Meinungen unterscheiden kann. ´Sivá´ erzählt von einem Menschen, der an der Angst vor dem Weltuntergang und am Unrecht der Welt zerbricht, und man hört förmlich, wie hilflos man danebensteht.
Dann kommt ´Purpurová´, mit gut fünf Minuten das längste Stück und der härteste Brocken des Albums. Hier knöpft sich die Band die Kirche vor, die Missbrauchsfälle, die Vertuschung, die purpurnen Roben, unter denen so viel Schuld verschwindet. Kein Herumdrucksen, keine Metapher, die das abfedert. Wer so etwas in einem tief katholisch geprägten Land derart offen ausspricht, hat meinen vollen Respekt.
´Žltá´ walzt lange schwer und zäh, bis er sich zum Ende hin hebt und Tamara sich hörbar von einer Beziehung losschreit, die ihr nichts mehr anhaben kann. Selbstachtung statt Schuld, das ist der Kern. In ´Zelená´ geht es um Armut, die sich von Generation zu Generation vererbt, und um die Leute, die gut reden haben, wenn sie behaupten, man müsse sich nur anstrengen. ´Červená´ fordert Haltung statt Lächeln auf dem roten Teppich, Ehrlichkeit statt Kalkül, Kunst ohne Maske. Und ´Hnedá´ schließt das Album mit einem Albtraum aus braunen Hemden auf den Plätzen. Zwei Menschen halten sich an den Händen, während um sie herum die Menschlichkeit zu Grabe getragen wird, und übrig bleibt ein letzter, zerbrechlicher Funke Hoffnung.
Das ist keine leichte Kost, und es will auch keine sein. Hier wird nichts gefällig zurechtgebogen, nichts für die Playlist geglättet. Die Platte packt einen beim dritten Durchlauf mehr als beim ersten. Aufgenommen wurde sie im April im “Tretradrot” in Vranov nad Topľou, digital gab es sie schon im Sommer für einen frei wählbaren Betrag, auch für null. DIY eben, ohne Wenn und Aber. Die Vinylversion bringen nun gleich sieben kleine Labels aus Österreich, der Slowakei, Tschechien, Polen und Griechenland gemeinsam heraus, als weiße LP und in einer kleinen Splatter-Auflage, zusammen gerade mal 222 Stück.
Wer glaubt, dass harter Punk nichts mehr zu sagen hat, sollte diese Platte auflegen und danach noch einmal nachdenken. NIČITEĽ rennen mit dem Kopf gegen jede Wand, die ihnen in den Weg gestellt wird, und manchmal, ganz selten, bricht dahinter tatsächlich etwas Licht hervor.
(8,5 Punkte)
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(Gemälde von Tamara Almáši / Pressebild /
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