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PALLAS – A Song For Tomorrow

2026 (Esoteric Antenna / Cherry Red Records) - Stil: Prog Rock

Wer in den frühen Achtzigern in einem verrauchten Club stand und PALLAS zwischen Trockeneisnebel und Keyboardtürmen erlebt hat, wird diese Band nie ganz los. Neben MARILLION, IQ, PENDRAGON und TWELFTH NIGHT gehörten die Schotten aus Aberdeen zu der Handvoll Gruppen, die dem Prog neues Leben einhauchten, als die Musikpresse ihn längst zu Grabe getragen hatte. Allerdings waren PALLAS immer ein bisschen schwerer und finsterer als die Kollegen. Ihre Musik roch eher nach Nordsee im November als nach Elfenwald, und daran hat sich bis heute nichts geändert. ´A Song For Tomorrow´ ist das neunte Studioalbum, und man spürt in jeder Minute, dass die vier wissen, was hier auf dem Spiel steht.

Alan Reed war für das 2023 erschienene ´The Messenger´ zurückgekehrt, und diese Platte hat vielen alten Fans die Freude an der Band zurückgegeben. Anfang 2025 kam dann die Diagnose Parkinson. Reed spricht offen darüber, wie viel länger er diesmal im Studio für seine Parts gebraucht hat, weil sich das Zwerchfell nicht mehr so kontrollieren lässt wie früher, und dass er die hohen Passagen deshalb seltener angeht. Vor diesem Hintergrund wirkt es folgerichtig, dass der Gesang diesmal auf vier Schultern verteilt ist. Reed, Gitarrist Niall Mathewson, Bassist Graeme Murray und Keyboarder Ronnie Brown teilen sich Lead- und Backgroundgesang zu gleichen Teilen, und die mehrstimmigen Sätze, die dabei herauskommen, erinnern an die Zeit von ´The Sentinel´. Alan Reeds Stimme sticht trotzdem heraus, weniger strahlend als einst, dafür mit einer Wahrhaftigkeit, die sich nicht proben lässt. Ein Schlagzeuger fehlt wie schon beim Vorgänger, Niall Mathewson übernimmt Drums und Percussion gleich mit.

Auf den ersten Blick wühlen die Texte in Bibelbildern und Weltpolitik. Darunter geht es um Menschen, um ihre Hoffnungen und Lebenslügen und um die Frage, wie man nach einem Sturz wieder auf die Beine kommt.

´Reset´ öffnet mit orchestraler Wucht, und sofort sind diese Harmoniegesänge da, die einem die Nackenhaare aufstellen. Der Text ist ein galliger Blick auf eine Welt, die sich auf das Jüngste Gericht einrichtet und dabei vor allem an Marketing und Geld denkt. Nach gut vier Minuten ist alles vorbei. ´Rage´ hält, was der Titel verspricht. Die Rhythmen walzen alles platt, Mathewson lässt seine Gitarre verzerrt und effektgetränkt röhren, und mitten in diesem Gewitter steht eine kurze, beinahe geflüsterte Atempause, ehe Sirenen alles ins Chaos reißen. Die paar Zeilen Text malen ein friedliches Land, vor dessen Tür die Wut bereits wartet.

Im Titelsong singt Gast Natasha O’Neil mit glockenheller Stimme über einem zarten Keyboardteppich. Lange bleibt es still und schwebend, bis nach gut vier Minuten die typische PALLAS-Finsternis einbricht und der Song in ein kurzes, düster leuchtendes Finale mündet. Es geht um ein Morgen, an das niemand so recht glauben mag, um Lüge, die als Wahrheit gilt, und um eine Macht, die zusieht und wartet.

´The Private Collector´ ist mit gut acht Minuten einer der Fixpunkte. Schwere Akkorde, dann ein elektronischer Puls, darüber Stimmen, die sich langsam wie eine Beschwörung verdichten. Der Sammler, um den es hier geht, steckt keine Schmetterlinge mehr auf Nadeln, er hortet unsere Erinnerungen in seiner Cloud und bewahrt alles, was wir je waren, für immer auf. Selten hat jemand Datenhunger so unheimlich vertont.

´Dirt´ braucht einen Moment, um in Fahrt zu kommen. Ein helles Klavier hält kurz die Stellung, dann übernimmt Murrays Bass, und schließlich gehört die Bühne Mathewson, der über schweren Keyboards und Basspedalen ein herrliches Solo hinlegt. Ein Sturm zieht auf, die Mächtigen zanken sich über Kriege, und alle stecken den Kopf in den Sand, solange die Kasse stimmt. ´Aspirations´ nimmt danach das Tempo raus. Murrays Zwölfsaitige tritt in den Vordergrund, Mellotron und weihevolle Chöre tragen den Song, und der Text schaut Menschen beim Klettern zu, denen der Regen ihre Träume immer wieder abwäscht. Sie klettern trotzdem weiter.

´Rushing Headlong´ rumpelt und zappelt so hektisch durch die Gegend, dass sich auch nach mehreren Durchläufen keine Melodie festhaken will. Inhaltlich trifft das ins Schwarze, Lemminge auf dem Weg zur Klippe, Politiker mit endlosem Wortschwall, Raketen ins All, während der Planet vor die Hunde geht. ´The Avenue Of Broken Dreams´ baut sich langsam auf, mit schwebenden Keyboards, gedämpftem Gesang und akustischer Gitarre, und erzählt eine Schauergeschichte von einem verlorenen Wanderer, der in einem knorrigen Baum einen Fund macht und damit ein Tor in den Abgrund öffnet.

´Mother´ ist das intimste Stück. Klavier, Stimme, ein leiser Puls, und ein Kind, das zu jung war, um zu begreifen, was es verloren hat, und das erst spät versteht, wie sehr die Eltern es geprägt haben. Reed singt dazu äußerst verletzlich. ´Inside Outside´ beschließt das Album als neunminütiges Kleinod. Eine Frau geht allein durch einen Garten, ein Foto hinter Glas, eine polierte Fassade für die Welt und dahinter ein Selbst, das niemand kennt. Der Song schwankt zwischen pochenden Rhythmen und einer Melodie von solcher Schönheit. Die Harmonien türmen sich, bis endlich alle Masken fallen. Besser hätten PALLAS ihr Thema nicht zusammenbinden können.

Vielleicht fehlt ein richtiges Epos jenseits der Zehn-Minuten-Marke, die Instrumentalisten halten sich oft zurück, wo man auf den großen Ausbruch wartet, und manche Melodie geht lieber Umwege, als sich ins Ohr zu schmeicheln. Wer Geduld mitbringt, wird jedoch belohnt. Gesanglich ist es das ehrgeizigste Album der Bandgeschichte, düster wie die Gegenwart und trotzdem mit ein paar hellen Momenten.

Ob danach noch etwas kommt, steht in den Sternen. Keyboarder Ronnie Brown hält es für gut möglich, dass dies das letzte PALLAS-Album bleibt, und meint, diesmal fühle es sich anders an. Behält er recht, verabschieden sich vier Schotten mit erhobenem Haupt. Prog on.

(8,5 Punkte)

https://www.facebook.com/PALLASOfficial/


Cover: Mike Bentley – „A Song for Tomorrow“
(© 2026 Esoteric Antenna / Cherry Red Records)
(VÖ: 30.10.2026)

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