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CHLORIDE FALLS – On the Evening Of The Soul

2026 (Independent) - Stil: Alternative Rock/Experimental

Monatelang wusste niemand, wer hinter dieser Band steckt, und dann stellte sich heraus, dass man die Musiker längst kannte. CHLORIDE FALLS treten als anonymes Kollektiv auf, ohne Gesichter und mit Namen wie Dante The Red Helmet, Juan Tides, Pablo Aks und Carly Pajaron. Im August 2026 lüftete die Band einen Teil des Geheimnisses. Drei ehemalige Mitglieder von PERVY PERKIN, die nach ihrem dritten Album in die Pause gegangen waren, arbeiten seit Jahren im Verborgenen an diesem Projekt und verantworten die Musik. Hinter dem Kollektiv selbst stehen noch viele weitere Menschen, deren Namen womöglich noch nach und nach enthüllt werden.

Denn CHLORIDE FALLS sind mehr als eine Band. Das Projekt kreist um ein Phänomen namens „The Overlay“, Momente, in denen fremde Wirklichkeiten in unsere hineinbluten. Acht Monate lang verschickte das Kollektiv „Übertragungen“. Neben Singles waren das entschlüsselte Videobeweise, Feldberichte und Zeugenaussagen von Menschen aus aller Welt, die solche Overlay Events erlebt haben wollen. Jede dieser fremden Welten heißt hier Neighborhood. Da gibt es die feindseligen Ebenen der Ember Grounds, die schuldgetränkten Gezeiten von Angel Keep und die Wälder der Great Lavender Depth, dunkel wie ein Spiegel bei Nacht. Aus den Atmosphären dieser Orte sollen die Songs entstanden sein. Das ist Worldbuilding, wie man es eher aus Videospielen kennt als aus dem Prog.

Dante The Red Helmet nennt das Album den Höhepunkt jahrelanger Recherche. Jede Single zeige eine andere Facette des Projekts und erzähle zugleich von etwas, das tief in uns selbst vergraben liegt. Musikalisch ist das allerdings ein anderes Monstrum als PERVY PERKIN, auch wenn alte Fans viele vertraute Züge wiedererkennen werden. Progressive Rock und Prog Metal treffen auf Shoegaze und Synthwave, elektronische Klangbilder aus dem Umfeld der IDM schimmern durch, und das Experiment ist ohnehin Programm. Mit knapp 33 Minuten ist die Platte äußerst kompakt geraten.

´Throne Of Self´, eine der beiden Singles, ist mit fast acht Minuten das längste Stück und eröffnet das Album. Der Text erzählt von einem Ich, das sich in Allmachtsfantasien verliert, und die ganze Zeit schwingt das Ikarus-Motiv mit. Wer zu hoch fliegt, stürzt, und am Ende bleibt nur die Sehnsucht nach einer Wärme, die längst unerreichbar ist. ´Forward Of Tomorrow´ handelt danach von einem Schiff auf Kollisionskurs, gesteuert von jemandem, dem der Verstand entgleitet – dauert nur drei Minuten. Der Refrain ruft immer wieder nach Kontrolle über den eigenen Kurs. ´Angels On The Riverbed´ führt dann hinab in die Tiefe, und erstaunlicherweise wartet dort kein Grauen, sondern so etwas wie Frieden. Fast tröstlich, dieser Gedanke. ´In The Hall Of Beyond´ ist mit gut zwei Minuten das kürzeste Stück, ein kurzes Versinken im Wasser, bei dem der Schmerz davontreibt.

Den Kern der zweiten Hälfte bildet ´Ravage Your Colorless Forests´, die andere Single, die bei den Fans besonders gut ankam. Der Text ist dicht und bildgewaltig, voller Schuld und Zynismus, ein Abgesang auf eine Welt, die ihren Zauber verloren hat. ´The Veiled End´ hüllt danach alles in Nebel, erzählt von Masken und unbequemen Wahrheiten und ermutigt trotzdem dazu, nicht aufzugeben. Und dann ´By The Wellspring, In The Mausoleum´. Der Schluss kommt mit wenigen Zeilen aus, winterlich und von Abschied durchzogen, und endet mit einer offenen Frage. Eine Antwort gibt es nicht.

Was bleibt, ist ein Debüt, das entdeckt werden will, am besten zusammen mit der Geschichte, die drumherum gesponnen wird. Wer Prog mag, der sich wie ein Mysterium anfühlt, und wer gern zwischen den Zeilen nach Hinweisen sucht, findet hier ein kleines Universum. Die Masken mögen fallen oder nicht. Die Musik von ´On The Evening Of The Soul´ spricht ohnehin für sich.

(8 Punkte)

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