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JOHN GREENWOOD – First Day

2026 (Independent/Just For Kicks Music) - Stil: Prog Rock

Im Prog gibt es viele Umwege, aber kaum einer ist so ungewöhnlich wie der von John Greenwood. Er ist in Manchester aufgewachsen, hat Medizin studiert, sich zum plastischen Chirurgen ausbilden lassen und ist dann mit seiner Familie nach Australien gegangen. Dort leitete er rund zwanzig Jahre lang das Zentrum für Brandverletzte am “Royal Adelaide Hospital”. Für seinen Einsatz nach den Anschlägen auf Bali 2002 wurde er später hoch ausgezeichnet. Erst nach dem Ruhestand rückte die Gitarre vom Feierabend in die Mitte seines Lebens. Eine zufällige Begegnung mit Mark Trueack brachte ihn zu UNITED PROGRESSIVE FRATERNITY und von dort zu UNITOPIA, bei denen er auf ´Seven Chambers´ einstieg. Parallel kamen die Soloalben ´Dark Blue´ und ´The Boy´. ´First Day´ ist das dritte, und es ist das persönlichste.

Sogar die Besetzung kann sich sehen lassen. Chester Thompson, über Jahrzehnte der Mann hinter den Kesseln, wenn GENESIS live auf die Bühne gingen, hat seine Spuren in Nashville eingespielt. Sean Timms von UNITOPIA steuert Keyboards, Orgel und die orchestrale Feinarbeit bei und hat das Ganze auch abgemischt. Roger King, lange musikalischer Direktor bei Steve Hackett, sitzt in der Suite am Flügel. Greenwood selbst singt und spielt Gitarren, Bass, Mandoline und Keyboards. Dazu kommt die Familie. Tochter Emma Bartsch übernimmt sämtliche weiblichen Leadstimmen, Sohn Sam Greenwood singt in ´Ghosts´. Um sie herum spielen gut ein Dutzend Musiker an Streichern, Holz und Blech, und Schauspieler Mark Addy leiht dem Album an zwei Stellen seine Stimme. Das ist kein Heimstudio mit ein paar Gästen mehr, das ist ein kleines Kammerorchester mit Rockband im Rücken.

´Christmas Present´ beginnt wie ein Hörspiel. Vor einer Kirche verabschieden sich zwei feine Herren nach dem Gottesdienst, die Weihnachtsgrüße triefen vor Doppelsinn, und dann tanzt die Musik los, im wiegenden Sechsachteltakt, mit Akkordeon, Flöte und Gitarrenläufen, die funkeln wie Lametta. Man glaubt sich auf einem Dorffest aus längst vergangenen Jahrhunderten, und wer TIGER MOTH TALES kennt, das Projekt des britischen Multiinstrumentalisten Peter Jones, fühlt sich unweigerlich an dessen jahreszeitliche Reisen erinnert. Nach einer Weile ändert sich die Stimmung, und die Geschichte wechselt zu einer Krankenschwester, die ihren Kindern das Festessen nur mit Hilfe der Tafel auf den Tisch bringt. Eine zarte Akustikgitarre trägt diese Szene, und sie trifft einen an der richtigen Stelle. Am Ende läuten die Glocken, die Herren gehen ihrer Wege, und an der Ungerechtigkeit hat sich nichts geändert. Zwölfeinhalb Minuten als Eröffnung, mit Biss und Herz.

´All Over´ öffnet mit Flöten und einer fast ländlichen Ruhe, die an die frühen Siebziger denken lässt. Inhaltlich geht es dagegen ruppig zu. Ein Paar zerfleischt sich über den Tag und zieht sich am Abend zurück, als wäre nichts gewesen. Greenwood eint akustische und elektrische Gitarren mit großer Sorgfalt, und auch sein Bass verdient ein offenes Ohr. Thompson spielt mit einer Gelassenheit, die man nur nach Jahrzehnten auf großen Bühnen hat. Er muss niemandem mehr etwas beweisen.

Mit ´The Girl´ schlägt Greenwood die Brücke zu ´The Boy´. Dort ging es um einen Jungen, der von den Sternen träumt und alles hinter sich lässt. Hier erzählt das Mädchen, das zurückbleibt, schwanger und allein und fest entschlossen, sich nicht kleinkriegen zu lassen. Mark Addy führt in die Geschichte ein, dann übernimmt Emma Bartsch, und ihre Stimme hat eine Klarheit, die einem die Kehle zuschnürt. Greenwood sitzt selbst am Klavier, Mellotron und gezupfte Streicher legen einen dunklen Schimmer darüber, die Orgel unterstreicht den Trotz der jungen Frau. Die Gitarre hält sich lange zurück, ehe sie kommt.

Das Herz des Albums ist die ´First Day Suite´, knapp dreiundzwanzig Minuten in zehn Teilen. Greenwood erzählt darin von seinem ersten Tag als Arzt, an dem er einer jungen Frau begegnete, die ihren letzten erlebte. Das ´Prelude´ setzt mit einer düsteren Orchesterfanfare und unheilvoller Orgel ein, ehe Streicher, Akustikgitarre und Flöte etwas Licht hereinlassen und Roger King am Flügel in Moll übernimmt. In ´First Day´ schrillt ein Wecker, eine Uhr tickt, die Melodie klingt beinahe heiter, und der Text zeigt einen übermüdeten Berufsanfänger, der nach einer endlosen Schicht in ein Zimmer am Ende des Flurs gerufen wird. Dort liegt eine Frau, und niemand ist bei ihr. Der erste Teil von ´The Last Room On The Left´ ist ein kurzes Stück für klassische Gitarre und Flöten, in dem Greenwood zeigt, wie fein er auch ohne Strom spielen kann. ´Despair´ macht seinem Titel alle Ehre und lässt Bitterkeit und Erschöpfung nach dieser Nacht hörbar werden.

Unmittelbar danach liest Mark Addy das Gedicht ´First And Last Day´ von Andrew Fanning, das von einem Tod erzählt, den nur der junge Arzt bezeugt, und es fällt schwer, danach gleich weiterzuhören. ´Last Day´ dreht die Perspektive um und lässt die Sterbende selbst zu Wort kommen, getragen von klassischer Gitarre und Emmas Stimme, ruhig und versöhnt. Im zweiten Teil von ´The Last Room On The Left´ geht das Piepen des Monitors schließlich in die Nulllinie über. Danach singt Sam Greenwood ´Ghosts´, ein Stück über das, was einem nach so einem Tag ein Leben lang nachgeht, und die Leadgitarre ist so feinfühlig, dass man an Steve Hackett denken muss. Im dritten Teil von ´The Last Room On The Left´ und der abschließenden ´Coda´ steigt die Gitarre noch einmal auf, und das Orchester fängt sie behutsam auf.

Überhaupt ist die Verwandtschaft zu TIGER MOTH TALES über das ganze Album hinweg spürbar. Wie Peter Jones erzählt Greenwood seine Geschichten wie aus einem aufgeschlagenen Märchenbuch, mit Sprechstimmen und Szenen, die eher an ein Hörspiel denken lassen als an ein gewöhnliches Rockalbum. Dazu kommt eine tief verwurzelte englische Landschaftsromantik, die man ihm trotz seiner Jahrzehnte in Australien sofort abnimmt, schließlich ist er in Manchester groß geworden. Und auch er wechselt mühelos von kindlicher Zartheit in großes symphonisches Drama, ohne dass es je nach Effekt klingt.

Die Ahnengalerie reicht freilich weiter zurück. Wenn Mark Addys Stimme die Suite gliedert und der Flügel dazwischen klassisch perlt, steht unverkennbar Rick Wakemans ´Journey To The Centre Of The Earth´ Pate. Die Gitarre wiederum verrät den Steve Hackett-Schüler, mit diesen fast geflüsterten Akustikpassagen, die unvermittelt in weit ausschwingende elektrische Linien münden. Dass mit Roger King ein langjähriger Weggefährte Steve Hacketts am Flügel sitzt und mit Chester Thompson der Mann, der GENESIS jahrzehntelang live den Takt vorgab, passt da ins Bild. Die bissige Seite des Albums schließlich, allen voran die entlarvte Weihnachtsidylle der feinen Herren in ´Christmas Present´ mit Flöte, Akkordeon und rustikalem Sechsachteltakt, atmet den sozialkritischen Spott von JETHRO TULL zu Zeiten von ´Aqualung´.

Am Ende bleibt eine Platte von einem Mann, der zu viel gesehen hat, um bei großen Themen leichtfertig zu sein. Sie ist zärtlich, wo es um den Tod geht, und zornig, wo es um Unrecht geht. Das schaffen nicht viele.

(8,5 Punkte)


Bild: Cover-Artwork von Andrew Rowland
für das Album „First Day“ von John Greenwood
(© 2026 Eigenpressung)

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