
MEGADETH – Rust In Peace
1990/2023 (Capitol Records) – Stil: Technischer Thrash Metal
Als ´Rust In Peace´ 1990 erschien, steckte der Thrash Metal in einer seltsamen Lage. Die großen Bands hatten ihre Klassiker längst geschrieben, zahllose Nachahmer traten den Stil platt, und irgendwo im Nordwesten der USA stimmten ein paar Jungs mit Holzfällerhemden schon die Gitarren für die nächste Revolution. Ausgerechnet in diesem Moment legte Dave Mustaine ein Album vor, das alles bündelte, was dieses Genre je ausgemacht hatte, und es zugleich auf eine Stufe hob, die bis heute kaum jemand erreicht hat.
Dabei sah es vorher nicht nach einem Meisterwerk aus. ´So Far, So Good… So What!´ war im Drogennebel entstanden, die Besetzung bröckelte, und Mustaine selbst stand näher am Abgrund als am Mikrofon. Erst als er sich aus der Sucht herausgekämpft hatte, nahm die neue Platte Gestalt an, und an seiner und David Ellefsons Seite standen nun zwei neue Mitstreiter. Nick Menza hatte zuvor als Drumtechniker für seinen Vorgänger Chuck Behler gearbeitet und kannte die Band aus nächster Nähe, und Marty Friedman brachte von CACOPHONY eine Gitarrensprache mit, die sich aus fernöstlichen Skalen ebenso speiste wie aus klassischem Metal. Damit stand die Besetzung, die viele bis heute als die eine wahre MEGADETH-Formation verehren. Den Album-Titel fand Mustaine übrigens auf einem Autoaufkleber, der allen Atomwaffen ein Verrosten in Frieden wünschte.

´Holy Wars… The Punishment Due´ eröffnet die Platte mit einem Riff, das jeder Thrasher im Schlaf mitsummen kann. Angeregt von Mustaines Erlebnissen während eines Konzerts in Nordirland, prangert der Song Kriege im Namen der Religion an, rast im ersten Teil mit atemberaubender Präzision voran und bricht dann nach Friedmans spanisch gefärbtem Akustik-Zwischenspiel in einen schweren Midtempo-Groove um. Im zweiten Teil schlüpft Mustaine in die Rolle des Punishers, jenes Comic-Rächers, dem man Frau und Kind genommen hat. Kaum ist das verdaut, öffnet ´Hangar 18´ die Tür zu einem geheimen Militärbunker voller Außerirdischer und vergessener Wahrheiten. Nach einer erstaunlich eingängigen ersten Hälfte liefern sich Mustaine und Friedman ein Soloduell, das sich Runde um Runde hochschraubt, bis einem schwindlig wird.
´Take No Prisoners´ ist der hektischste Moment der Platte. Stop-and-Go-Riffing, jazzig springende Bassläufe von Ellefson und Gang-Shouts, die Kriegsparolen ausspucken, während der Text einen Soldaten begleitet, der von der Normandie im Rollstuhl zurückkehrt und vom eigenen Land vergessen wird. ´Five Magics´ nimmt sich dagegen alle Zeit der Welt. Über zwei Minuten baut sich das Stück aus einem unheilvollen Bassmotiv auf, ehe Mustaine von einem Herrscher erzählt, der sich die Macht der fünf Magien aneignen will, und die Rhythmusgitarren am Ende in ein vertracktes Gewitter münden.
Die zweite Seite beginnt mit ´Poison Was The Cure´. Ellefson stimmt leise eine Basslinie an, dann explodiert der Song zu purem Speed Metal. Hinter dem Bild einer Schlange, deren Gift man nie wieder los wird, verbirgt sich unverkennbar Mustaines Abhängigkeit, und kaum ein Song auf der Platte wirkt so schonungslos persönlich. ´Lucretia´ führt danach auf einen verstaubten Dachboden, wo im alten Schaukelstuhl der Großmutter ein Geist sein Unwesen treibt. Der Groove hüpft beinahe verspielt, und Friedman schüttelt ein Solo aus dem Ärmel, das mit seinen exotischen Linien eher fließt als rast.
Dann kommt ´Tornado Of Souls´. Mustaine verarbeitet darin das Ende einer Beziehung, den Anruf, der alles beendet, und die Erleichterung, die sich wie Windstille mitten im Sturm anfühlt. Musikalisch verbindet der Song Thrash-Härte mit großer Heavy Metal-Melodie, und mittendrin steht jenes Solo von Marty Friedman, das Generationen von Gitarristen nachzuspielen versucht haben. Es singt, es klagt, es rast und landet am Ende punktgenau.
Danach wird es gespenstisch still. ´Dawn Patrol´ besteht fast nur aus Ellefsons Bass, einem simplen Beat und Mustaines geflüsterter Vision einer Welt, die am Treibhauseffekt erstickt und deren Bewohner sich nur noch unter die Erde flüchten können. Den Abschluss bildet ´Rust In Peace… Polaris´. Menza eröffnet mit einem Schlagzeugauftakt, den Drummer weltweit ehrfürchtig studieren, und dann ergreift die Atomrakete selbst das Wort und brüstet sich ihrer Allmacht, bevor das Finale in rasender Geschwindigkeit den Albumtitel wie einen Schwur hinausschleudert.

Ed Repkas Cover fasst die Paranoia dieser Songs in ein einziges Bild. Vic Rattlehead präsentiert in einem geheimen Hangar einen Außerirdischen, während im Hintergrund die Staats- und Regierungschefs jener Zeit beisammensitzen, darunter George H. W. Bush, Michail Gorbatschow, Toshiki Kaifu und Richard von Weizsäcker, ein Gipfeltreffen der Vertuschung in der Endphase des Kalten Krieges.
Produziert hat Mike Clink gemeinsam mit Dave Mustaine, und der Sound ist für 1990 eine Offenbarung. Statt des damals üblichen Hallbreis hört man jeden Anschlag, jede Bassnote mit klinischer Klarheit, ohne dass die Härte darunter leidet. Die Belohnung folgte prompt, mit Platz 8 in Großbritannien, Platz 23 in den USA und zwei Grammy-Nominierungen. Die 2023 bei “Precision Record Pressing” in Kanada gefertigte Vinyl-Ausgabe auf 180g greift auf den originalen Mix von 1990 zurück und nicht auf Mustaines umstrittenen Remix von 2004, für den er unter anderem Gesangsspuren neu eingesungen hatte. Das macht den entscheidenden Unterschied.
´Rust In Peace´ war der Moment, in dem MEGADETH aus dem Schatten ihrer Vergangenheit traten und sich an die Spitze setzten. Ein Album, das Virtuosität und Wut, Weltpolitik und persönliche Abgründe zu einer Einheit verschmolz, die im Thrash Metal bis heute ihresgleichen sucht.
Mehr als dreieinhalb Jahrzehnte später rostet hier nichts. Jede technische Thrash-Platte, die seitdem erschienen ist, muss sich an diesem Album messen lassen, und die allermeisten verlieren.
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Cover-Artwork: „Rust In Peace“ von Megadeth
(Gemälde von Ed Repka / Promo via Capitol Records / Universal Music)
Bildzitat: Album- und Label-Design für den 2023er Vinyl-Rerelease
von Megadeth (© Capitol Records / UME).



