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YESTERDAYS – Arlequin

2026 (Independent) - Stil: Prog Rock

Ein Harlekin wacht auf, und die Welt beginnt zu schwanken. Mit diesem Bild öffnet Ákos Bogáti-Bokor das fünfte Album seines Projekts YESTERDAYS, und treffender könnte man diese Platte kaum zusammenfassen. Seit über zwanzig Jahren hält der ungarische Gitarrist, Komponist und Multiinstrumentalist die Fahne des symphonischen Prog hoch, stand mit YES-Urgitarrist Peter Banks auf der Bühne, arbeitete mit Jonas Reingold und griff bei ARGOS in die Saiten. Diesmal verzichtet er auf ein übergreifendes Konzept. Jeder Song erzählt seine eigene kleine Geschichte, und so wird ´Arlequin´ zu einem Kaleidoskop, das sich bei jedem Hören ein Stück weiterdreht.

Schon das Cover stimmt darauf ein. Ila Ildikó hat es aus Aquarellfarben und ausgeschnittenem Papier zusammengesetzt, verträumt und zerbrechlich zugleich, wie gemacht für ein Album, auf dem ein Harlekin die Hauptrolle spielt.

Das Fundament ist unverkennbar YES, und Bogáti-Bokor macht daraus kein Geheimnis. Doch YESTERDAYS besitzen darüber hinaus eine hohe Eigenständigkeit. Da sind die verschachtelten Chöre, die an GENTLE GIANT erinnern, ein Hauch der schwermütigen Grandezza von AFTER CRYING, gelegentlich das Augenzwinkern von JELLYFISH, und über allem schwebt die ungarische Sprache. Sie verleiht jeder Zeile einen bittersüßen Nachgeschmack, den man im englischsprachigen Prog so nie finden würde.

´Arlequin ébred´ startet mit einem klimpernden Honky-Tonk-Klavier und schwenkt sofort in rhythmische Spielereien, die einem schwindlig machen. Zsanett Torma singt hell und beweglich, Gábor Kecskeméti setzt Flötentupfer, und Bogáti-Bokors Gitarre funkelt verspielt dazwischen. Der Text zeichnet einen Clown, der mit tapferem Lächeln über einen Abgrund tanzt. In ´Kékből szürkébe´ rattert eine Budapester Straßenbahn durch einen trüben Nachmittag, eine Frau im blauen Kleid macht sich auf den Weg, und der Himmel verliert langsam seine Farbe. Flöte, Congas und ein jazziger Groove machen daraus eine kleine Großstadtballade.

´Hajnalodom´ beginnt mit einer Glocke und Klavier, wird von Streichern getragen und erzählt von einem nächtlichen Gang unter Laternen, bei dem jemand dem Morgen entgegengeht und doch nur den Winter spürt. ´Ámító tánc´ dreht die Stimmung ins Verschmitzte. Ein Tanz, bei dem einer immer mit dem falschen Fuß beginnt, eine Liebe aus Missverständnissen, rhythmisch vertrackt und mit einer Flöte, die frech dazwischenfunkt.

Mit ´Keserű szürke hold´ erreicht die Platte ihren melancholischen Höhepunkt. Ein bitterer grauer Mond hängt über zwei Menschen, die sich ihr Arrangement schönreden. Gábor Tóths Klavier, ein singender Bass und glänzende Synthesizer-Linien tragen diese Resignation mit erstaunlicher Würde. ´Vonzás és választás´ erzählt von zwei Menschen, die nicht mehr recht zusammenpassen und doch nicht voneinander lassen, und wächst von der Ballade zu einem Stück, in dem Bogáti-Bokor seine Gitarre von der Leine lässt. ´Vízfesték´ ist danach kaum mehr als ein Hauch, zwei Minuten Akustikgitarre, Stimme und Flöte, zart wie das Aquarell, nach dem es benannt ist.

Im Mittelpunkt steht dann ´Holnapok´. Elf Minuten, die mit Streichern und Flöte beginnen, sich über Klavier, Gitarrensoli und symphonische Wogen immer weiter aufbauen und dabei von einem Menschen erzählen, der zwischen verpassten Möglichkeiten und dem Mut zum Neuanfang schwankt. Hier fließt alles zusammen, was diese Band ausmacht, und László Zsigó hält am Schlagzeug die vielen Wendungen souverän zusammen.

Zum Schluss steht mit ´Drift Away (From Black And White)´ das einzige englischsprachige Stück, gesungen von Joe Payne, einst Stimme von THE ENID und heute THAT JOE PAYNE. Ein schöner Gast, ein gefälliger Song, doch nach der Farbenpracht der ungarischen Stücke wirkt er fast ein wenig zu glatt. Der Zauber dieser Platte liegt eben in ihrer Sprache.

´Arlequin´ ist ein Album voller Wärme und Wehmut, gespielt mit Liebe zum Detail und einer Klangpalette aus Mellotron, Hammond, Minimoog, Flöte und Streichern, die jedes Vintage-Prog-Herz höherschlagen lässt. Den Blick zurück und den Schritt nach vorn verbinden und dabei unverwechselbar bleiben, das gelingt nicht vielen.

(8,5 Punkte)

https://www.facebook.com/yesterdaysband


Cover-Artwork: „Arlequin“ von YESTERDAYS
(Pressebild / © 2026 Yesterdays).

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