
ROCKPILE – Live At Rockpalast 1980
2013/2016 (Repertoire Records) – Stil: Pub Rock, Rock ’n’ Roll, Power Pop
Der WDR hat seine Kameras in der Hamburger “Markthalle” aufgebaut, man schreibt den Januar 1980, und auf der Bühne steht eine Band, die es im Plattenladen offiziell gar nicht gibt. “Rockpalast” war damals schon eine Institution. Seit 1974 holte die Sendung Bands ins deutsche Wohnzimmer, die man sonst bestenfalls vom Plattencover kannte. Bei ROCKPILE ging nicht mal das. Unter eigenem Namen hatten die vier noch keine einzige Platte veröffentlicht.
Dabei war der Name älter als die Band. Schon 1970 lief Dave Edmunds’ Nummer-eins-Hit ´I Hear You Knocking´ in den britischen Charts unter „Dave Edmunds’ Rockpile“, zwei Jahre später hieß sein erstes Soloalbum schlicht ´Rockpile´. Aus der losen Begleitcrew wurde mit Nick Lowe, Billy Bremner und Terry Williams ein Quartett, das im Studio wegen verkorkster Plattenverträge ständig unter falscher Flagge segelte. Auf der Bühne gab es keine Verträge. Da gab es nur diese vier. In Hamburg standen sie zum einzigen Mal unter dem Namen ROCKPILE vor den “Rockpalast”-Kameras, und ein offizielles Livealbum hat die Band zu Lebzeiten nie veröffentlicht. Umso wertvoller ist dieser Abend.
Was sofort auffällt, ist das, was fehlt. Kein einziger Song von ´Seconds Of Pleasure´, nicht mal ´Teacher, Teacher´. Die Platte erschien erst im Herbst, und so hört man eine Band, die noch nicht ahnt, dass ihr Debüt zugleich ihr Abschied werden wird. Stattdessen gibt es die besten Stücke aus den Soloplatten von Edmunds und Lowe, dazu jede Menge Lieder von Freunden und Helden.

Bevor überhaupt ein Ton von ROCKPILE erklingt, eröffnet die erste Seite stilecht mit der Erkennungsmelodie des “Rockpalast”, ´Believe In Me´ von der J. GEILS BAND, einem Song von Curtis Mayfield, und schon sitzt man gedanklich wieder vor dem Röhrenfernseher. Dann geht’s los mit ´Sweet Little Lisa´, das Hank DeVito mitgeschrieben hat, gefolgt von ´So It Goes´, Lowes allererster Single aus den frühen Stiff-Tagen. Wer da nicht mit dem Fuß wippt, sollte mal seinen Puls checken lassen. ´I Knew The Bride (When She Used To Rock And Roll)´ stammt ebenfalls aus Lowes Feder, Edmunds hatte es 1977 aufgenommen, und so funktioniert diese Band eben, einer schreibt, der andere singt, und keiner fragt, wem der Song gehört. ´Switchboard Susan´ kommt von Mickey Jupp, ´Crawling From The Wreckage´ von Graham Parker.
´Trouble Boys´ hat Bremner selbst geschrieben, allerdings unter dem Pseudonym Billy Murray, damit ihn niemand mit dem berühmten schottischen Fußballer gleichen Namens verwechselt, und live durfte er den Song auch selbst singen. Pub Rock war immer auch ein Freundeskreis, und an diesem Abend sitzt der halbe Stammtisch mit auf der Setlist. Den ´Girls Talk´ hatte Elvis Costello Edmunds überlassen, und auf der Bühne gewinnt der Song noch einmal an Biss. ´Three Time Loser´, an dem Don Covay mitgeschrieben hat, bringt danach eine Prise Soul ins Spiel, Lowes ´Born Fighter´ lässt die Fäuste fliegen, und mit ´You’ll Never Get Me Up In One Of Those´ landet ein zweiter Jupp-Song im Set.
Seite drei gehört den Klassikern und Herzensbrechern. Chuck Berrys ´Promised Land´ hetzt quer durch Amerika, als hätte jemand den Fahrplan zerrissen, und Hank DeVitos ´Queen Of Hearts´, später ein Hit für Juice Newton, zeigt Edmunds von seiner schmelzenden Seite. ´They Call It Rock´ haben die vier gemeinsam geschrieben, ein augenzwinkerndes Bekenntnis einer Band, der Etiketten herzlich egal waren. Jim Fords ´Ju-Ju Man´ schiebt mit Groove nach. Die letzte Seite eröffnet Melvin Endsleys ´Singing The Blues´, dann folgt mit knapp sieben Minuten der längste Brocken des Abends, das Doppel aus Berrys ´Let It Rock´ und Otis Blackwells ´Let’s Talk About Us´, und zum Schluss tritt ´Down Down Down (aka Feel Like I’m Goin’ Down)´ noch einmal kräftig aufs Gaspedal.

Siebzehn Songs in gut einer Stunde. Keine Atempause, die sich nach Pause anfühlt. Die Band trennte sich gut ein Jahr später, und dieser Abend blieb, was er ist, ein Schnappschuss von vier Leuten auf dem Siedepunkt. Passend dazu zeigt das Cover, ganz im vertrauten Stil der “Rockpalast”-Reihe, ein Schwarzweißfoto vom Konzert selbst, ohne Hochglanz und ohne Inszenierung, so roh und unmittelbar wie die Musik in den Rillen.
„Repertoire Records“ hatte den Mitschnitt 2013 zunächst als CD und DVD herausgebracht, 2016 kam er erstmals auf Vinyl. Zwei Platten aus 180g im Klappcover, dazu ein Beiblatt mit Liner Notes von Will Birch aus dem November 2013, die schon die CD/DVD-Erstausgabe begleiteten, und die komplette DVD liegt gleich mit bei. Ein schönes Detail für Fernsehnostalgiker steckt in den Credits, die die komplette WDR-Crew von damals aufführen, von Regisseur Christian Wagner bis zu “Rockpalast”-Redakteur Peter Rüchel.
Auf den LPs läuft der originale Mono-Ton der Fernsehübertragung, in den “Abbey Road Studios” gemastert. Wer jetzt die Nase rümpft, sollte erst mal reinhören. Mono und diese Musik gehören zusammen, alles kommt aus einem Punkt, kompakt und direkt, so wie man diese Band im verqualmten Saal erlebt hätte. Wer lieber Breite will, greift zur DVD, die das ganze Konzert im NTSC-Format ohne Ländercode bietet, wahlweise in Stereo oder 5.1. Bild und Ton zusammen, Musik und Erinnerung in einem Paket.
Wer diese Platten auflegt, steht für siebzehn Songs wieder in der Hamburger “Markthalle”, Bier in der Hand, Schweiß auf der Stirn, und weiß hinterher, dass es selten eine Band gab, die Rock ’n’ Roll so frisch und so frech gespielt hat wie diese vier.
(Offizielles WDR-Rockpalast-Coverdesign / Promo via Repertoire Records).
Bildzitat: Haptisches Gatefold-Design und DVD-Label
der 2016er Edition von Rockpile –
Live At Rockpalast (© 2016 Repertoire Records / WDR).



