
Als EMERSON, LAKE & PALMER ihr viertes Studioalbum im Dezember 1973 veröffentlichten, kam das nicht als bescheidene Randnotiz der Rockgeschichte daher, sondern als Kampfansage an jeden, der glaubte, Rockmusik könne nicht gleichzeitig Kathedrale, Zirkus und Science-Fiction-Roman sein. ´Brain Salad Surgery´ heißt dieser Vorstoß, und er hat bis heute nichts von seiner Wucht verloren.
Das Trio hatte sich gerade von seinem Label “Atlantic Records” emanzipiert und mit “Manticore Records” ein eigenes Imperium gegründet, finanziert von den Erlösen ihres Vorgängeralbums ´Trilogy´ und untergebracht in einem stillgelegten Kino in Fulham, West-London, das sie kurzerhand zum Proberaum umfunktionierten.
Der Grund für den radikalen Umbruch war frustrierend simpel. ´Trilogy´ war mit so vielen Overdubs vollgestopft, dass die Band die Songs auf der Bühne kaum nachspielen konnte. Diesmal sollte alles live spielbar sein, gejammt, verworfen, neu geschrieben, wieder gejammt, bis aus diesem Prozess selbst jenes Gefühl entstand, mit dem ´Karn Evil 9´ beginnt, ein Gruß direkt ins Gesicht des Publikums.

Noch bevor jedoch nur eine Note aufgenommen war, sorgte schon der Arbeitstitel für Kopfschütteln. Die Band nannte ihr kommendes Werk zunächst ´Whip Some Skull On You´, ein deftiger Slangausdruck für Oralsex. Für den Massenmarkt war das natürlich unmöglich, also schlug Tourmanager Mario Medius die Zeile ´Brain Salad Surgery´ vor, entliehen aus Dr. Johns Hit ´Right Place, Wrong Time´. Der Treppenwitz an der Geschichte ist kaum zu toppen, denn im New-Orleans-Slang bedeutete der neue, harmloser klingende Titel exakt dasselbe wie der alte. Als H.R. Giger, der zunächst enttäuscht über den Titelwechsel war, den wahren Hintersinn erfuhr, soll er zufrieden gelacht haben.
Denn für das Artwork engagierte die Band den Schweizer Künstler H.R. Giger, der Jahre später mit seinem biomechanischen Kreaturendesign für den Film “Alien” Weltruhm erlangen sollte. Giger schuf ein Triptychon aus einem industriellen, von einem menschlichen Schädel durchdrungenen Mechanismus, dessen Innenseite beim Aufklappen das Gesicht einer Frau enthüllte, modelliert nach Gigers Partnerin Li Tobler, mit Narben und einer Frisur aus drahtigem, wurmartigem Haar. Ursprünglich ragte unterhalb des Kinns ein deutlich erkennbarer Phallus empor. Die Plattenfirma weigerte sich strikt, das Cover so zu veröffentlichen, und Giger, der sich zunächst querstellte, ließ das Objekt schließlich zu einem Lichtstrahl umretuschieren. Die beiden Originalgemälde, jahrzehntelang als Kleinode der Rockgeschichte gehandelt, wurden 2005 nach einer Ausstellung in Prag gestohlen und sind bis heute spurlos verschwunden.
Eröffnet wird das Album von ´Jerusalem´, einer bombastischen Rock-Adaption der altehrwürdigen englischen Hymne von William Blake und Hubert Parry. Statt der Orgel greift Keith Emerson hier zum brandneuen Prototyp des Moog Apollo, dem allerersten polyphonen Synthesizer der Geschichte, und erzeugt damit dichte, bläserartige Klangwände, während Greg Lake mit feierlicher Klarheit singt. Die BBC empfand die Rock-Version offenbar als Affront gegen die Britishness der Vorlage und verbannte den Song kurzerhand aus dem Radioprogramm, was der als Single geplanten Auskopplung jede Chartchance nahm.
Danach folgt mit ´Toccata´ das dunkelste, aggressivste Stück des Albums, eine radikale Bearbeitung des vierten Satzes von Alberto Ginasteras erstem Klavierkonzert. Emerson kannte das Stück schon seit seiner Zeit bei THE NICE und hatte es nie vergessen können. Carl Palmer schlug vor, ein Schlagzeugsolo einzubauen, und übertrug die für Klavier geschriebene Partitur mühsam auf seine Trommeln, verstärkt durch acht eigens entwickelte Percussion-Synthesizer, wodurch das historisch erste elektronische Schlagzeugsolo der Rockgeschichte entstand. Bevor die Band das Stück veröffentlichen durfte, musste Emerson jedoch erst nach Genf fliegen, um den exzentrischen Komponisten persönlich um Erlaubnis zu bitten. Ginastera legte das Band ein, hörte wenige Takte, stoppte die Wiedergabe und rief aus, das sei diabolisch. Emerson, der zunächst eine Klage befürchtete, bemerkte, dass das Band nur in Mono lief. Er schaltete panisch auf Stereo um, woraufhin Ginastera das Stück in seiner vollen Pracht lauschte und restlos begeistert war. Dies erwies sich als das größte Kompliment seines Lebens, denn niemand, so der Komponist, habe die Essenz seiner Musik jemals so eingefangen.

Nach so viel Wucht braucht auch die aggressivste Band eine Verschnaufpause, und die liefert ´Still…You Turn Me On´, eine von Greg Lake nahezu im Alleingang getragene Akustikballade. Zwölfsaitige Gitarre, Emersons zärtliches Akkordeon und ein weinerlich verzerrtes Clavinet, das eine Wah-Wah-Gitarre imitiert, verweben sich zu einem der zeitlosesten Momente des Albums, einer kurzen Rückkehr zur Intimität, bevor der Wahnsinn wieder losbricht.
´Benny The Bouncer´ liefert die komödiantische Verschnaufpause, die auf fast jedem ELP-Album zu finden ist. Zu einem absichtlich verstimmten Honky-Tonk-Klavier verstellt Lake seine Stimme zu einem rauen Cockney-Akzent und erzählt, unterstützt von Pete Sinfields bitterbösen Reimen, die groteske Geschichte eines Türstehers, der bei einer Schlägerei buchstäblich in Stücke gerissen wird und anschließend als Rausschmeißer am Himmelstor weiterarbeitet. Es ist der einzige echte Witz des Albums, aber er sitzt.
Und dann kommt ´Karn Evil 9´, fast dreißig Minuten geballter Progressive Rock-Größenwahn, aufgeteilt in drei Sätze, die die Band selbst ´Impressions´ nannte. Ursprünglich sollte das Stück ´Ganton 9´ heißen, benannt nach einem fiktiven Planeten, auf den alles Böse und Dekadente verbannt wurde, doch Texter Pete Sinfield, der schon mit Lake bei KING CRIMSON zusammengearbeitet hatte, fand, dass Emersons Musik eher nach einem Jahrmarkt klang, und schlug den heutigen Titel vor. Die erste ´Impression´ enthält die berühmteste Zeile des ganzen Albums, einen jahrmarktschreierischen Gruß ans Publikum, der seither unzählige Male als Konzerteröffnung und Radiodauerbrenner zitiert wurde und sogar dem zweiten Livealbum der Band, ´Welcome Back My Friends To The Show That Never Ends´, seinen Namen gab.
Die zweite ´Impression´ lässt die Rockband für gut sieben Minuten fast vollständig verschwinden und macht Platz für ein perlendes Jazz-Duell zwischen Emersons Flügel und Palmers lateinamerikanisch angehauchtem Schlagzeug, bevor die dritte ´Impression´ das Album mit einer heroischen, marschartigen Science-Fiction-Erzählung beschließt. Textlich tobt hier die Schlacht zwischen Mensch und Maschine, und am Ende triumphiert der Computer. Emerson jagte die Stimme von Lake durch einen Ringmodulator des Moog, um ihr jenen kalten, mechanischen Klang zu verleihen, mit dem die Maschine ihren Sieg verkündet.

Zur Unterstützung des Albums brach die Band zur bis dahin größten Tournee ihrer Karriere auf, mit fast vierzig Tonnen Equipment im Gepäck, darunter Emersons monströser Moog Modular Synthesizer, der aussah wie eine ausgewachsene Telefonvermittlung. Für die Show ließ sich Emerson ein Klavier bauen, das per Hydraulik in der Luft um seine eigene Achse gedreht werden konnte, während er festgeschnallt kopfüber weiterspielte und sich bei den Stürzen regelmäßig Schnittwunden zuzog. Carl Palmer wiederum bestellte sich ein komplettes Schlagzeug aus purem Edelstahl, dessen Kessel so massiv waren, dass das gesamte Set über eine halbe Tonne wog, montiert auf einer drehbaren Plattform, damit auch die letzte Reihe im Publikum jeden Trommelwirbel aus jedem Winkel bewundern konnte. Über die legendäre Bühnenausstattung von Greg Lake, der angeblich für jedes einzelne Konzert einen echten persischen Teppich ausrollen ließ, kursieren bis heute hartnäckige Geschichten in der Fanszene.
Die analogen Oszillatoren der Moog-Synthesizer reagierten extrem empfindlich auf Scheinwerferhitze und Zugluft, weshalb Emersons Techniker während der Konzerte oft mit einem Föhn hinter der Bühne stand, um die Platinen auf konstanter Temperatur zu halten. Am Ende mancher Shows bekämpfte Emerson seine Instrumente regelrecht, warf Messer in die Tastatur, um Töne zu halten, und ließ Hammondorgel oder Synthesizer per Pyrotechnik kontrolliert explodieren, manchmal mit so viel Sprengstoff, dass Band und Publikum Gehörschäden und dichte Rauchwolken davontrugen.
Selbst die Werbung für das Album geriet zum kleinen Drama. Das bandeigene Label ließ eine Flexidisc mit exklusiven Albumausschnitten pressen und der Musikzeitschrift NME beilegen. Die Nachfrage war derart überwältigend, dass die Presswerke nicht hinterherkamen und Tausende verbogene, beschädigte Exemplare bei wütenden Fans landeten. Heute gilt diese fehlerhafte Flexidisc als teures Sammlerstück.
Kommerziell war ´Brain Salad Surgery´ ein Triumph. Das Album kletterte in Großbritannien bis auf Platz zwei der Charts und hielt sich dort achtzehn Wochen, verdrängt vom Spitzenplatz nur durch das Konkurrenzwerk ´Tales From Topographic Oceans´ der Erzrivalen von YES. In den USA verbrachte es 47 Wochen in den Charts, länger als jedes andere ELP-Album zuvor. Beiderseits des Atlantiks wurde die Platte mit Gold ausgezeichnet.

All das ist über fünfzig Jahre her, und trotzdem klingt ´Brain Salad Surgery´ heute frischer denn je, zumindest wenn man die richtige Pressung besitzt. Das renommierte Audiophil-Label “Mobile Fidelity Sound Lab” veröffentlichte kürzlich eine streng limitierte, nummerierte Neuauflage, sowohl als 180g-Vinyl als auch als Hybrid-SACD, und wer diese Version noch nicht gehört hat, kennt dieses Album eigentlich noch gar nicht richtig.
Für das Mastering wurden die originalen Viertelzoll-Analogbänder direkt in den MoFi-Studios in Nordkalifornien auf ein hochauflösendes DSD-256-System übertragen, über eine analoge Konsole geführt und ohne digitale Umwege direkt auf den Schneidstichel gebracht. Gepresst wurde die Platte bei “Fidelity Record Pressing”. Verpackt ist das Ganze in einer dicken Stoughton-Doppelklapphülle mit originalgetreu reproduziertem Giger-Artwork und einem hochwertigen Beileger, der dem Original alle Ehre macht.
Klanglich ist das Ergebnis schlicht überwältigend. Das Vinyl besitzt eine fast unheimliche Stille zwischen den Noten, die kein Rauschen, kein Knistern und keine Klicks kennt, was gerade in den leisen Passagen von ´Still…You Turn Me On´ Gänsehaut erzeugt. Die Kanaltrennung ist messerscharf, Emersons tonnenschwere Keyboard-Wände erdrücken den Rest der Band nicht länger. Greg Lakes Bassfundament gewinnt spürbar an Kontur, und Carl Palmers Schlagzeug, besonders seine Pauken in ´Toccata´, trifft mit einer Direktheit und Wucht, die frühere Ausgaben schlicht nicht liefern konnten. Wenn in ´Karn Evil 9´ der berühmte Ruf ans Publikum ertönt, springt er förmlich dreidimensional aus den Lautsprechern, als stünde die Band tatsächlich mitten im Raum.
Wer schon unzählige Wiederveröffentlichungen dieses Albums besitzt und dachte, er kenne jede Nuance dieser Musik in- und auswendig, sollte sich auf eine Überraschung gefasst machen. Diese MoFi-Ausgabe ist keine bloße Neuauflage, sie ist die Referenzversion, auf die Fans seit einem halben Jahrhundert gewartet haben.
Fünfzig Jahre nach seiner Veröffentlichung bleibt ´Brain Salad Surgery´ ein Monument des Größenwahns und der Genialität zugleich, ein Album, das sich weigert, kleiner zu klingen, als es tatsächlich ist. Wer Progressive Rock in seiner unverschämtesten, prächtigsten Form erleben will, kommt an diesem Album nicht vorbei, und wer es auf der MoFi-Pressung von 2026 hört, hört es zum ersten Mal wirklich vollständig.



