
THE ALLMAN BROTHERS BAND – At Fillmore East
1971/2026 (Mercury) - Stil: Blues Rock/Southern Rock
12. und 13. März 1971, New York City. THE ALLMAN BROTHERS BAND stehen offiziell nur als Vorgruppe im Programm, gebucht als Special Guests hinter JOHNNY WINTER AND und THE ELVIN BISHOP GROUP. Nach der ersten Show ist klar, dass diese Aufteilung nicht mehr stimmt, Konzertveranstalter Bill Graham lässt die Band für die beiden folgenden Abende das Set schließen. Aus den vier Auftritten dieser zwei Nächte montiert Produzent Tom Dowd ´At Fillmore East´, ein Doppelalbum mit nur sieben Songs, das über “Capricorn Records” erscheint und die Band von einer kommerziell erfolglosen Studio-Truppe zu einer der prägenden Live-Formationen der Rockgeschichte macht.

Der Klang der Platte entsteht aus dem Gefühl, mitten im Raum zu sitzen, während zwei Gitarristen und zwei Schlagzeuger gleichzeitig auf einen zusteuern. Duane Allmans Slide-Gitarre schneidet gleich im Opener ´Statesboro Blues´ scharf und klagend durch den Song, während Dickey Betts daneben eher singt als spielt, seine Linien folgen fast der menschlichen Stimme. Immer wieder finden die beiden zueinander und spielen dieselbe Melodie im Duett, ein Klang, der einem Schauer über den Rücken jagt. Auch die beiden Schlagzeuger, Butch Trucks und Jai Johanny Johanson, besser bekannt als Jaimoe, stapeln sich nicht einfach übereinander, sie tragen den Groove auf unterschiedliche Weise, mal treibend und geradeaus, mal mit einer schwülen, fast tänzerischen Note. Berry Oakleys Bass wandert dazu wie eine eigene Stimme durch die Songs, statt brav im Hintergrund zu bleiben, während Gregg Allmans Orgel darunter wie ein zweiter Herzschlag mitläuft, mal kaum hörbar, mal alles tragend.
Nur zwei Songs, ´Statesboro Blues´ und ´Done Somebody Wrong´, bleiben unter fünf Minuten. Bei ´Done Somebody Wrong´ jagen sich Duane Allmans Slide-Gitarre und Thom Doucettes Mundharmonika förmlich gegenseitig durch den Song, ein kurzer, fiebriger Ausbruch. Danach wird es mit ´Stormy Monday´ fast andächtig, Dickey Betts spielt zuerst ein sanftes, fast zärtliches Solo, ehe Duane Allman übernimmt und denselben Song langsam anschwellen lässt, bis er förmlich brennt, in der Tiefe liegt die ganze Zeit Gregg Allmans Orgel mit ihrer rauchigen, nächtlichen Schwere.
Alles Weitere nimmt sich viel mehr Zeit, manches über zwanzig Minuten. ´You Don’t Love Me´ ist im Original gerade einmal drei Minuten lang, live wächst der Song auf fast zwanzig, weil irgendwann die ganze Band verstummt und Duane Allman minutenlang völlig allein spielt, als würde er laut mit sich selbst sprechen. ´Hot ‘Lanta´ wurde nie im Studio aufgenommen, der Song entstand beim gemeinsamen Spielen und wurde einfach live festgehalten. ´In Memory Of Elizabeth Reed´ entfaltet sich dagegen ganz ruhig, ein warmes, fast schwebendes Stück, das nicht zufällig an Jazzgrößen wie John Coltrane oder Miles Davis erinnert.
´Whipping Post´ bildet den Schlusspunkt der Platte. Der Song beginnt in einem schiefen, fast taumelnden Takt, der einen sofort aus dem Gleichgewicht bringt, bevor er sich über zwanzig Minuten zwischen fast völliger Stille und der vollen Wucht der Band hin und her wirft. Immer wieder scheint der Song am Ende zu sein, die Spannung fällt ab, man atmet auf, nur damit die Band im nächsten Moment noch einmal anzieht, lauter und dringlicher als zuvor. Erst ganz am Schluss lässt Duane Allman einen einzigen, lang gehaltenen Ton stehen, während Butch Trucks darunter die Pauken rollen lässt, und mit einem letzten Schlag ist alles vorbei, mitten im Publikum, das kaum glauben kann, was es gerade gehört hat. Diese Bereitschaft, einem Gefühl so viel Raum zu geben, war 1971 etwas komplett Neues, aus ihr wurde später das, was man Southern Rock nennen würde.

Verantwortlich für den Aufnahmeklang war Tom Dowd, der vor seiner Karriere als Toningenieur als junger Physiker am Manhattan-Projekt mitgearbeitet und bereits bei “Atlantic Records” das lineare Fader-Mischpult anstelle von Drehreglern etabliert hatte. Im Aufnahme-Truck vor dem “Fillmore East” musste er in Echtzeit auf eine Band reagieren, die mit zwei Leadgitarren und zwei Schlagzeugern ungewöhnlich viele Signalquellen gleichzeitig lieferte. Eine ursprünglich engagierte Bläsersektion strich Tom Dowd nach den ersten Proben wieder, ihr Klang habe sich mit dem freien Zusammenspiel der beiden Gitarristen gestoßen, übrig blieb nur Thom Doucettes Mundharmonika als Gastbeitrag. Nachträgliche Studioüberarbeitungen an den Instrumenten gab es auf der fertigen Platte praktisch keine, was der Aufnahme bis heute ihre ungeglättete Wirkung verleiht.
Für die Band war das Album der Punkt, an dem sich alles änderte. Die beiden vorangegangenen Studioalben, das Debüt von 1969 und ´Idlewild South´ von 1970, hatten sich kaum verkauft, während die Band gleichzeitig über dreihundert Auftritte im Jahr spielte. ´At Fillmore East´ erreichte Platz 13 der US-Charts und wurde die erste Platin-Platte der Band. Nur wenige Monate später, im Oktober 1971, starb Duane Allman bei einem Motorradunfall, gut ein Jahr danach Bassist Berry Oakley bei einem fast identischen Unfall nur wenige Straßen weiter. Das Album blieb damit das einzige vollständige Live-Dokument der Originalbesetzung.
Innerhalb der Geschichte der Rockmusik wird ´At Fillmore East´ regelmäßig neben Alben wie ´Live At Leeds´ von THE WHO als eines der bedeutendsten Live-Alben überhaupt genannt, meist mit dem Argument, dass hier so gut wie keine nachträglichen Korrekturen stattfanden und trotzdem eine derart disziplinierte Improvisation zu hören ist. 2004 nahm die “Library of Congress” das Album in ihr National Recording Registry auf. Die Band selbst hat sich gegen die Bezeichnung als Jam-Band immer gewehrt und sich lieber als eine Band beschrieben, die eben jamt, dennoch orientieren sich bis heute Gruppen wie GOV’T MULE oder PHISH hörbar an diesem Prinzip, einen Song jeden Abend neu zu improvisieren, statt ihn identisch zu wiederholen.
Die neu erschienene “Vinylphyle”-Edition nähert sich diesem Material auf eine Weise, die dem Anspruch der Originalaufnahme entspricht. Grundlage ist das originale Viertelzoll-Masterband von 1971 bei 15 Zoll pro Sekunde ohne Dolby-Rauschunterdrückung, geschnitten von Jeff Powell komplett analog, ohne digitale Zwischenstufe. Galvanisiert und gepresst wird bei “Record Technology Incorporated” in Kalifornien, auf schwerem 180g-Vinyl, dessen Oberflächen ruhig laufen.
Klanglich verschiebt sich gegenüber älteren Pressungen der Fokus etwas in Richtung Mitten und Bässe, während sich die Gitarren runder in die Stereobühne einfügen als auf der originalen “Capricorn”-Pressung. Wer die hell abgemischte “Mobile Fidelity”-Version kennt, wird hier ein wärmeres, geschlosseneres Bandgefühl vorfinden. Dazu kommt ein schweres Tip-On-Gatefold-Cover, ein vierseitiges Booklet mit Scans der originalen Bandmaschinen-Kartons und neue Liner Notes von Scott B. Bomar, der für seinen Text unter anderem mit Schlagzeuger Jai Johanny Johanson sprach.
Klassiker.



