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VIRGIN STEELE – Life Among The Ruins

1993/2026 (Steamhammer / SPV) - Stil: Blues-orientierter Hardrock

Brennende Fackeln im Schneegewitter, verlassene Burgruinen im Schein des Vollmonds und der unbändige Wille, eine metallische Kathedrale aus purem Gold zu errichten! Als VIRGIN STEELE im März 1993 nach fast fünf Jahren tiefster Dunkelheit und lähmendem Schweigen mit ihrem fünften Studioalbum ´Life Among The Ruins´ um die Ecke bogen, stockte der weltweiten Metal-Gemeinde kollektiv der Atem. Die Schockwellen fuhren den Fans bis tief in die Knochen. Nach dem epischen Meilenstein ´Noble Savage´ und dem edlen Power Metal-Gefecht ´The Age Of Consent´ wartete die kuttentragende Gefolgschaft händeringend auf die nächste unbarmherzige US Metal-Breitseite voller brennender Schwerter, babylonischer Göttersagen und opernhafter Schreie. Doch was das Long-Island-Gespann um Meisterdenker David DeFeis und Saitenvirtuose Edward Pursino über das deutsche Kult-Label “Shark Records” auf die Menschheit losließ, glich einer musikalischen Grenzüberschreitung ohnegleichen. Die Band hatte ihre Rüstung abgelegt, hüllte sich in samtiges Leder und servierte ein bombastisches, saftig produziertes Hardrock-Werk, das tief im erdigen Blues wurzelte.

Man muss sich die verfahrene Szene-Landschaft der frühen Neunziger vor Augen führen, um das schiere Ausmaß dieses kühnen Befreiungsschlags zu begreifen. Die Musikwelt lag im Frühjahr 1993 unter einer dicken Decke aus Seattle-Frustration begraben. Während der Grunge-Boom alles niederwalzte und gestandene Metal-Schlachtrosse scharenweise das Handtuch warfen, steckten VIRGIN STEELE in zermürbenden juristischen Schlammschlachten fest. Management-Streitigkeiten lähmten die Band, woraufhin der langjährige Bassist Joe O’Reilly frustriert das Handtuch warf und der Szene komplett den Rücken kehrte. In dieser düsteren Phase stieß der blutjunge Bass-Gitarrist Rob DeMartino zur Band. Sein extrem grooviges, hochmusikalisches Spiel war der finale Funke, der das eingerostete Getriebe neu entfachte. Während Zeitgenossen wie ANTHRAX auf ´Sound Of White Noise´ die moderne Härte suchten, AEROSMITH mit ´Get A Grip´ die Weltmeere eroberten und SAVATAGE auf ´Edge Of Thorns´ tragische Hymnen meißelten, schlossen sich VIRGIN STEELE im Studio ein, um sich meilenweit entfernt von allen Erwartungen völlig neu zu erfinden.

Als David DeFeis und Edward Pursino die fertig gemischten Masterbänder in die Zentrale von “Shark Records” trugen, erlitten die Plattenbosse einen regelrechten Kulturschock. Anstelle heroischer Schlachthymnen tönten aus den Lautsprechern laszive, sexgeladene Rock-Epen, die in ihrer Machart verblüffend an die glorreiche 1987er-Ära von WHITESNAKE oder die Ur-Gewalt von LED ZEPPELIN erinnerten. Sogar das inhaltliche Konzept hatte David DeFeis radikal gedreht. Der Mann, der sonst epische Texte über die griechische Mythologie und philosophische Abhandlungen verfasste, sang plötzlich über Sehnsucht, Herzschmerz, heiße Nächte und ungezähmte Lust. Der Stimmakrobat tauschte seine schneidenden, ultraschrillen Screams gegen ein rauchiges, samtiges Gurren und Hauchen ein.

Die Entstehungsgeschichte barg zudem atemberaubende Geheimnisse, die erst Jahre später ans Licht sickerten. David DeFeis und Edward Pursino schrieben während dieser hochkreativen Sessions nämlich bereits gigantische Monumental-Kompositionen wie die spätere Hymne ´Blood & Gasoline´ sowie das Stück ´Life Among The Ruins´. Doch David DeFeis spürte mit wandlerischer Treffsicherheit, dass diese Songs noch unfertig waren. Er ließ das Titelstück paradoxerweise vom gleichnamigen Album komplett verschwinden, hielt die Rohdiamanten zurück und ließ sie reifen, bis sie ein Jahr später das Rückgrat der unsterblichen ´The Marriage Of Heaven And Hell´-Saga bilden sollten. Stattdessen lag der Fokus auf exzellentem, bodenständigem Songwriting.

Musikalisch war dieses Werk eine Offenbarung an Eleganz und Spielfreude. Schon der Opener ´Sex Religion Machine´ fegte mit einem wuchtigen, tiefen Basslauf von Rob DeMartino aus den Boxen, gefolgt vom absoluten Überhit ´Love Is Pain´. Hätten VAN HALEN diesen emotionalen Kracher geschrieben, das Video wäre auf MTV in Dauerrotation gelaufen. Die Band dachte nicht im Traum daran, billigen Kitsch abzuliefern. Das rasante ´Jet Black´ versprühte den dreckigen Charme von SKID ROW und GUNS N’ ROSES, während das majestätische ´Crown Of Thorns´ sowie das tiefgründige ´I Dress In Black (Woman With No Shadow)´ bewiesen, dass der epische Geist von VIRGIN STEELE unter der Hardrock-Oberschicht nach wie vor mächtig loderte. Neben der Hardrock-Ballade ´Never Believed In Goodbye´ sorgte insbesonders die zarte Akustik-Ballade ´Last Rose Of Summer´ für echte Gänsehaut. Absolut makellose, melancholische AOR-Rock-Glittersongs wie ´Love’s Gone´, Sunset-Strip-Gefühle versprühende Lieder wie ´Wild Fire Woman´ oder das feurige ´Too Hot To Handle´ rundeten dieses mißverstandene Werk ab.

Auch wenn die traditionsbewussten True Metal-Puristen die Nase rümpften und das Album im Erscheinungsjahr 1993 durch den zeitgleichen Grunge-Boom kommerziell einen schweren Stand hatte, feierte die Scheibe vor allem in Deutschland und Japan gigantische Erfolge. Und wahrscheinlich hätte die Band ohne diesen kühnen Ausflug in den verrauchten Blues-Rock wohl niemals die nötige songwriterische Erdung und innere Balance gefunden, um kurz darauf mit den beiden Teilen von ´The Marriage Of Heaven And Hell´ den absoluten Thron des Epic Metal zurückzuerobern. Es war die essenzielle Ruhe vor dem orchestralen Sturm.

Für Hi-Fi-Enthusiasten und Schallplattensammler bringt das Jahr 2026 die späte historische Gerechtigkeit für dieses unterschätzte Kleinod. Beim ursprünglichen Release 1993 wurde das Album von “Shark Records” schlichtweg gar nicht auf Vinyl gepresst. Erst jetzt schließen “Steamhammer / SPV” diese schmerzhafte Lücke in den Sammlerregalen mit einer atemberaubenden Doppel-LP. In wunderschönem “Solid Blue”-Vinyl gehalten, greift die Pressung die blaue Ästhetik des Klappcovers perfekt auf. Die Aufteilung der Songs auf vier weitläufige Plattenseiten tut dem warmen, analogen Soundgourmet-Klangbild mehr als gut. Der tief schimmernde Bass von Rob DeMartino und Edward Pursinos perlende Gitarren entfalten eine gewaltige Dynamik. Dass die Neuauflage neben dem US-Bonustrack ´Snakeskin Voodoo Man´ auch noch Perlen wie das fantastische TROGGS-Cover ´Wild Thing´, ´The Moonrise In Your Skin´, ´The Magick Of Your Sin´ und das epische ´Flesh & Blood´ an Bord hat, macht diese Reissue zur unumstößlichen ultimativen Fassung eines gewaltigen und verkannten Werkes.

https://www.facebook.com/VIRGINSTEELEOFFICIAL

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